Die Ungleichheit der Einkommen steigt

LÖHNE ⋅ Die grosse Mehrheit der Gehaltsempfänger in der Schweiz wird ihre Kaufkraft in den nächsten Jahren bestenfalls halten können, glauben die Konjunkturforscher der ETH Zürich.
06. Oktober 2017, 05:20
Daniel Zulauf

Daniel Zulauf

Der Kontrast könnte kaum grösser sein: Hier UBS-Chef Sergio Ermotti, der den dritten Rang unter den bestbezahlten Managern Europas belegt (siehe Box). Und dort die grosse Masse der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die im laufenden Jahr einen kleinen Verlust und in den nächsten zwei Jahren nur minimale reale Lohnzuwächse erwarten dürfen.

Obschon die Gewerkschaften im August Lohnerhöhungen für das kommende Jahr von 1,5 Prozent bis 2 Prozent gefordert haben, erwartet die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF), dass den rund 4,5 Millionen Lohnempfängern in der Schweiz im nächsten Jahr nach Abzug der Teuerung durchschnittlich bloss 0,2 Prozent mehr im Portemonnaie verbleiben werden. Für viele dürfte sich die minimale Gehaltsaufbesserung sogar eher wie eine Einbusse anfühlen – je nachdem, wie stark sich die steigenden Krankenkassenprämien und andere administrierte Preiserhöhungen auf das Budget auswirken.

Vermögenseinkommen entwickeln sich besser

Im laufenden Jahr gibt es für Herr und Frau Schweizer aber nicht einmal eine theoretische Gehaltsaufbesserung. Den KOF-Ökonomen zufolge sinkt der durchschnittliche Reallohn heuer um 0,1 Prozent, nachdem die Nominallohnsteigerungen von 0,3 Prozent selbst die immer noch ungewöhnlich niedrige Teuerung (0,4 Prozent) nicht auszugleichen vermögen. Erst einmal in der 80-jährigen Geschichte des Schweizerischen Lohnindex sei das Nominallohnwachstum so gering ausgefallen wie im laufenden Jahr, schreiben die KOF-Ökonomen in ihrer gestern veröffentlichten Herbstprognose. Das war 1999, als eine mehrjährige Stagnationsphase im Anschluss an den grossen Immobilienkrach zu Ende ging. Sollten die KOF-Ökonomen Recht behalten, könnte eine für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Schweiz prosperierende Zeit zu Ende gehen. Just in den Jahren der Finanz- und Schulden­krise und auch davor durften die hiesigen Lohnempfänger reale Zuschüsse von über 2 Prozent und mehr entgegennehmen. Das Wachstum der Reallöhne habe in den letzten Jahren sogar zumeist das gesamtwirtschaftliche Wachstum der Arbeitsproduktivität übertroffen, stellen die KOF-Ökonomen fest. Das ist ein ungewöhnliches Phänomen, denn nach Theoriebuch gilt: dass die Arbeiter ihren Lohn im Prinzip nur in dem Mass erhöhen können, wie sie auch ihren Ausstoss respektive ihre Produktivität zu steigern in der Lage sind. Während in den meisten Industrieländern der Anteil der Lohnempfänger am Gesamteinkommen der Wirtschaft teilweise stark gefallen ist, ist die sogenannte Lohnquote in der Schweiz in den letzten Jahren in «ungekannte Höhen» (KOF) gestiegen. Das ist ein Grund dafür, weshalb die Einkommensverteilung in der Schweiz deutlich weniger stark auseinandergedriftet ist als beispielsweise in manchen angelsächsischen Ländern oder auch in Deutschland. Allen Auswüchsen bei den Managergehältern zum Trotz ist die Verteilung der Löhne nämlich weitaus gleicher als jene der Vermögen, aus denen die Vermögenseinkommen (Zinsen, Dividenden etc.) resultieren. Nun erwarten die KOF-Ökonomen aber für die Schweiz, dass sich die Vermögenseinkommen in den nächsten Jahren deutlich besser als die Lohneinkommen entwickeln werden.

Gemächliches Wachstum in der Schweiz

Die Arbeitgeber werden ihren Anspruch auf ein grösseres Stück am Kuchen mit dem Argument rechtfertigen, dass ihre anteilsmässige Ration im Zuge der drei Frankenschocks in den letzten zehn Jahren deutlich kleiner geworden sei (Margenverluste). Inwieweit sich die Gewerkschaften und die Arbeitnehmervertretungen auf dieses Argument einlassen, dürfte sich in den Verhandlungen um neue Lohnabschlüsse für 2018 zeigen.

Viel zu verteilen gibt es in der Schweizer Wirtschaft aber ohnehin nicht. 2017 wird das Bruttoinlandprodukt gemäss KOF nur um 0,8 Prozent zunehmen, was auf Pro-Kopf-Basis einem Rückgang von 0,3 Prozent entspricht. Von dem prognostizierten Wachstum von 2,2 Prozent im nächsten Jahr würden zwar im Durchschnitt immerhin 1,2 Prozent auf jeden Bewohner des Landes entfallen. Doch angesichts des Wachstumsbooms in anderen Ländern geht es in der Schweiz immer noch sehr gemächlich voran.


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