Syngenta muss über die Bücher

UNKLARHEITEN ⋅ Die US-Rating-Agentur Standard & Poor’s droht dem Basler Agrochemiekonzern mit einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit auf Ramschniveau. Der chinesische Finanzierungsplan wankt.
05. Oktober 2017, 05:18
Daniel Zulauf

Daniel Zulauf

Die Übernahme des Schweizer Agrochemiekonzerns Syngenta durch die Staatsholding Chem China bleibt in der Schwebe. Eine von der Kreditbewertungsagentur Standard & Poor’s (S & P) am Montag angekündigte mögliche Herabstufung der Schuldnerqualität des Basler Unternehmens hat bereits Konsequenzen: Das von Chem China geplante Refinanzierungsmodell der 44-Milliarden-Dollar-Akquisition durch Syngenta kann bis auf Weiteres nicht wie vorge­sehen umgesetzt werden.

Dem ursprünglichen Vorhaben zufolge hätte Syngenta in diesen Tagen eine Anleihe in der Höhe von 7 Milliarden Dollar auf dem internationalen Kapitalmarkt aufnehmen sollen – mit dem Ziel, den von Chem China bezahlten Übernahmepreis teilweise durch Drittinvestoren finanzieren zu lassen.

Kosten und Durchführbarkeit eines solchen Leveraged Buyouts stehen dabei in direkter Abhängigkeit von der Qualität des Schuldners. Und genau da setzt die neue S & P-Analyse ein grosses Fragezeichen. Bereits im August hatte S & P gewarnt, dass Syngenta angesichts der beträchtlichen Verschuldung von Chem China zusätzliche finanzielle Unterstützung von Seiten der chinesischen Agentur für Staatsbeteiligungen (China’s State Assets Supervision and Administration Commission, kurz Sasac) benötigen werde, um für die Folgen von Rechtsstreitigkeiten und Haftungsansprüchen aus einer verfrühten Genmais-Vermarktung in Nordamerika von 2013 gewappnet zu sein.

Unklare Worte aus Peking

Während sich die hohen Kostenfolgen des Konfliktes inzwischen zu konkretisieren beginnen, erklärte Sasac-Chef Xiao Yaqing letzte Woche auf einer Pressekonferenz in Peking, der Staat werde keine zusätzlichen Mittel zur Finanzierung der Übernahme bereitstellen. Die Firmen müssten solche Fälle selber lösen, zitierte die «Financial Times» den Chefbeamten. Sie hätten die Möglichkeit, selber Geld aufzunehmen und ihre eigenen Finanzierungsmethoden anzuwenden.

Nach der Interpretation der Kreditanalysten von S & P weckt die chinesische Regierung mit solchen Äusserungen Zweifel am bisherigen Verständnis, dass Syngenta eine strategisch bedeutsame Tochtergesellschaft für Chem China darstelle. Sollten sich diese Zweifel erhärten, müsste die Schuldnerqualität von Syngenta zurückgestuft werden, argumentiert S & P. Die Warnung kommt just zu dem Zeitpunkt, an dem das Syngenta-Management die internationale Investorengemeinde zur Beteiligung an dem geplanten 7-Milliarden-Dollar-Anleihenprogramm gewinnen wollte.

Einen Kommentar zur S & P-Notiz wollte man in Basel auf Anfrage zwar nicht abgeben. Es scheint aber klar, dass die Road-Show so lange nicht durchgeführt werden kann, bis klar ist, was Syngenta den Investoren überhaupt verkaufen kann. Die Bonität der Syngenta-Anleihen steht im Schema von S & P mit der Note BBB- bereits auf der untersten Stufe der sogenannten Investment-Grade-Qualität, die für breite Investorenkreise wie Pensionskassen, Versicherungen oder Anlagefonds investierbar ist.

Mit einer Rückstufung um nur eine Note auf BB+ würden die Schuldpapiere von Syngenta in die Kategorie Non-Investment-Grade fallen. Schuldtitel dieser Kategorie ­werden gemeinhin auch als «Ramschanleihen» bezeichnet.

Syngenta drohen hohe Bussen

Auf Anleihen der Qualität Non-Investment-Grade verlangt der Kapitalmarkt eine zusätzliche Risikoprämie. Diese bewegt sich irgendwo zwischen 0,5 bis zu 2,5 Prozentpunkten. Bezogen auf die geplante Schuldenaufnahme von 7 Milliarden Dollar könnte dies für Syngenta eine zusätzliche Zinslast von 140 Millionen Dollar oder mehr als 10 Prozent eines Jahresgewinns bedeuten.

Abgesehen von den vielen offenen Fragen um die Finanzierung der bislang grössten chinesischen Firmenübernahme im Ausland stellt sich für die Käufer immer mehr die Frage nach dem Erfolg der Transaktion. Ein erster Vergleich im hängigen Genmaisstreit mit 440000 nordamerikanischen Bauern könnte Syngenta gemäss einer Mitteilung von letzter Woche rund 1,5 Milliarden Dollar oder mehr als einen Jahresgewinn kosten.

Im Urteil der auf Nachhaltigkeitsanalysen spezialisierten Research-Agentur Sustainalytics ist das Schadenpotenzial für Syngenta aber um ein Vielfaches grösser, zumal das Unternehmen nebst Schadenersatzansprüchen auch mit hohen Bussen für unzulässige Verkaufspraktiken rechnen muss. Für Rechtsstreitigkeiten lagen bei Syngenta Ende 2016 nur 113 Millionen Franken an Rückstellungen bereit.


Leserkommentare

Anzeige: