Das müssen Sie über die Zukunft der Tagblatt-Medien wissen

JOINT VENTURE ⋅ AZ-Medien und NZZ-Regionalmedien werden in einem Joint Venture zusammengelegt. Bestimmt nun Aarau, was in der Ostschweiz relevant ist? Das wichtigste zum neuen Medienriesen.
07. Dezember 2017, 22:04
Regula Weik
Die Tagblatt-Medien werden Teil eines neuen Unternehmens. Wie kam es dazu? Was ändert sich? Und was bleibt beim Alten?

Das geschah bisher
Die Spitzen der AZ Medien und der NZZ-Mediengruppe waren immer wieder und seit längerem miteinander im Gespräch. Richtig ernst sei es dann ab dem Sommer geworden, sagt Peter Wanner, Verleger der AZ Medien. «Am Mittwoch wurden die Verträge unterschrieben.» Er habe sich den Entscheid nicht einfach gemacht, gebe er doch «sein ganzes Unternehmen» in das Joint Venture hinein. Doch: «Wir ticken gleich.» 

Das sind die Köpfe dahinter
Peter Wanner, Verleger der AZ Medien, wird Verwaltungsratspräsident des Joint Venture. Jörg Schnyder, derzeit Finanzchef und ad interim Vorsitzender der Unternehmensleitung der NZZ-Mediengruppe, wird Vizepräsident und Leiter des Finanzausschusses. Pascal Hollenstein, aktuell Leiter Publizistik der NZZ-Regionalmedien, verantwortet als publizistischer Leiter sämtliche Zeitungstitel des neuen Medienunternehmens. Axel Wüstmann, heute CEO der AZ Medien, wird CEO des Joint Ventures, und Jürg Weber, heute Leiter der NZZ-Regionalmedien, wird stellvertretender CEO. Der Name des neuen Regionalmedien-Unternehmens steht noch nicht fest; die einzelnen Produkte sollen ihre Titel aber behalten, versichern die neuen Verantwortlichen.

Das treibt sie an
«Wir glauben beide an den Wert des Journalismus. Wir glauben an des geschriebene und gesprochene Wort», sagt Pascal Hollenstein, publizistischer Leiter des Joint Ventures. «Zusammen sind wir stärker», sagt Peter Wanner. Und: «Wir wollen auch künftig ein attraktiver Arbeitgeber für begabte Journalistinnen und Journalisten sein.»

Das entsteht
Das neue Regionalmedien-Unternehmen erzielt einen Umsatz von knapp 500 Millionen Franken und zählt 2000 Mitarbeitende. Es umfasst über 80 Marken, und es deckt 13 Kantone ab – also die halbe Schweiz. Alle Medien des Joint Ventures zusammen haben eine Reichweite von über zwei Millionen Personen – «wir erreichen täglich jede zweite Person in der Deutschschweiz», sagt Axel Wüstmann. Über die finanziellen Einzelheiten haben die Partner Stillschweigen vereinbart. 

Das kommt zusammen
Die NZZ-Mediengruppe integriert ihr gesamtes Regionalmediengeschäft in das Joint Venture. Die AZ Medien geben mit einer Ausnahme, nämlich Watson, ebenfalls alle Einheiten ein. Auch die Druckereien beider Unternehmen werden Teil davon. 

Das bleibt draussen
Die Geschäftsbereiche NZZ Medien und Business Medien gehören dem neuen Unternehmen nicht an. Die konzessionierten TV- und Radiostationen – bei den NZZ-Regionalmedien sind dies TVO, Tele 1, Radio Pilatus und FM1 – bleiben ebenfalls ausserhalb des Joint Ventures. Auf die Frage, weshalb Online-Nachrichtenportal Watson aussen vor bleibe, antwortet Axel Wüstmann: «Watson ist ein eigenständiges, nationales Newsportal, das immer noch im Start-up-Modus operiert», sagt Axel Wüstmann. «Wir wollen ihm die nötige Freiheit geben.»

