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Gegentribüne, 30. August 2010 15:26:00

FC St.Gallen als Prügelknabe – wer hat noch nicht?

Gegentribüne

Die AFG-Arena in St. Gallen (Archiv) Zoom

Zurzeit kein Objekt der Begierde: die AFG-Arena. (Bild: Archivbild: Keystone)

Es sieht momentan nicht gut aus um den FC St.Gallen. Das vergangene Woche präsentierte Sanierungspaket hat statt zu einer Beruhigung zu einer Eskalation geführt. Emotionen und Animositäten scheinen dabei eher eine Rolle zu spielen als das Ziel, das es zu verfolgen gilt.

Fredi Kurth

Mich Umhören musste ich nicht, nachdem vergangenen Donnerstag Investoren, Vereinsführer und Vertreter von Kanton und Stadt das Sanierungsmodell vorgestellt hatten. Verwandte, Kollegen und auch nur flüchtig Bekannte kamen von alleine auf mich zu und waren ziemlich einheitlich in ihrer Auffassung: So geht es nicht. Und fast ausschliesslich folgten geringschätzige Äusserungen über Mitglieder der Aktiengesellschaften und eine einzige Schlussfolgerung: Jene, welche früher im Verein und im Zusammenhang mit dem Stadionbau Misswirtschaft betrieben hätten, müssten das Feld räumen.
Auf meine scheue Frage, wer denn die AFG Arena fortan managen und Finanzlöcher stopfen solle und ob nicht besser das Ganze ausbaden soll, wer den Schaden verursacht habe, wussten sie allerdings auch keine Antwort. Nur eines: Dass sie nie und nimmer einem Beitrag von staatlicher Hand zustimmen werden. Und das waren beileibe nicht Leute, die mit dem FC St.Gallen nichts am Hut haben und die am Samstag stattdessen auf den gut subventionierten Sitzen des St.Galler Theaters (jährlich 27,1 Millionen Franken) Platz nehmen. In der allgemeinen Ratlosigkeit macht sich Untergangsstimmung breit: Dann sei wohl besser in die 1.Liga abzusteigen und bei null neu anzufangen.

Worum es eigentlich geht: Wir haben im Westen der Stadt eine wunderbare Fussball-Arena mit einem Fassungsvermögen von 19'000 Zuschauern, und wir wollen, dass dort der FC St.Gallen Fussball spielt. So einfach ist das. Und das war vor einigen Jahren auch der Wille des Volkes, der in der entscheidenden Abstimmung deutlich «Ja» gesagt hat.

«Wir zahlen auch bei Abstieg»
Die Einwände gegen den jetzigen Vorschlag sind zu einem grossen Teil berechtigt. Sie konzentrieren sich auf Vergangenheitsbewältigung, mangelnde Transparenz und fehlende personelle Konsequenzen. Es sind die Schwachpunkte des Paketes. Doch dessen Substanz liegt anderswo. Und es ist angemessen, sich auch damit auseinanderzusetzen. Vertreter des FC und der öffentlichen Hand haben ein Paket geschnürt mit einem Bedarf von 16,23 Millionen Franken. Private und Banken steuern 10,23 Millionen bei – eine für den Platz St.Gallen wahrscheinlich noch nie dagewesene Summe – vier Millionen müssten der Kanton, zwei Millionen die Stadt beitragen. Die Schulden der drei Aktiengesellschaften betragen allerdings nicht 16, sondern 12 Millionen Franken. Der Überhang wäre dafür bestimmt, die Event AG (bisher Betriebs AG) in Schwung zu bringen, um Anlässe ausserhalb des Fussballs einigermassen abgesichert durchführen zu können. Da drängt zum Beispiel die Frage, ob ein solcher Plafond ausreicht, um den Bedarf auch langfristig sicherzustellen, das heisst, auch im Falle eines Abstiegs.

Dölf Früh, der Vertreter der privaten Investoren-Gruppe, hat auf eine entsprechende Frage an der PK immerhin erklärt, dass in einer solchen Situation die Löcher ebenfalls gestopft würden. Die momentane Lage ist auch deshalb schwierig, weil einerseits zwar mit den Abgängen von Spielern das Budget wesentlich entlastet worden ist, andererseits aber die geschwächte Mannschaft deutlich weniger Zuschauer ins Stadion lockt. Die knapp 10‘000 im Heimspiel gegen Sion hätten auch noch im alten Espenmoos Platz gefunden (obwohl in einem bezüglich Sicherheitsvorschriften nicht mehr zulässigen Stadion).

Investoren am Ruder
Ein anderer Aspekt ist ebenfalls einer Würdigung wert: Mit 100 Prozent Anteil an der Event AG und mindestens 51 Prozent an der FC St.Gallen AG übernähmen die Investoren das Zepter wie nie zuvor. Der Vorteil wäre, dass solche Mehrheitsbeteiligungen den Verein attraktiv machten für allfällige weitere Investoren, der Nachteil, dass derartige Konstruktionen zur Losung führt: «Wer zahlt, befiehlt», selbst im sportlichen Bereich. Dölf Früh immerhin versichert, dass der wichtigste Mann der FC St.Gallen AG der zukünftige CEO sein werde und allfällige Dividenden dem Klub zugute kämen. Dass Mäzene oder Unternehmen einen Verein übernehmen, ist im Ausland gang und gäbe (Chelsea, Manchester City, Manchester United, Liverpool, Hamburger SV, VfL Wolfsburg) – aber selbst diese Vereine mit ganz anderen Kapazitäten sind zum Teil hoch verschuldet. Doch diese Vereine haben immer noch die Möglichkeit, einen Scheich zu engagieren oder einen andern vermögenden Fussball-Liebhaber, der sich einen renommierten Profiverein als Spielzeug gönnt.

Ein dritter Weg «ohne Staat»?
Die Stimmung beim FC ist im Keller. Das hat auch damit zu tun, dass auf der einen Seite Klubvertreter stur im Sattel verharren, ohne Ross und Reiter zu nennen und nur zögerlich Einblicke geben auf ihre verschlungenen Pfade und dass von anderer Seite, ob FC-Anhänger oder nicht, genüsslich in den Wunden gestochert wird, an denen der FC St.Gallen selber schon genug leidet. Und jeder, dem irgendwie Gelegenheit geboten wird, versucht auch noch, den Klubführern eins an Bein zu pinkeln. Wie es jetzt den Anschein macht, dürfte die Vorlage von Stadtrat und Kantonsregierung von den Parlamenten oder eventuell des Stimmvolkes kaum zum Doppelpass werden, kaum durchkommen.

Blieben dann nur der Konkurs und der Abstieg. Oder wäre noch ein dritter Weg denkbar? Einer ohne staatlichen Beistand? 10 Millionen stünden theoretisch via Investoren und Banken zur Verfügung. Zur Schuldensanierung fehlten dann zwei Millionen Franken, für die Lösung mit einem Kissen für die Event-AG weitere vier Millionen. Ich weiss nicht, wie unmöglich die Ausgangslage wäre. Sechs Millionen entsprechen rund einem Drittel des jährlichen Finanzbedarfes des FC St.Gallen. Natürlich wird sich jetzt keiner der Kluboberen oder Investoren so äussern, dass ein solcher Weg als letzte Möglichkeit doch noch in Betracht zu ziehen wäre.

1.Liga: Etwas für Nostalgiker
Ich traf auch Leute, welche in der Vorstellung von der Option 1.Liga glänzende Äuglein bekamen. Es waren vor allem ältere Semester. Auf die heutige Situation umgelegt, liesse sich das ab kommenden Sommer als Persiflage wie folgt vorstellen: Der FC St.Gallen, nun FC St.Gallen 2011 genannt, spielt im Espenmoos in der 1.Liga, während der SC Brühl in der Challenge League den Platz des Super League Absteigers geschenkt erhält und gratis und franko in der nun von der Stadtverwaltung betriebenen Arena spielen darf. Marc Zellweger kommt dort unverhofft zu einem Comeback. Auf dem Weg zurück spielt Fortes Team nach dem Aufstieg aus der 1. Liga in der Challenge League und gewinnt dabei drei Jahre lang alle sechs Stadtrivalenderbys gegen die Kronen. Danach schafft St.Gallen den Sprung in die nun aufgrund weiterer Konkurse auf sechs Vereine reduzierte Premier Super League, während sich Brühl wieder in die untere Ligen zurückzieht.

Na ja, wer’s glaubt, stiftet dem FC St.Gallen einen Taler. Zur Erinnerung: Als St.Gallen 1958 letztmals in die 1. Liga abstieg, dauerte es zehn Jahre, bis er in die höchste Liga zurückkehrte.





Leser-Kommentare:
9 Beiträge

Kommentare lesen

drachen (31. August 2010, 10:40)
FCSG

Wie Herr Kurth verkennen die jetzigen FC-SG-Führungs-"Herren" sowie praktisch die ganze St. Galler Polit-Exekutive total die Stimmungslage der breiten Oeffentlichkeit!
So nicht meine Herren, das sagen nicht nur die Fans, welche auf die Strasse gehen, sondern jede Bürgerin und jeder Bürger der
seinen Lebensunterhalt mit seriösem Chrampfen bestreitet.
Nur ein kleines Horror-Beispiel: Chef der HRS, welche die unglaublichen Kostenüber-schreitungen zumindest mitverantworten muss, ist Herr Sigrist. Dieser Herr Sigrist erfrecht sich, die Sicherheitskosten als massgeblichen Kostentreiber zu bezeichnen....usw.
Jetzt muss Steuergeld her, um diese
katastrophalen Fehlleistungen auszubügeln, währen dem alle Beteiligten am Bau satte Gewinne einstrichen...
Nebenbei: Ich bin sehr bürgerlich ausgerichtet, aber diese FCSG-Story ist
auch für mich absolut unverdaulich: Gewinn privat Verlust Gemeinschaft.....

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unbekannt (31. August 2010, 09:12)
Bitte sachlich differenzieren, Herr Kurth!

Im vorliegenden Fall geht es nicht um den FC als Prügelknabe, sondern, dass die Verantwortlichen dieser drei Gesellschaften beim Staat um finanzielle Hilfe nachgesucht haben! Wenn dies ein ganz normaler Bürger tun muss, sprich auf's Sozialamt gehen, dann hat er sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen! Will heissen, alle Fakten müssen restlos auf den Tisch. Zweitens, wer vom Staat finanzielle Unterstützung benötigt, muss vom hohen Rosse endlich runter kommen und bescheidener werden, viel bescheidener, als die Verantwortlichen dieses Debakels heute in Erscheinung treten. Also Herr Kurth, bei allem Interesse für den FC SG, aber Mitleid ist hier fehl am Platz!

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mercator (30. August 2010, 19:10)
...und weiter im Text... Herr Kurth

Der Herr Kurth, könnte den Lesern auch noch mitteilen, wieviel Polizei-Mann-Stunden und Abfall-Detachements-Stunden pro Aufführung, bzw. Match durch die öffentliche Hand geleistet werden mussten. Dann wissen wir endlich, wer unsere Steuergelder 'verdient' und wer nicht !

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oiram (30. August 2010, 18:52)
Herr Kurth, bitte helfen Sie uns:

Kann man zuverlässig ermitteln, wieviele Zuschauer im 2009
a) das Stadtheater und
b) das Stadion (nur FCSG-Spiele)
besucht haben? Das Ganze dann mit den geleisteten Subventionen gegenüber stellen.
Ein vermutlich aufschlussreicher Vergleich, welcher aufzeigte, wohin der Subventionsrappen tatsächlich fliesst. Und allemal besser als diese von Emotionen und Rachegefühlen überfrachteten Hetzereien.
Warum am Ast sägen, auf dem man selber sitzt? Wir alle wollen doch unseren FCSG in der AFG Arena gegen namhafte Gegner spielen und siegen sehen. Also hört auf, Erbsen zu zählen und helft mit!

