«Was Kunden wirklich brauchen»

Der Salzburger ist Globalisierungskritiker, Mitgründer von Attac Österreich und Publizist. In seinem Buch «Gemeinwohl-Ökonomie» entwirft Felber (40) ein alternatives Wirtschaftsmodell, worüber er am Freitag in St. Gallen referierte. (pd)
22. Januar 2013, 16:04
Interview: Thomas Griesser Kym
Herr Felber, was läuft falsch im Wirtschafts- und Finanzsystem?

Christian Felber: Wir haben nicht nur eine Währungs-, eine Staatsschulden- und eine Bankenkrise, sondern fast überall krisenhafte Erscheinungen: Arbeitslosigkeit, Wohlstandsverteilung, Klimawandel, Umweltverschmutzung, Rohstoffknappheit, Energieversorgung usw. Wir haben aber auch eine Sinn- und Wertekrise: Das gegenwärtige Wirtschaftssystem zerstört Sinn und fördert Egoismus.

Was bezwecken Sie mit Ihrer alternativen Gemeinwohl-Ökonomie?

Felber: Wir wollen drei Widersprüche auflösen: Erstens den Widerspruch zwischen den Zielen demokratischer Verfassungen und der realwirtschaftlichen Praxis. Die Bayerische Verfassung hält fest: Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl. Zweitens sollen in der Wirtschaft dieselben Werte belohnt werden, die zwischenmenschliche Beziehungen gelingen lassen: Je solidarischer, ökologischer, demokratischer und verantwortungsvoller Unternehmen sind, desto erfolgreicher sollen sie sein. Drittens korrigieren wir den Methodenfehler, dass der Erfolg in der Wirtschaft am Mittel, dem Geld, gemessen wird statt am Ziel, dem Gemeinwohl.

Dafür schlagen Sie für Firmen eine Gemeinwohl-Bilanz und für Volkswirtschaften ein Gemeinwohl-Produkt vor. Was unterscheidet dieses vom Bruttoinlandprodukt (BIP)?

Felber: Es misst direkt die Zielerreichung: Bedürfnisbefriedigung, Lebensqualität, Gemeinwohl. Das Gemeinwohl-Produkt steigt, wenn Gesundheit und Lebenserwartung zunehmen, wenn Vertrauen und soziale Sicherheit steigen und wenn sich die ökologischen Indikatoren verbessern. Das BIP korreliert mit keinem einzigen dieser Ziele verlässlich. Es kann steigen, obwohl alle Lebensqualitätsindikatoren sinken. Die Gemeinwohl-Bilanz misst, wie viel ein Unternehmen zum Gemeinwohl beiträgt.

Ihre Initiative wird mittlerweile von fast 1000 Firmen unterstützt. Welche messbaren Erfolge sehen Sie?

Felber: Jedes dritte Unternehmen möchte schon jetzt die Gemeinwohl-Bilanz erstellen, das ist ein hoher Anteil, zumal es noch keine gesetzlichen Anreize gibt. Später soll ein gutes Gemeinwohl-Bilanzergebnis zu niedrigeren Steuern, Zöllen, Zinsen und zu öffentlichen Aufträgen führen. Die Unternehmen denken überall um: Manche wollen nicht mehr maximal verkaufen, sondern nur noch das, was die Kunden wirklich brauchen. Einige wollen, dass ihre Produkte vollständig wiederverwertbar oder biologisch abbaubar sind. Einige wollen den Eigentümern statt einer Finanzrendite eine Sinnrendite bieten.

Wie findet sich der Konsument zurecht in Ihrem Modell?

Felber: Wir planen, dass auf allen Produkten und Dienstleistungen neben dem Strichcode das Gemeinwohl-Bilanzergebnis in fünf Farben aufscheint, gleich einer Ampel, und durch die Online-Stellung der Bilanzen den Konsumenten alle Informationen liefern. Unternehmen, die nicht mitmachen, werden früher oder später ihre Kunden verlieren.

Im ORF haben Sie kürzlich eine «echte Leistungsgesellschaft» gefordert. Was verstehen Sie darunter?

Felber: Dass sich jemand ein Vermögen nur noch durch eigene Leistung erwerben kann und weder durch arbeitslose Kapitaleinkommen noch durch das Erben grosser Vermögen. Zweitens, dass die erste Million die leichteste ist und nicht die schwierigste.

Wie beurteilen Sie die Zukunft der Eurozone und des Euro?

Felber: Mit den derzeitigen Strategien – Rettungsschirme und Sparpakete – werden wir den Euro verlieren. Über EU-weit koordinierte Vermögens-, Finanztransaktions- und Körperschaftssteuern könnte man die Staatsschulden in fünf Jahren halbieren. Wir haben ein fünfmal so hohes Privatvermögen wie Staatsschulden.

Wie liessen sich die Sozialprobleme in Südländern wie Griechenland oder Spanien lösen, vor allem die extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit?

Felber: Durch eine konzertierte Offensive an öffentlichen Investitionen in Bildung, Gesundheit, Pflege und Kultur. Auch im öffentlichen Verkehr, in der nachhaltigen Landwirtschaft und im ökologischen Umbau der Wirtschaft fehlen Millionen Jobs, das wären sinnvolle Aufgaben für die Jugend.

Was halten Sie vom Davoser Weltwirtschaftsforum WEF?

Felber: Würden die Firmen, die am WEF teilnehmen, eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen, eine globale Fair-Trade-Zone vorschlagen, für globale Steuerpflichten eintreten, für eine globale Währungskooperation oder eine Senkung des Ressourcenverbrauchs auf nachhaltiges Niveau, dann wären sie durchaus glaubwürdig.



Mehr zum Thema im Internet: www.gemeinwohl-oekonomie.org und www.christian-felber.at
Seit Herbst ist der «Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie SG, AR, AI» im Aufbau. Kontakt:
Luzia Osterwalder, Co-Präsidentin, natuerl.behand@bluewin.ch


Leserkommentare

Anzeige: