Gegentribüne, 06. September 2010 16:10:00
Ein Wochenende fast ohne den FC St.Gallen
Gegentribüne
Nahm erstmals Stellung zum FCSG-Rettungspaket: Dieter Fröhlich. (Bild: Archivbild: Ralph Ribi)
Wie hält man ein Wochenende ohne den FCSG aus? Die einen werden sagen, dass ein Weekend schon lange nicht mehr so erholsam war. Die andern, dass der Club beim Jubiläumsturnier des FC Fortuna mitspielte.
Nur nicht an den FC St.Gallen denken, lautete meine Devise. Doch irgendwie liess er mich schon in der Nacht von Freitag auf Samstag nicht in Ruhe. Mich drängte es an den Computer, um zu recherchieren, wo und wie bekannte Fussballvereine eines schönen Tages den Betrieb einstellen mussten. Dabei beschränkte ich mich auf den deutschsprachigen Raum.Was auffällt: Im nördlichen Nachbarland kommen die meisten Vereine ohne die ultimative Massnahme aus. Hingegen boten die Österreicher ein paar haarsträubende Geschichten. Auch in der Schweiz mussten Vereine unter neuem Namen ganz weit unten wieder anfangen. Im Detail seien diese Episoden aufgespart auf jenen Tag X, der hoffentlich nie eintreten wird. Denn noch ist der FC St. Gallen nicht von der Bildfläche verschwunden. Eins sei aber jetzt schon festgehalten: Von den mir bekannten Fällen wäre jener des FC St. Gallen der erste, bei welchem ein Fussball-Unternehmen an den Baukosten seines eigenen Stadions erstickt. Andernorts führten stets überrissene Auslagen im Spielbetrieb zur Insolvenz. Michael Hüppi versichert indessen, dass die Schuldenlast zu 100 Prozent aus der Bauphase stamme und nichts mit dem bisher zweijährigen Betrieb des Stadions zu tun habe.
Erklärung des Ex-Präsidenten
Am Samstagmorgen flog mein guter Vorsatz definitiv zum Fenster hinaus: Dieter Fröhlich hat sich im «Tagblatt» vernehmen lassen. Bemerkenswerte Offenlegung: «Schon als FC-Präsident war es für mich selbstverständlich, dass ich dem Club ständig finanziell unter die Arme gegriffen habe – im hohen sechsstelligen Bereich.» Ich glaube nicht, dass das einfach jemand daher plaudert. Solche Injektionsspritzen von Privaten wären auch eine Erklärung dafür, weshalb der FC nicht schon im vergangenen Jahrzehnt beinahe einging. Mich wunderte damals, dass der FC St.Gallen immer wieder mal einen Trainer entliess und bei Transfers häufig Geld nachschob, ohne dass der Verein kollabierte. Natürlich gab es mal eine Aktienzeichnung, bei der man aber im Voraus wusste, dass es sich hier um eine andere Form von Gönnerbeitrag handelte.
Und ein Krimi zur Erholung
Also wollen wir unsere Sinne doch eher auf eine Lösung denn Selbstzerstörung ausrichten. Nicht auf einen Konkurs, der mir immer noch wie ein böser Traum erscheint. Dabei schwanke ich zwischen der Möglichkeit, dass die Sanierungsvorlage schon bald steinachab geschickt wird, und der Aussicht, ob eine Annahme in den Parlamenten von Stadt und Kanton doch noch Hoffnung schüren könnte. Im einen Fall stünde man beizeiten vor klaren Fakten und könnte vielleicht doch noch mal über einem «Plan B» brüten. Wenn aber erst irgendwann im nächsten Jahr das kantonale Stimmvolk als letzte Instanz Nein sagt, dann ist es wohl zu spät. Von fakultativen Referenden habe ich gelesen. Das würde bedeuten, dass jemand gegen den FC St.Gallen Unterschriften sammeln müsste. Ich würde eine solche Person anschnauzen und zum Teufel wünschen...
Und sonst: Statt mir einen Fussballmatch zu Gemüte zu führen, las ich am Wochenende einen Krimi von Schriftsteller Adrian Strässle, eine Neuerscheinung unter dem Titel «Die Blutgrätscher». Zu bewältigen in zweimal 45 Minuten plus Nachspielzeit. Es geht um die in der Ich-Form erzählte Geschichte von Adriano, der unter anderem einen ihm missliebigen Fussballfunktionär im Strafraum in die Ewigkeit verschachert. Amüsant zu lesen. Übrigens kommt auch Alex Frei darin vor und halt doch wieder der FC St.Gallen – wenn auch nur die Nachwuchsmannschaft, die prompt verliert.
Pfiffe bis nach London
Und nicht genug: Die Pfiffe vom Freitagabend in der AFG Arena hallten nach – bis nach London. Die «Times» erinnerte sich in der Montags-Ausgabe an die Spukattacke Freis gegen Steven Gerrard von 2004 (!) und dass die Engländer deswegen nun nicht Mitleid hätten mit Alex Frei. Aber sie fänden es bestimmt eigenartig, dass der Schweizer Rekordtorschütze nach einem verschossenen Penalty von eigenen Fans ausgepfiffen werde. Die Erklärung der «Times»: «Der feindliche Empfang für Frei stammte teilweise von der Tatsache, dass er für Basel spielt, den wohlhabendsten und stärksten Schweizer Klub.» So werde Frei sicher erleichtert sein, dass das Spiel gegen England am Dienstagabend in Basel stattfinde.
Dass das Arena-Publikum die Schweizer Mannschaft zuvor in wunderbarer Weise unterstützt hatte, ging im Nachgang unter. Und weil Pfiffe gegen die eigene Mannschaft nicht nur in England erstaunen, ist auch das ein Indiz, dass es der Spitzenfussball in St.Gallen schwer hat. Er fühlt sich hier nicht mehr zu Hause.
Fredi Kurth
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krambambulin (06. September 2010, 22:20)
Schuldenlast zu 100 Prozent aus der Bauphase
Wenn me zrucklueged uf die vorige Bettelmärsch vo dernä, denn isch d Wohrschinlichkeit gross, dass die Ussag nöd stimmt.
Beitrag kommentierenDas wärdet mir aber nie erfahre - denn drum mönd jo d'Büecher vo dene juristische Konstrukt zue bliibe.
Jetz musse Rase fresse
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