Das wird bleiben
Der lokale und regionale Journalismus, die Kernkompetenz der Regionalmedien, wird durch das Joint Venture nicht tangiert. «Das Joint Venture hat keine direkten Auswirkungen auf die regionale Publizistik. Wir sind und bleiben ein ostschweizerisch ausgerichtetes Medienhaus, das auch nationale Themen immer wieder einmal mit einer Ostschweizer Brille kommentieren wird», sagt Stefan Schmid, Chefredaktor des St. Galler Tagblatts. 

Das wird sich ändern
Die Bezahlzeitungen des Joint Ventures werden einen gemeinsamen Mantel haben. «Wir wollen mehr Hintergrund, mehr Recherche, mehr Einordnung, mehr Überraschung», sagt Pascal Hollenstein. Kurz: «Wir wollen noch besseren Journalismus machen.» Dem Vorwurf des Einheitsbreis von St.Margrethen bis Basel, von Kreuzlingen bis Uri hält Hollenstein entgegen: Dass ein Zuger einen Sachverhalt anders beurteile als ein Herisauer oder ein Aargauer, werde auch künftig möglich sein – auch in der Kommentierung. «Die Gefahr, dass sich kleinere Redaktionen in die Abhängigkeit von Agenturen und PR-Abteilungen geben, ist bedrohlicher als der allzeit befürchtete Einheitsbrei, wenn Medienunternehmen zusammengehen.»

Das wird befürchtet
Ist das Joint Venture eine reine Sparübung? Pascal Hollenstein dementiert. «Klar werden wir die Mantelressorts, Ausland, Inland, Wirtschaft, Kultur, Sport nicht einfach 1:1 zusammenlegen.» Es werde Doppelbesetzungen geben, «die wir dann gemeinsam diskutieren müssen». Axel Wüstmann sagt: «Wir haben schon immer gespart und investiert. Wir werden beides auch in Zukunft machen.» Der neue CEO weiter: «Man kann sich nicht in die Zukunft sparen.» Pläne für Entlassungen gebe es nicht, betonen beide. Hollenstein sagt: «Unsere Häuser sind nicht bekannt dafür, besonders unsozial zu sein.» Chefredaktor Stefan Schmid ergänzt: «Im überregionalen Bereich arbeiten wir schon heute mit der Luzerner Zeitung zusammen. Jetzt stösst die Aargauer Zeitung dazu. Es wird ein neues Inhaltskonzept geben müssen. Dieses kann erarbeitet werden, sobald die Weko grünes Licht gegeben hat. Unsere Leserschaft darf davon ausgehen, dass die drei Partner an qualitativ gutem Journalismus auch im überregionalen Bereich interessiert sind.»

Das geschieht als nächstes
Die Verträge sind unterzeichnet – allerdings: Das Vorhaben braucht die Zustimmung der eidgenössischen Wettbewerbskommission. Bis deren Entscheid vorliegt, dürften einige Monate verstreichen. So lange werden die beiden Unternehmen wie bisher und getrennt voneinander weitergeführt. Erst nach dem Weko-Entscheid wird die Gründung des neuen Regionalmedien-Unternehmens vorangetrieben.

Das sind die Klauseln
Die AZ Medien und die NZZ-Mediengruppe sind je zur Hälfte am Joint Venture beteiligt. Die neue Gesellschaft wird paritätisch geführt. «Wir sind gleichberechtigte Partner», sagt Peter Wanner. Die AZ Medien haben nach zehn Jahren die Möglichkeit, die Mehrheit am Unternehmen zu erwerben; die NZZ-Mediengruppe wiederum kann «unter gewissen Bedingungen» aussteigen und ihren Anteil an die AZ Medien verkaufen. 

Das zum Schluss
«Wir werden viel lernen müssen auf diesem Weg, aber wir werden es schaffen», sagt Pascal Hollenstein. «Es ist eine ganz grosse Chance.»

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