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Neue Zürcher Zeitung, 24. Dezember 2011 00:00:00

Barack Obama und die Massstäbe der Geschichte

Der Vergleich mit den Vorgängern

Der amerikanische Präsident Barack Obama steht vor dem Jahr seiner Wiederwahl – oder Abwahl. Historiker und andere Beobachter streiten über die historische Einordnung des 44. Präsidenten und bemühen dabei den Vergleich mit allerlei Vorgängern.

Ronald D. Gerste, Washington

Die Tatsache, dass mit der Wahl Barack Obamas vor drei Jahren eine Zäsur in der langen Geschichte der amerikanischen Präsidentschaft erfolgte, verleitet politische Beobachter und Historiker regelmässig dazu, für den 44. Präsidenten eine Zuordnung im Spektrum seiner Vorgänger zu suchen. Jetzt, unmittelbar vor Beginn des Jahres, das die Wiederwahl oder die Abwahl Obamas bringen wird, kommt einer solchen Einreihung auch eine wahltaktische Komponente zu.

Parallelen zu Kennedy

Befürworter von Obamas Politik sehen den Präsidenten an der Seite von grossen Vorgängern; Gegner hingegen suchen den Vergleich mit zwei der bekanntesten Versager im Oval Office, dem Präsidenten der Wirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre, Herbert Hoover, und Jimmy Carter, dem Staatschef Ende der siebziger Jahre, im öffentlichen Bewusstsein zu fixieren.

Aus biografischen Gründen wird Obama gerne mit John F. Kennedy (1961–63) in einem Atemzug genannt; beide Präsidenten waren bei Amtsantritt sehr jung (Kennedy 43-jährig, Obama 47-jährig), eloquent und an der Eliteuniversität Harvard ausgebildet. Beide durchbrachen zudem historische Barrieren: Kennedy war der erste katholische, Obama ist der erste afroamerikanische Präsident.

Instinkte vor Expertenwissen

Was die Politik betrifft, so scheint der Vergleich vor allem auf zwei Gebieten Gültigkeit zu haben. In der Sicherheitspolitik entwickelten beide ein frühes Misstrauen gegenüber einigen Spitzenvertretern von Militär und Geheimdiensten, was in Kennedys Fall durch das Debakel der versuchten Invasion in der Schweinebucht in Kuba 1961 besonders tiefsitzend war. Den eigenen Instinkten eher als der Meinung der Fachleute vertrauend, meisterte Kennedy 1962 dann die Kubakrise, welche die Welt durch den Versuch der Sowjetunion, ballistische Raketen auf der Zuckerinsel aufzustellen, an den Rand des Atomkrieges gebracht hatte.

Obama, der den Kommandanten der Truppen in Afghanistan, General McChrystal, wegen abfälliger Bemerkungen entlassen hat, bietet in der Frage der nationalen Sicherheit wenig Angriffsflächen. Er wird als der Präsident in die Geschichte eingehen, der den meistgesuchten Terroristen, Usama bin Ladin, zur Strecke brachte und Entscheidendes zum Sturz des libyschen Regimes unter Ghadhafi beitrug. Den Kampf gegen den Terrorismus werden die Republikaner kaum zum Wahlkampfthema machen wollen.

Aus Sicht linker Kritiker unternimmt Obama zu wenig zum Schutz der Menschenrechte. Das Lager Guantánamo existiert noch immer; eine Reform der Einwanderungsgesetze blieb aus. Stattdessen sind unter Obama mehr Schwarzaufenthalter ausgeschafft worden als je zuvor. Sowenig Obama das auf die Immigrationsproblematik fixierte konservative Wählersegment verärgern will, so behutsam trat Kennedy seinerzeit bei der polarisierenden Bürgerrechtsdebatte auf. Der Historiker Alan Brinkley wirft Kennedy vor, eher Reden gehalten zu haben, als Taten sprechen zu lassen. Das hundertjährige Bestehen der Emanzipationsproklamation würdigte Kennedy 1963 aus Sorge um Wähler in den Südstaaten gar nicht.

In Roosevelts Cabriolet

Mehr noch als mit Kennedy ist Obama mit dem demokratischen Partei-Idol Franklin D. Roosevelt (1933–45) verglichen worden. Die Titelfoto des Nachrichtenmagazins «Time» kurz nach Obamas Wahl ist vielleicht die ikonographisch prägnanteste Einstufung des Frischgewählten: eine Fotomontage, die Obama in Roosevelts Cabriolet, in dessen Anzug, mit dessen randloser Brille und vor allem mit dem optimistischen Lächeln Roosevelts zeigt. Wie dieser übernahm Obama ein Land in einer tiefen Wirtschaftskrise. Der «New Deal» der dreissiger Jahre findet, unter allerdings weniger dramatischen Umständen, in der Gegenwart im «Stimulus»-Programm eine Entsprechung. Dass die USA trotzdem immer noch in einer Krise – ökonomisch wie mental – stecken, entspricht der Erfahrung Roosevelts, der das Land durch eine lange Durststrecke führte, ehe der Zweite Weltkrieg für Vollbeschäftigung sorgte. Trotz massiver staatlicher Intervention gingen damals wie heute die Arbeitslosenzahlen nur langsam zurück.

Zu viel Intellekt?

Roosevelts Meisterleistung in der Überwindung der Weltwirtschaftskrise war weniger eine in Zahlen messbare ökonomische als vielmehr eine psychologische. Sein Optimismus drang dank seiner meisterhaften Nutzung des neuen Mediums Radio bis in jede amerikanische Wohnstube und ist den immer weniger werdenden Zeitzeugen jener Epoche unvergessen. Hier liegt ein Manko Obamas vor: Oft als «Mister Cool» bezeichnet, verhindert seine Intellektualität oft ein Gefühl von emotionaler Verbundenheit. Er arbeitet indes erkennbar an diesem Nachteil. In einer vielbeachteten Rede zur sozialen Sicherung in einem Örtchen namens Osawatomie (Kansas) suchte er die Nähe eines anderen Roosevelt – jene des Republikaners Teddy Roosevelt, der an gleicher Stelle vor 101 Jahren und als unabhängiger, erneut nach der Präsidentschaft strebender Kandidat sich für umfassende Sozialreformen eingesetzt hatte.

Trügerische Momentaufnahme

Am Ende aller ideologisch-historiografischen Einordnungsversuche wird möglicherweise ein ganz anderer Vergleich das Urteil über die Präsidentschaft Obamas dominieren. Die «Washington Post» benennt seit einiger Zeit in jeder Sonntagsausgabe unter dem Titel «worst week in Washington» einen Politiker, dem es in der abgelaufenen Woche richtig mies ergangen ist. Zum Ende des Jahres obsiegte Obama in der Kategorie «schlechtestes Jahr in Washington». Hätte es diese Rubrik vor mehr als 60 Jahren schon gegeben, wäre Harry Truman (1945–53) ein Dauerkandidat gewesen. Heute indes wird Truman als einer der grossen Präsidenten eingeschätzt, fast verehrt. Für Obama ist dabei eines noch wichtiger: Truman, der sich wenig um Umfragewerte gekümmert hatte, übersprang die Hürde der Wiederwahl deutlich.





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