Mittelstand muss zurückstecken

VERMÖGEN ⋅ Noch liegt die grosse Masse des Reichtums in den alten Industrieländern, doch für die nächsten Generationen sind die fetten Jahre vorbei.
15. November 2017, 07:33
Daniel Zulauf

Daniel Zulauf

Die Schweiz ist in puncto Reichtum immer noch eine Insel der Glückseligen. Seit der Jahrtausendwende ist das Durchschnittsvermögen pro erwachsene Person um 130 Prozent auf insgesamt 537 600 US-Dollar gesteigen – das ist Platz eins in der Weltrangliste. 8,8 Prozent der Schweizer sind in Dollar gemessen Millionäre, und auch der breite Mittelstand ist gut situiert. Die achte Ausgabe des Global Wealth Report der Grossbank Credit Suisse lässt allerdings nicht nur unser Land in einem glänzenden Licht erscheinen.

Steigende Aktien- und Immobilienpreise bescheren den oberen Mittelschichten in den alten Industrieländern auch heuer einen ansehnlichen Vermögenszuwachs. Doch die Errungenschaften sind so luftig, dass die kommende Erbengeneration in unseren Breitengraden nur sehr bedingt auf die Fortsetzung dieses Wachstums hoffen kann. In manchen Schwellenländern sind die Perspektiven der jungen Erwachsenen verheissungsvoller als in unseren Breitengraden. Finanziell gesehen ist die Welt heuer um 6,4 Prozent reicher geworden. Das ist weit mehr als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre und auch mehr als das Wachstum der Weltbevölkerung. Als Folge davon hat das weltweite Durchschnittsvermögen eines Erwachsenen mit 56 540 Dollar einen Rekordwert erreicht.

Einkommensschere geht weiter auf

Viel sagt diese Durchschnittszahl allerdings nicht aus, denn die Verteilung des Reichtums über den ganzen Globus hinweg könnte ungleicher kaum sein. Über 80 Prozent der Vermögen liegen in den alten Industrieländern in Europa, den USA und in Japan. Die Bevölkerung in diesen drei Regionen repräsentiert zusammen nicht einmal ein Sechstel der Welt. Doch nirgends ist der Anteil der börsenabhängigen Finanzaktiva am Gesamtvermögen höher als in den Portfolios der betuchten Privathaushalte in den genannten Industriestaaten – allen voran Amerika (71 Prozent).

Und das ist in Verbindung mit dem verbreiteten Grundbesitz schon fast die ganze Geschichte, weshalb auch Deutsche, Franzosen, Italiener oder Australier heuer zu den (in absoluten Zahlen) grössten Gewinnern in der Vermögensstatistik gehören. Doch abgesehen davon, dass eine Zinserhöhung, wie sie früher oder später mit Sicherheit auch in Europa Tatsache werden und zu Preiskorrekturen sowohl in den Aktien- als auch in den Häusermärkten führen wird, hat sich die Verteilung dieser Vermögen in den vergangenen Jahrzehnten laufend verschlechtert.

Das zeigen Statistiken, welche die Vermögensentwicklung einer Durchschnittsperson mit der Entwicklung der Durchschnittsvermögen vergleichen. In Europa lässt sich zum Beispiel zeigen, dass das Durchschnittsvermögen von erwachsenen Personen in den vergangenen 17 Jahren von rund 70000 Dollar pro Kopf auf gegen 140000 Dollar pro Kopf gestiegen ist, während ein durchschnittlicher Erwachsener sein Vermögen zwar ebenfalls verdoppeln konnte, aber auf ein Niveau von lediglich 20 000 Dollar.

Die Schulden der Jungen nehmen stark zu

Die Autoren der Credit-Suisse-Studie gehen deshalb davon aus, dass mehr als 50 Prozent der Millennials im Unterschied zu den langsam ins Pensionsalter kommenden Babyboomern nie eine Erbschaft werden antreten können. Vor allem in den USA sind auch die hohen Schulden ein Thema, mit denen die Millennials ihre Ausbildung finanzieren mussten. In keiner der vergangenen sechs Generationen waren die Schulden der Jungen höher als bei den Millennials.

Darüber hinaus bekommen die Millennials die Folgen einer sich teilweise seit Jahrzehnten verschlechternden Einkommensverteilung stärker zu spüren als die älteren Generationen, denn gleichzeitig mit der Konzentration der Einkommen beobachtet man in vielen Industrieländern seit geraumer Zeit auch eine abnehmende Einkommensmobilität. Der Aufstieg von einer tiefen in eine höhere Einkommensklasse wird schwieriger, und ebenso nimmt auch die Wahrscheinlichkeit ab, dass ein Vertreter einer hohen Einkommensklasse in eine tiefere Kategorie absteigt. Das Verteilungsproblem ist in den Industrieländern inzwischen Gegenstand einer tie­fergehenden Diskussion in Politik und Wissenschaft.

Verteilungsprobleme gibt es zwar auch in den Schwellenländern mehr als genug. Doch in vielen dieser Länder bringt der Vermögenszuwachs nicht nur in den obersten Sphären Gewinner hervor, sondern führt auch zu einer Verbreiterung der Mittelklasse.

China holt mit viel Tempo auf

Allen voran geht China, wo bereits rund 420 Millionen Menschen ein Vermögen von mehr als 10 000 Dollar ihr Eigen nennen können. Die so definierte Mittelklasse ist bereits so gross wie jene Europas, Japans und der USA zusammen – wenn auch an Mitteln noch deutlich weniger vermögend.

Die chinesische Parteiführung hat sich im neuen Fünfjahresplan den weiteren Ausbau des Mittelstandes auf die Fahne geschrieben, und diese Vorgabe kommt nicht von ungefähr. Im Reich der Mitte gibt es nebst der immer noch stark verbreiteten Armut auch eine schnell wachsende Kaste von Superreichen. Diese zählt gemäss Credit Suisse aktuell rund zwei Millionen Personen und ist damit etwa gleich gross wie die bereits bestehende Millionärs-Community in Deutschland. Politisch – und das ist der Führung in Peking sehr bewusst – ist die Akzeptanz einer solchen Kaste in der Bevölkerung naturgemäss höher, wenn auch etwas vom Vermögenswachstum für die Masse abfällt.

Und in der Schweiz? Hierzulande ist die Millionärsdichte zwar höher als irgendwo sonst. Das Land zeichnet sich gemäss dem Credit-Suisse-Report aber durch eine im langfristigen Vergleich ungewöhnlich konstante Entwicklung der Vermögensverteilung aus. Diese Betrachtung unterschlägt indessen, dass bei den Einkommen auch in der Schweiz die Schere weiter auseinandergeht.

Spitzenverdiener unter Kartellverdacht

In der Schweiz ist die Verteilung der Vermögen seit der Jahrtausendwende weniger ungleich verlaufen als in vielen anderen Ländern. Dieser erfreuliche Befund des Global Wealth Report der Credit Suisse deckt sich nur teilweise mit neuen Erkenntnissen über die Entwicklung der Verteilung hiesiger Einkommen. Die beiden Ökonomen Isabel Martinez und Reto Föllmi von der Universität St. Gallen weisen in einer unlängst veröffentlichten Untersuchung nach, dass Spitzenlohnbezüger in der Schweiz ihren überproportionalen Lohnzuwachs in den vergangenen Jahren nicht mit dem höheren Risiko bezahlen müssen, schneller wieder aus der Top-Liga herauszufliegen. Vielmehr finden die beiden Wissenschafter, dass die Mobilität der Spitzeneinkommen mit deren Anstieg seit den 1990er-Jahren nicht Schritt gehalten hat. Diese Erkenntnis ist brisant, denn aus gesellschaftlicher Perspektive ist eine ausreichende Mobilität der Einkommen eine zwingende Voraussetzung dafür, dass eine an sich unerwünschte Zunahme der Einkommensungleichheit hingenommen werden kann. 1 Prozent der Lohnbezüger mit Salären ab 315000 Franken beanspruchte 2010 rund 11 Prozent der Gesamteinkommen, nachdem dieser Wert 1990 noch um die 7 Prozent gelegen hatte. Selbstredend können nicht alle ihre hohen Löhne auf lange Zeit behalten. Rund 80 Prozent der Topverdiener spielen auch im Folgejahr wieder in dieser Liga mit, und bei den top 10 Prozent sind es sogar 90 Prozent. Über die Zeit nimmt die Wahrscheinlichkeit, an der Spitze zu bleiben, aber naturgemäss ab, sodass nach zehn Jahren von dem einen Spitzenprozent noch rund 40 Prozent in der gleichen Spielklasse mitwirken. Ausländische Spitzenverdiener sind die grossen Gewinner Wenn diese Mobilität der Spitzeneinkommen dazu führen würde, dass sich die Einkommensverteilung verbessert, dann könnte man die Ungleichheit quasi als notwendiges Übel dafür sehen, dass sie die Leute antreibt, ihren Verdienst mit guter Arbeit zu steigern. Wenn sich die Einkommensverteilung aber nicht verbessert, der Tellerwäscher also keine Aussichten für sich sieht, jemals in den Kreis der Millionäre aufzusteigen, dann geht dieser Anreiz natürlich schnell verloren. Föllmi und Martinez haben deshalb mit Hilfe des sogenannten Gini-Indexes die Einkommensverteilung untersucht und anhand von AHV-Löhnen festgestellt, dass die Mobilität der Spitzeneinkommen nicht ausreicht, um die Einkommensverteilung zu verbessern. Diese hat sich im langfristigen Verlauf im Gegenteil sogar etwas verschlechtert. Etwas überspitzt gesagt könnte man deshalb von einem Kartell der Spitzenverdiener sprechen. Zu den Gewinnern zählen die vielen ausländischen Spitzenmanager, die in den vergangenen 20 Jahren in die Schweiz gekommen sind. Verlierer sind die Frauen, die aufgrund ihres hohen Anteils an Teilzeitbeschäftigten nur selten in der Liga der Topverdiener anzutreffen sind. Immerhin ist die Eskalation der Toplöhne in der Schweiz im Vergleich insbesondere mit angelsächsischen Ländern noch deutlich weniger weit gegangen. «Die Gewerkschaften haben ihren Anteil an der grösseren Einkommengleichheit, weil sie das Thema Mindestlöhne schon früh in die öffentliche Diskussion eingebracht haben», sagt Martinez dazu.


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