«Die Schweiz wird weiter zulegen»

INTERVIEW ⋅ Informationstechnologie Philipp Ries von Google Schweiz über das Potenzial der Digitalisierung und wie der Internetkonzern damit umgeht.

13. Oktober 2016, 18:48
THORSTEN FISCHER
Die Digitalisierung gewinnt an Tempo. Aber ist sie nicht vorab etwas für Konzerne, deren Infrastruktur bereits weltweit vernetzt ist? Was bringt die Digitalisierung denn konkret einem kleinen Handwerksbetrieb?
Philipp Ries: Es gibt verschiedene Trends. Der eine ist die Industrie 4.0. Hier werden Maschinen und Produktionsabläufe vernetzt und übers Internet gesteuert. Zur Digitalisierung gehört aber auch die Vernetzung in einem weiteren Sinn. Für eine kleine Firma ist es beispielsweise wichtig, dass sie bei einer Suche im Internet gefunden wird – von den passenden Geschäftspartnern, aber auch den Kunden. Relevanz im digitalen Zeitalter zu haben wird somit immer wichtiger. Zur Arbeit von Google gehört es, diese Prozesse stetig zu verbessern und die Vernetzung voranzubringen. Das geschieht über eigene Produkte und Dienstleistungen, aber auch Kooperationen. So bieten wir etwa zusammen mit der Exportförderorganisation Switzerland Global Enterprise eine Plattform an, die einem Betrieb das Exportpotenzial für seine Produkte anzeigt.

Verstehen Sie, dass verschiedene Leute die Digitalisierung dennoch mit Skepsis betrachten?
Ries: Durch die Digitalisierung entstehen neue Fragen und Herausforderungen, auch was den Umgang mit Informationen und Daten angeht. Diese Themen darf man nicht vernachlässigen. Allerdings habe ich bisher in der Wirtschaft keine grundlegende Skepsis gegenüber der Digitalisierung getroffen. Viele sehen die Chancen, die sich bieten, und wollen diese auch nutzen.

Hinkt die Schweiz der Digitalisierung hinterher?
Ries: Da muss man unterscheiden. Im privaten Bereich sind neue Technologien mit Smartphone und Internet sehr weit verbreitet. Die Schweizer Nutzer sind somit in vielen Punkten vorne mit dabei. So verfügen bereits 91 Prozent der Schweizer Haushalte über einen Internetanschluss, der durchschnittliche Schweizer Konsument hat über drei internetfähige Geräte, vom Smartphone bis zum Tablet. Auch bei den Unternehmen gibt es zahlreiche Fortschritte – insgesamt liegt aber noch einiges an Potenzial brach. Ich zweifle nicht daran, dass die Schweiz hier weiter zulegen wird. Denn was die Innovation generell angeht, befindet sich das Land schon seit Jahren im Spitzenfeld. Das zeigt die Rangliste des Global Innovation Index vom August 2016, bei dem die Schweiz im sechsten Jahr in Folge den Spitzenplatz einnimmt.

Google selbst gilt als sehr innovativ. Was machen Sie anders als andere?
Ries: Entscheidend ist es, neuen Ideen gegenüber offen zu sein. In dieser Frage spielen auch Hierarchien keine Rolle. In vielen Unternehmen ist es ausschliesslich Sache des Firmenpatrons oder des Topmanagements, das Unternehmen weiterzuentwickeln. Bei Google können auch junge Mitarbeitende, die gerade erst angefangen haben, eine Idee lancieren. Diese wird dann ernsthaft geprüft. Es kommt immer wieder vor, dass solche Vorschläge kurz darauf tatsächlich in Google-Produkte einfliessen. Zudem gibt es bei Google das 20-Prozent-Programm, bei dem jeder Mitarbeiter 20 Prozent seiner Arbeitszeit für eine eigene Idee aufwenden kann. So entstehen dann Projekte und Produkte in der Hierarchie von unten nach oben – in der Fachsprache als Bottom-up-Innovation bezeichnet.

Bei der Suchmaschine von Google fällt auf, dass nicht mehr nur Ergebnisse, sondern viel weiterführende Informationen eingebettet werden. Ist diese Assistenz in der gesamten Digitalisierung ein Trend?
Ries: Prozesse zu verstehen ist eine Kompetenz, die Google seit jeher wichtig ist. Und es ist eine Entwicklung, die allgemein an Bedeutung gewinnt. Beispielsweise im Internet der Dinge, das Alltagsgegenstände miteinander vernetzt. Der Mensch wird bereits heute in vielen alltäglichen Tätigkeiten mit Software unterstützt: Roboterstaubsauger, -rasenmäher oder Kochroboter, Sensoren im Auto und Haus, aber auch bei Navigation in der Mobilität, welche die Effizienz und Sicherheit erhöhen. Google selbst hat die Suche mit der kürzlich gestarteten App Allo weiterentwickelt. Auf diese Weise soll der Nutzer im Alltag einen digitalen Assistenten erhalten. Dieser kann dem Nutzer von sich aus sinnvolle Informationen zur Verfügung stellen – über einen selbst lernenden Algorithmus. Der Assistent wird auch bei Google Schweiz in Zürich mitentwickelt.

Google verwaltet eine stetig wachsende Menge an Daten, darunter viele persönliche Informationen. Teilweise liegen diese verteilt über elektronische Clouds in verschiedenen Ländern. Wie werden Sie dieser immensen Verantwortung gerecht?
Ries: Zum einen ist es uns wichtig, im Einklang mit den jeweiligen Gesetzen zu stehen. Dazu verfolgen wir auch die rechtliche Entwicklung in den einzelnen Ländern genau. Zum anderen hat jeder Nutzer mehr Möglichkeiten, als er vielleicht annimmt. Über die Plattform «Google Mein Konto» hat jeder Nutzer volle Transparenz und Kontrolle darüber, welche persönlichen Informationen sie oder er im Google-Konto ablegt. Auf der Benutzeroberfläche kann man zugleich Privatsphären-Einstellungen vornehmen und ebenso Daten löschen. Das ist zuweilen zu wenig bekannt.

Dennoch läuft im Digitalen vieles für den Nutzer unsichtbar im Hintergrund ab. Könnte das nicht zum Stolperstein für die gesamte digitale Entwicklung werden?
Ries: Ein transparenter Umgang mit neuen Technologien ist wichtig. Das heisst, eine Person muss erkennen können, welche Daten sie gibt und welchen Nutzen sie im Gegenzug dafür bekommt. Gebe ich beispielsweise mehr medizinische Informationen frei, erhalte ich eine bessere, massgeschneiderte Behandlung. Blockiere ich meine Standortangaben nicht, erhalte ich genauere Vorschläge zu passenden Restaurants oder Läden in meiner Umgebung. Wird auf diese Weise mit der Digitalisierung umgegangen, bin ich für die weitere Entwicklung zuversichtlich.
 

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