240 000 Kandidaten für ein Design

Ein Online-Marktplatz für Grafikdesign erobert das World Wide Web. Mit dem namhaften Risikokapitalgeber Accel Partners im Rücken expandiert 99Designs in Europa. Diese Woche wurde eine Schweizer Website lanciert.

12. September 2013, 02:36
SABRINA DÜNNENBERGER

Internet ist Big Business. Im weltweiten Netz spriessen neue Geschäftsmodelle wie die Blüten im Frühling. Die scheinbar endlosen Möglichkeiten, im Internet Geld zu verdienen, locken innovative Firmengründer ebenso an wie kapitalkräftige Unterstützer. Mit einem Risikokapitalgeber im Rücken lässt sich die Welt erobern, gesehen bei Facebook: 2005 stieg die namhafte Risikokapitalgesellschaft Accel Partners mit über 12 Mio. $ bei Mark Zuckerbergs Unternehmen ein – der Rest ist eine wohlbekannte Geschichte. «Eine Geldspritze von Accel Partners ist wie ein Ritterschlag für Jungunternehmen», schrieb die «Handelszeitung». Zu den über 300 Rittern im Heer ebendieser Risikokapitalgesellschaft gehört auch 99Designs. 2011 wurde das Start-up mit australischen Wurzeln von Investoren unter der Federführung von Accel Partners mit 35 Mio. $ unterstützt. Das ermöglichte dem 2008 von Mark Harbottle und Matt Mickiewicz gegründeten Online-Marktplatz für Grafikdesign die Expansion nach Europa. Zu einem nicht genannten Preis übernahm 99Designs 2012 den deutschen Konkurrenten 12Designers. Seit dieser Woche ist 99Designs mit einer Schweizer Website online.

Ein Pool von 240 000 Designern

99Designs versteht sich als Online-Marktplatz für Grafikdesign. Unternehmen, die ein Logo, ein Design für eine Website oder eine App benötigen, schreiben ihr Projekt als Wettbewerb auf der Website aus. Die bei 99Designs registrierten Designer – der Pool umfasst laut der Firma über 240 000 Personen aus aller Welt, vom Schüler bis zum Profi – reichen ihre Vorschläge ein. Der Auftraggeber entscheidet sich dann, ob er mit ausgewählten Entwürfen in die Finalrunde gehen oder das Briefing nochmals anpassen will. Der Preis ist im Vorfeld bestimmt, wobei es diverse Preispakete gibt. Das Günstigste verspricht etwa 30 Designvorschläge, beim teuersten ist eine Zusammenarbeit mit «profilierten Designern» garantiert. Ein neues Logo oder ein Buchcover ist ab 299 Fr. zu haben, eine Mobile App für 499 Franken. Wählt das Unternehmen den Gewinner aus, fliesst das Geld in dessen Tasche, 99Designs erhält eine Provision.

Online auf Kundenfang

«Wir hatten bereits einige Aufträge aus der Schweiz. Sie sind aufgeschlossen, was unser Geschäftsmodell angeht und besitzen ein gutes Augenmass für Preis und Leistung», begründet Eva Missling, die für das Europa-Geschäft von 99Designs zuständig ist, die Lancierung der Schweizer Website. 99Designs richte sich vor allem an Start-ups, die bei der Gründung nicht auf ein bestehendes Netzwerk an Designern zugreifen können, sagt Missling. Anstatt aufwendig die Agenturen abtelefonieren zu müssen, seien einfache Aufträge online rasch ausgeschrieben und liessen sich zu einem planbaren Preis durchführen. Auf der Seite der Auftragnehmer stehen Amateure genauso wie Freischaffende, aber auch Agenturen, die Aufträge outsourcen. Für selbständige Designer bietet sich das Portal laut Missling für die Kundenakquisition an. So müssen sie nicht unbezahlte Zeit in den Aufbau eines Portfolios und Meetings mit möglichen Auftragnehmern investieren. «Bei uns können sie sofort mit der Arbeit starten», sagt Missling. Sie nennt in dem Zusammenhang das Beispiel einer Designerin, die sich dank der auf der Website akquirierten Kunden mittlerweile selbständig gemacht hat.

Keine Komplettbetreuung

Ein Klick, ein Logo? Ganz so leicht ist es nicht. «Die Auftraggeber sollten den Aufwand nicht unterschätzen.» Das sagt Hans-Dieter Zimmermann, Dozent für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule St. Gallen. Er beschäftigt sich mit Crowdsourcing-Projekten, kennt 12Designers aus eigener Erfahrung und sagt: «Der Betreuungsaufwand ist bei einem solchen Projekt um einiges höher, als wenn man eine Agentur beauftragt.» Mit dem Ergebnis der Arbeit des Designers war er zufrieden. Dass Online-Marktplätze nun die ganze Branche umkrempeln, glaubt Zimmermann nicht, «zumindest nicht in absehbarer Zeit». Grosse Agenturen hätten den Vorteil, dass sie eine Komplettbetreuung aus einer Hand anböten. Das können die Online-Agenturen wie 99Designs derzeit nicht leisten – noch nicht. Denn laut Patrick Llewellyn, Chef von 99Designs, ist das Ziel des Unternehmens, eine Full-Service-Agentur zu werden. Neu hat das Unternehmen den Dienst Swiftly lanciert, bei dem einfachere Aufgaben wie Änderungen an Logos oder Grafiken von ausgewählten Designern aus der 99Designs-Community schnell (innert 24 Stunden) und günstig (für 15 $) umgesetzt werden.

Pro Monat führt 99Designs, das in San Francisco, Melbourne, Berlin, Paris und London 75 Mitarbeitende beschäftigt, 7000 Wettbewerbe durch, die meisten im englischsprachigen Raum. Aufträge von über 59 Mio. $ hat das Unternehmen laut eigener Angabe bereits vermittelt. Und je höher das Auftragsvolumen, desto höher der Ertrag – und dabei profitiert die Plattform stark von Netzwerkeffekten.


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