Tagblatt Online, 26. Januar 2010 01:00:51
Der kompromisslose Bettelmönch
Kopf desTages
Kazuo Inamori: Vom Kloster ins Cockpit der Japan Airlines. (Bild: Bild: ap/pd)
Der kompromisslose Bettelmönch
Einen «kompletten Amateur in der Transportindustrie» nennt sich Kazuo Inamori. Trotzdem soll der Selfmade-Milliardär die marode Japan Airlines wieder flugtüchtig machen. Neben seiner Unkenntnis der Branche ist Inamori bekannt als grosszügig und gutherzig. Beides Merkmale, die der heute 77-Jährige vor zwölf Jahren, als er sich an Krebs erkrankt aus dem Unternehmertum zurückzog, in seiner zweiten Karriere weiter entfalten konnte.
Damals gab der Gründer des Kyocera-Konzerns dessen Leitung ab und zog sich in einen buddhistischen Tempel zurück. Fortan predigte er als Bettelmönch die «grosse Harmonie», so die Übersetzung seines Priesternamens Daiwa.
Trotz Inamoris Bekenntnis zur Demut und Bescheidenheit – legendär ist auch seine Durchsetzungskraft. Seinen Feinkeramik-Konzern führte er als autoritärer Patriarch. «Arbeiten Sie härter als andere», lautet der Leitspruch an seine Belegschaft.
Den Verkauf maximieren und die Ausgaben minimieren, bläute er seinen Angestellten das Prinzip der Gewinnmaximierung ein. Diese freilich sieht er nicht als Selbstzweck. Auch geht es ihm nicht primär um das Wohl der Aktionäre. «Ein Unternehmen ist für das spirituelle und materielle Glück seiner Mitarbeiter verantwortlich», steht in Inamoris Buch «Lebensweise» über seine Philosophie zu lesen.
Inamori fordert viel, und er geniesst hohes Ansehen. Japanische Medien nannten ihn einen «Management-Gott». Anders als andere Patrons nahm er seine Belegschaft an der Hand und ging alle Wege mit ihnen gemeinsam. «Führung durch Vorbild» pflegt er zu predigen. Die in Japan üblicherweise streng befolgten Regeln des Senioritätsprinzips gelten ihm nichts. Waren sie tüchtig, konnte Inamori junge Ingenieure bei Beförderungen ihren älteren Arbeitskollegen gegenüber immer wieder bevorzugen. Kompromisse sind Inamori ein Greuel, und wenn nötig, hat er sich auch als knallharter Sanierer profiliert.
Mit dieser Mischung aus Bescheidenheit und Gutmütigkeit einerseits und klaren Vorstellungen von Leistung und Management andererseits soll der greise Mann, der bei Auftritten gut und gerne 20 Jahre jünger wirkt, die grösste Fluggesellschaft Asiens vor einer Bruchlandung bewahren. Diesen Mix an Eigenschaften muss Inamori gewieft einsetzen.
Zum einen kommt er kaum umhin, 15 000 Stellen abzubauen sowie die üppigen Löhne und Renten schmerzhaft zu beschneiden. Zum anderen muss er das Management auf Kurs bringen, in dem bisher Bürokraten mit der grossen Kelle anrichteten und, stets ihr eigenes Wohl vor Augen, interne Machtkämpfe ausfochten.
Inamori selbst hat sich von ganz unten nach oben gekämpft. Sein Vater betrieb eine kleine Druckerei. Als einziger von sieben Geschwistern durfte er studieren – an einer drittklassigen Hochschule.
Vier Jahre nach dem Abschluss in Chemietechnik gründete er mit Freunden und geliehenen 30 000 Franken als Startkapital Kyocera, die er mit dem richtigen Riecher für Trends und Innovationen stetig ausbaute. Heute hat der Konzern fast 60 000 Beschäftigte. Man erzählt sich, bis heute behalte sich Kazuo Inamori Grundsatzentscheide vor. (T.G.)
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