Potenzial an vielen Orten

Die Gründung neuer Firmen boomt, besonders im Internetzeitalter. Zugleich gibt es aber bestehende Firmen, die einen Nachfolger brauchen – und sich ebenso weiterentwickeln lassen.
14. Juli 2016, 02:35
THORSTEN FISCHER

Zwei Trends lassen sich seit geraumer Zeit in der Wirtschaft beobachten. Zum einen werden fleissig Firmen gegründet, besonders Start-ups, die durchs Internet beflügelt werden. Aktuell stellt etwa die auf Online-Firmengründungen spezialisierte Startups.ch fest, dass die Zahl der neu ins Schweizer Handelsregister eingetragenen Unternehmen im ersten Semester 2016 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 2% gestiegen ist.

Zugleich lassen Studien über bestehende Firmen aufhorchen, bei denen es ums Thema Nachfolge geht. Vor kurzem hielt etwa die Credit Suisse gemeinsam mit der Universität St. Gallen HSG fest, dass Zehntausende Firmen vor dem Aus stünden, wenn die Nachfolgeregelung scheitere (vgl. Ausgabe vom 23. Juni).

Positionierung überlegen

Angesichts der Zahlen stellt sich die Frage, ob es nicht auch Sinn macht, eine bestehende Firma mit Potenzial zu übernehmen statt eine neue zu gründen. Es habe viele Vorteile, ein Unternehmen zu kaufen statt es neu zu gründen, sagt der Ostschweizer Unternehmensentwickler Hugo Bühlmann. «Als Käufer muss man sich nicht mehr mit Fragen des Standortes, der Kunden und Lieferanten oder des Produkteportfolios auseinandersetzen. Dies muss der Käufer erst bei der strategischen Neupositionierung und deren Umsetzung.» Bereits vor dem Kauf sollte sich der Käufer überlegen, wie er den Betrieb in Zukunft auf dem Markt positionieren wolle, damit er das Geschäftspotenzial voll ausnützen könne, erklärt Bühlmann.

Welche Fragen sich stellen

Das grösste Nachfolgeproblem bestehe heute bei den Einzelfirmen und den AG's. In der Schweiz wäre dies ein Potenzial von rund 70 000 KMU. Auf die Ostschweiz bezogen, sind dies – gemäss den neusten Studien – ungefähr 10 000 Unternehmen. Aufgeteilt in Kleinbetriebe (1 bis 9 Mitarbeiter) geht es um 1400 Firmen und bei den mittleren Betrieben (10 bis 49 Mitarbeiter) um 1300 Unternehmen, welche in den nächsten fünf Jahren einen Nachfolger suchen. Ein grosser Teil dieser Unternehmen (40%) werden innerhalb der Familie weitergegeben respektive verkauft. Weitere 40% werden an die Mitarbeiter verkauft und die restlichen 20% gehen an die Öffentlichkeit.

«Bei all diesen Formen der Nachfolge sind der Kaufpreis und die Finanzierung die wichtigsten Kernfragen», sagt Bühlmann. In der heutigen Zeit sei eine Fremdfinanzierung, wegen fehlender Sicherheiten, sehr schwierig zu erhalten. «Immer wieder sind deshalb die Übergeber bereit, für die Finanzierung eine Earn-out-Regelung zu offerieren, um dem Käufer die Nachfolge doch noch zu ermöglichen.» Earn-out heisst, dass ein Teil des Kaufpreises zu einem späteren Zeitpunkt erfolgsabhängig bezahlt wird.

Kann einer allein das Unternehmen nicht finanzieren, stellt sich laut Bühlmann die Frage nach einer Team-Nachfolge. «Diese wäre auch für die 50plus-Generation und die Jungen interessant, die in eine Selbständigkeit wollen. So könnte jeder seine Fähigkeiten, Kompetenzen, Erfahrungen und natürlich auch das notwendige Kapital einbringen.»

Für Gründer mit wenig Kapital eigne sich das Bootstrapping. Es werde auf Bankkredite oder Investorenkapital verzichtet. «Dafür muss aber sehr schnell ins operative Geschäft eingestiegen und Gewinn erzielt werden. Investitionen werden nur aus dem Cashflow bestritten.»

Planung bleibt wichtig

«Da leider viele Nachfolger in den ersten Jahren nach der Übernahme bereits Konkurs anmelden», wie Bühlmann sagt, rät er, den Businessplan fürs neue Unternehmen nicht zu vergessen. Im Fall der Unternehmensnachfolge respektive Firmenübernahme knüpfe der Businessplan – auch Fortführungsplan – an die Situation des bereits bestehenden Unternehmens an. Der Fortführungsplan treffe für die Firmenübernahme wertvolle Aussagen zur derzeitigen Lage und den zukünftigen Plänen.


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