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lobello (30. August 2010, 18:42)
FCSG

Himmeltraurig was die Herren Mistura Fröhlich und Siegrist mit diesem FCSG angestellt haben selber auf dem hohen Ross sitzen in Saus und Braus leben und die einfachen Bürger und Matchbesucher für dumm verkaufen aber jetzt aber subito raus aus allen Ämtern rund um den FCSG DIE SOLLEN DEN LEBESUNTERHALT EHRLICH verdienen!!!!

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chivas (30. August 2010, 17:57)
Ich pflichte bei...

... aber sicher nicht der naiven Kurth-Kolumne, sondern dem Einwand von tschubi! Was hat das was Mistura, Sigrist, Fröhlich und Konsorten anstellen mit "ausbaden" zu tun? Die sind privat vollständig saniert, leben wie Fürsten auf Kosten des FCs, haben es dabei geschafft, diesen innert wenigen Jahren in den Ruin zu treiben und es scheint ihnen völlig Wurst zu sein. Wer da von "ausbaden" schreibt, ist einfach naiv und weltfremd. Mit diesen Leuten gibt es KEINE Lösung und Perspektive für den FC.

Zudem scheint dem Kolumnist die Idee zu gefallen, dass einige Investoren den Club als Spielzeug benutzen - so etwas löst bei mir nur Kopfschütteln aus. Der Club/Verein hat kein Investitionsprojekt zu sein, wohin das führt, sieht man im Ausland ja zur Genüge. Die wahren Fans werden vergrault, die kritischen so oder so und am Schluss bleibt ein "Businessplan" ähnlich dem von Grosskonzernen, aber gekoppelt mit einer vollständigen Entwurzelung sämtlicher Traditionen und Werte.

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mercator (30. August 2010, 17:54)
Volksabstimmung - der einzig legitmime Ausweg

...vergesssen sind die Millionengeschenke von den Steuerzahlern an den Fussballclub St.Gallen. Jetzt werden die finanziellen Begehrlichkeiten und Sündenfälle gegeneinander aufgerechnet und krampfhaft versucht, die Legitimität und Legalität für weitere Fehlinvestitionen herbeizuschreiben. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo die Pseudovernünftigen - in Tat und Wahrheit langjährige Nutzniesser des Geldsegens - uns weismachen wollen, wir hätten gar keine andere Wahl. Von wegen. Volksabstimmung ist der einzig legitime Ausweg !!

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tschubi (30. August 2010, 17:16)
"Ausbaden"

Zitat" Auf meine scheue Frage, wer denn die AFG Arena fortan managen und Finanzlöcher stopfen solle und ob nicht besser das Ganze ausbaden soll, wer den Schaden verursacht habe?""

Da haben sie eine schöne Geschichte ausgedacht. Nur leider ist praktisch JEDER besser geeignet als Mistura. Nehmt einen anderen von den über 200 Bewerbern für seine Job. Den Schaden "ausbaden"? Ja also bitte, hier geht es nicht darum, denn Kopf für eine kaputte Scheibe hinzuhalten, sondern einen Verein / Firma mit dutzenden Angestellten wieder auf Kurs zu bringen! Das hat nichts mit "ausbaden" zu tun, sondern mit Reorganisieren und betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten. Letzteres ist leider nicht erkennbar.
Schlussendlich soll Mistura beim "ausbaden" noch weiter die "hohle Hand" machen dürfen. *kopfschüttel*

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avathyl (30. August 2010, 17:14)
Endlich mal ein sinnvoller Beitrag

Endlich mal ein Beitrag aus der Tagblatt Küche der die Situtation nüchtern beurteilt. Nur die Absage an die Amateufussball Nostalgiker hätte noch ein wenig deutlicher ausfallen dürfen. Ein Stadion ohne jegliche Einnahmen wird den Steuerzahler nämlich viel mehr kosten als die 6 Mio. Wer's nicht glaubt darf gerne in Genf nachfragen. Und positiv, dass endlich auch einmal die Subventionen für das Stadttheater benannt werden. Leider war es nur eine Kolummne, schon morgen dürfte die Anti Berichterstattung der Redaktion weitergehen.

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