Neues Modell für die Wasserkraft

STROM ⋅ Ein Schweizer Projekt will auf genossenschaftlicher Basis den Bezug von Strom aus erneuerbaren Quellen ganz anders gestalten als bisher. Ob es zu Stande kommt, entscheidet sich bis März.
22. Januar 2018, 05:17
Andreas Lorenz-Meyer

Andreas Lorenz-Meyer

Matthias Sulzer, Unternehmer und Forscher an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa), will den Strommarkt umkrempeln. Zumindest ein bisschen. Er hat eine Genossenschaft mit Namen ­e-can suisse gegründet. Die Mitglieder bestimmen selbst, wie viel Strom aus erneuerbaren, heimischen Quellen produziert und ins Netz gespeist wird.

Sulzer erklärt, worum es geht: «Private Stromverbraucher haben heute nicht die Wahl, bei welchem Anbieter sie Strom beziehen. Ein Zürcher Haushalt kann ihn nur vom Elektrizitätswerk der Stadt Zürich bekommen. Dort wählt er ein Produkt mit mehr oder weniger Ökostrom drin und erhält vom Elektrizitätswerk die Rechnung.» Hinter den Ökoprodukten stecke meist Label-Strom. Der basiere zwar ganz oder teilweise auf erneuerbaren Energien, der Lieferant kaufe diesen Strom aber häufig über Zertifikate auf Jahresbasis. Deswegen werde der verbrauchte Strom nicht jederzeit simultan in der Schweiz aus erneuerbaren Energien erzeugt. «Gerade in den kalten Wintermonaten entsteht eine Produktionslücke, in der man den Strombedarf anders abdeckt, etwa über Importstrom.»
 

40 Prozent der Haushalte fahren günstiger

Im Gegensatz dazu garantiere ­e-can ganzjährig Strom aus 100 Prozent Schweizer Wasserkraft. Momentan stehen zwei Kraftwerke im Wallis zur Verfügung, die Wasserkraftwerke Ernen und Mörel. Sulzers Modell sieht vor, dass sie alle 15 Minuten den Stromverbrauch der Genossenschafter zugeleitet bekommen. Das läuft über einen Sensor, den man an den Stromzähler zu Hause montiert.

Die Kraftwerke produzieren dann simultan genau die Menge Strom, die im Haushalt verbraucht wird. Der Haken an der Sache: Direkt verrechnen darf e-can den Verbrauch nicht, da die Liberalisierung des Strommarkts für Private und KMU noch auf sich warten lässt. «Der Zugang zum Kunden bleibt vorerst beim lokalen Monopol», sagt Sulzer. Entsprechend läuft die Abrechnung wie gehabt über das Elektrizitätswerk. e-can verkauft stattdessen den produzierten Strom auf dem freien Markt. Der Erlös geht zurück an die Genossenschafter, die damit zumindest einen Teil der Stromrechnung begleichen können.

Ob dieses Modell den Endkunden auch wirtschaftliche Vorteile bringt, hängt von der Entwicklung des Strommarktpreises ab. 7,5 Rappen pro Kilowattstunde sind langfristig festgelegt. Das deckt die Produktionskosten (6 bis 6,5 Rappen) sowie Mess- und Abrechnungskosten. Der Betrag ist fix und unabhängig vom effektiven Strommarktpreis. Liegt dieser unter 7,5 Rappen, bezahlt man mehr. Eine Art ökologische Prämie. Steigt der Marktpreis über 7,5 Rappen, macht man dagegen Gewinn. Ein Vergleich der Regulierungsbehörde Elcom zeigt laut Sulzer, dass rund 40 Prozent der Schweizer Haushalte mit e-can günstiger fahren als mit ihrem heutigen Stromprodukt.

Die indirekte Verrechnung ist als Zwischenschritt gedacht. «Sollte die Liberalisierung kommen, könnten wir direkt mit den Kunden abrechnen», erklärt Sulzer. «Die Trennung von Produktion und Abrechnung wäre dann nicht mehr nötig.» Interesse von Erzeugerseite ist da. Andere Wasserkraftwerke in anderen Teilen der Schweiz können sich vorstellen, ihren Strom mit dem Modell e-can zu vertreiben. «Das würde ihnen Planungssicherheit und ein optimiertes Produktionsportfolio bringen.» Anfragen von Stromverteilern, die das e-can-Produkt als reines Schweizer Wasserstromprodukt anbieten möchten, gibt es auch. Sulzer ist überzeugt, dass Wasserkraft bei der Energiestrategie 2050 eine bedeutende Rolle spielt. Sie lasse sich kostendeckend produzieren und sei marktfähig. Das Modell funktioniere auch mit Fotovoltaikstrom, der mit saisonaler Speicherung angeboten werden kann. Ob e-can wie geplant im Sommer startet, ist unklar. Über ein Crowdfunding wirbt man um Mitglieder. 300 Franken jährlich beträgt der Minimaljahresbetrag. Das selbstgesteckte Ziel lautet 40 Gigawattstunden pro Jahr, was dem Verbrauch von 10 000 Haushalten entspricht.

Nur wenn bis Ende März so viel zusammenkommt, beginnt die genossenschaftlichen Stromproduktion. 35 Prozent der anvisierten Produktionsmenge hat man bereits erreicht. Nicht nur Privathaushalte, auch Unternehmen sind dabei. Die Raiffeisenbanken wollen jährlich 560 000 Kilowattstunden beziehen.


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