Tagblatt Online, 05. Januar 2012 01:05:16
Personifizierte Notlösung
Mitt Romney hat die erste Vorentscheidung zur republikanischen Präsidentschaftskandidatur gewonnen. Die knappe Mehrheit ist eine Entscheidung contre cœur. Im Farmerstaat Iowa sind die Republikaner, mehr als im ganzen Mittleren Westen der USA, besonders christlich und besonders konservativ. Den Gouverneur von Massachusetts lieben sie dort nicht wirklich. Er bleibt suspekt – als Mormone und als Pragmatiker, der es auch mit den Liberalen kann.
So ist der Erfolg Romneys ein knapper Sieg des politischen Kalküls. Das heisse republikanische Herz stand ihm entgegen, aber der kalte Wunsch, Barack Obama aus dem Weissen Haus zu vertreiben, liess keine Alternative offen. Newt Gingrich, der diese Alternative sein wollte, ist zu sehr Washingtoner Establishment und im Bible Belt mit seinen drei Ehen auch moralisch untendurch.
Mitt Romney aber scheinen auch Erzkonservative zuzutrauen, was weder dem evangelikalen Fundamentalisten Rick Santorum noch dem libertären Staatsfeind Ron Paul oder der Tea-Party-Ikone Michele Bachmann je gelingen könnte: Stimmen gegen den Amtsinhaber in der Mitte der Gesellschaft zu mobilisieren. Noch ist der als Opportunist verschrieene Mitt Romney nicht Kandidat. Aber wer sich mit diesem Etikett unter den ideologisch verhärteten Iowa-Republikanern durchsetzt, der ist Favorit.
Aber der Favorit personifiziert eine bittere Wahrheit: Romney ist kein charismatischer Hoffnungsträger. Er ist bestenfalls die Notlösung einer heillos zerstrittenen Partei, die nur hoffen kann, für alle Wechselwähler wenigstens den kleinsten gemeinsamen Nenner gegen Obama anbieten zu können. Walter Brehm
walter.brehm@tagblatt.ch
Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.
Kommentar schreiben