"Sie vertrauen mir, die Vollidioten": Die Angst von Facebook-Chef Mark Zuckerberg um seine eigene Privatsphäre

DATENSKANDALE ⋅ Mark Zuckerberg, Chef von Facebook, hat mit der Auswertung persönlicher Daten ein Milliardenvermögen verdient. Wenn es um die eigene Privatsphäre geht, legt er aber ganz andere Massstäbe als bei seinen Nutzern an.
17. April 2018, 19:32
Adrian Lobe
Die Anhörung von Mark Zuckerberg vor dem US-Senat im Datenskandal sorgte nicht für die erhoffte Aufklärung. Das lag nicht zuletzt daran, dass der Facebook-Chef den kritischen Fragen der Abgeordneten auswich oder sie mit stereotypen Demutsgesten zu entschärfen suchte.

Es gab aber einen Moment, als ihn die bärbeissigen Volksvertreter aus der Reserve locken konnten: Dick Durbin, demokratischer Senator aus Illinois, fragte: "Mr. Zuckerberg, würden Sie sich wohl dabei fühlen, mit uns den Namen Ihres Hotels zu teilen, in dem Sie vergangene Nacht übernachteten?" Zuckerberg lächelte zuerst verlegen und sagte dann: "Ähm, nein." Und setzte zur allgemeinen Erheiterung im Saal ein diabolisches Grinsen auf.
 

Spott und Häme für Zuckerberg

Die Szene ist symptomatisch für den Datenskandal: Mark Zuckerberg legt bei der eigenen Privatsphäre andere Massstäbe als bei seinen Nutzern an. Das hat eine Vorgeschichte.

Zwar behauptete der Facebook-Gründer 2010, dass Privatsphäre "nicht länger die soziale Norm" sei. Doch wenn es um die eigene Person geht, denkt er offensichtlich ganz anders darüber. Als Zuckerberg anlässlich des 500-millionsten Instagram-Nutzers – den Fotodienst hatte Facebook 2012 für eine Milliarde Dollar übernommen – ein Foto mit einem gerahmten Profil von seinem Arbeitsplatz postete, entdeckten Blogger, dass das Mikrofon und die Webcam seines Laptops überklebt waren. Der Mann, der mit der Auswertung persönlicher Daten ein Milliardenvermögen verdient hat, sorgt sich um seine Privatsphäre. Welch Ironie! In den sozialen Netzwerken erntete "Zuck" dafür reihenweise Spott und Häme.

Man hätte damals schon stutzig werden müssen, dass die Rhetorik von der "globalen Community", in der alles offen ist und man alles teilt, nur ein Popanz für ein (überwachungskapitalistisches) Geschäftsmodell ist.

Auf die Frage, warum ihm wildfremde Kommilitonen intime Daten anvertrauen, antwortete der 19-jährige Harvard-Student Zuckerberg lakonisch: "Sie vertrauen mir, die Vollidioten" ("dumb fucks")." Dass auch seine eigenen Nutzerdaten von der Analysefirma Cambridge Analytica abgegriffen wurden, ist eine Ironie des Datenskandals, doch offenbar steht Zuckerberg einem Konzern vor, dessen Geschäftsmodell ihm selbst nicht ganz geheuer ist.
 

Privatflüge im Jet

Um sich vor den neugierigen Blicken seiner Nachbarn zu schützen, kaufte Multimilliardär Mark Zuckerberg 2016 für 30 Millionen Dollar die umliegenden Grundstücke seiner Luxusvilla in Palo Alto auf, was den Nachrichtensender NBC zu dem ironischen Kommentar veranlasste: "Facebook-Gründer Mark Zuckerberg updatet seine Privatsphäre-Einstellungen."

Facebook ist grosszügig, was die Abgeschiedenheit seines CEO anbelangt. So gab der Konzern 2017 für Zuckerbergs Privatflüge in dessen Privatjet nach eigenen Angaben 1,5 Millionen Dollar aus. Zumindest im physischen Raum scheint das zu funktionieren. Doch werden sich bald auch im virtuellen Raum privatisierte Enklaven und exklusive Clubs bilden, wo man sich mit Zugangsgebühren und Mauerwerken vor den Blicken der Allgemeinheit schützen muss? Zahlt die Oberschicht künftig für Werbefreiheit und Freiheit vor algorithmischen Überwachungssystemen mit Geld, während die Unterklasse diese Dienste mit ihren Daten bezahlen muss?
 

My home is my castle

Es gibt zwei unterschiedliche Konzeptionen von Privatsphäre: Während die amerikanische Rechtstradition Privatsphäre als ein genuines Freiheitsrecht begreift, als Trutzburg, in die der Staat nicht hineinregieren darf ("My home is my castle"), leitet das deutsche Recht die informationelle Selbstbestimmung, die am ehesten der Privatsphäre entspricht, aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht ab. Doch klingt dogmatisch, macht aber in der Praxis einen erheblichen Unterschied. Wenn man in den USA nackt in der Öffentlichkeit auftritt, an einem FKK-Strand oder in einer Schwimmbaddusche, entäussert man sich zwar nicht seines Rechts, muss aber Abstriche seiner Persönlichkeitsrechte hinnehmen. Es kann jeder fotografieren. In Europa dagegen hat der Betroffene das Recht, dass seine Fotos nicht verbreitet werden dürfen – die informationelle Selbstbestimmung endet nicht am Eingang zum FKK-Strand.

Dass sich Facebook-Nutzer freiwillig entblössen, mag gewiss naiv und unbedarft sein, doch erst aufgrund der amerikanischen Rechtslage konnte daraus ein Geschäftsmodell werden. Dass Firmenchef Zuckerberg, jener Mann, der mit der Ausleuchtung von Persönlichkeitsprofilen zum Milliardär wurde, selbst Angst davor hat, dass seine Daten in falsche Hände geraten könnten, ist ein beruhigendes Signal. Denn es zeigt, dass Privatsphäre ein Wert ist, der sich nicht mit dem Börsenkurs eines Unternehmens verrechnen lässt.

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