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NZZ Online, 12. Februar 2012 07:52:00

Unauffällig auf der Überholspur

Rafael Diaz kommt ohne Spektakel aus – das hilft dem Schweizer, sich in der NHL durchzusetzen

Statt den Rasen zu erobern, hat Rafael Diaz mit 26 Jahren einen Weg ins gelobte Land des Eishockeys gefunden. Zoom

Statt den Rasen zu erobern, hat Rafael Diaz mit 26 Jahren einen Weg ins gelobte Land des Eishockeys gefunden. (Bild: Imago)

Rafael Diaz kommt seinen Pflichten geduldig nach. Er geht wenige Minuten nach der Partie der Montreal Canadiens gegen die New York Islanders auf alles ein, was die Journalisten wollen. Mühelos kontert er die Fragen nach dem Befinden mit dem Repertoire der Allgemeinplätze.

Ulrich Pickel, New York

«Vorwärts schauen, positiv bleiben» und so weiter. Hinter dem routinierten Auftritt schimmert aber auch nach vier Monaten in Montreal noch immer die Verwunderung durch. Über sich selber, darüber, dass er, der Bodenständige, Teil einer neuen Welt geworden ist. Bis zu dieser Saison hat Diaz nie ausserhalb der heimatlichen Idylle am Zugersee gespielt, wo er als Sohn einer Schweizerin und eines Spaniers aufwuchs, der ihn eigentlich viel lieber als Fussballer gesehen hätte.

Es ist auch so gut herausgekommen. Statt den Rasen zu erobern, hat Diaz mit 26 Jahren einen Weg ins gelobte Land des Eishockeys gefunden. Wie Mark Streit 2005 ist ihm der Sprung in die NHL quasi aus dem Stand gelungen. Dass er in die Fremde ging, nimmt ihm in Zug niemand übel. Man ist stolz auf ihn – und muss ihn mögen. Diaz ist der nette Knabe von nebenan, der immer freundlich grüsst und bereit ist, der Nachbarin die Mineralwasserflaschen in die Wohnung hochzutragen.

Während Streit Umwege nehmen musste, ehe er seinen Bubentraum von der NHL verwirklichen konnte, ist Diaz' Werdegang fast schon langweilig: keine Bruchstellen, keine Rückschläge. Dafür umso mehr Fleiss. «Vor dem Training war er der Erste, der kam, danach der Letzte, der ging», sagt Duri Camichel, der neun Jahre mit Diaz beim EVZ spielte. Nun ist Diaz dabei, zu ernten.

Die NHL war aber nie sein Bubentraum. Nachdem sich die Möglichkeit für einen Wechsel abgezeichnet hatte, beschloss er einfach, es sei Zeit für eine neue Herausforderung. Kein schlechter Entscheid. Diaz findet sich zurecht. Sein Spiel ist unauffällig, aber grundsolid und konstant. Wie einst in der Schweiz kann er auch jetzt umsetzen, was man von ihm verlangt.

Im Vergleich zu seinem Schweizer Teamkollegen Yannick Weber ist er gleich auf die Überholspur eingebogen. Auch nach vier Jahren geniesst Weber nur bedingtes Vertrauen. Er wird bei den Canadiens den Ruf nicht los, offensiv talentiert, aber defensiv ein Nonvaleur zu sein. Und jetzt steht ihm auch noch der Neuling aus Zug im Weg. Diaz spielt öfter und hat mehr Einsatzzeit. Weil seine Stärke darin besteht, dass er keine Schwäche hat.

Egal, was passiert, Diaz passt sich an. «Er war schon immer sehr pflegeleicht», sagt der Zuger Sportchef Patrick Lengwiler. Auch die Umstellung auf den neuen Alltag mit den vielen Reisen bereitet Diaz kein Kopfzerbrechen: «Das geht gut. Es ist ja alles professionell organisiert.» Wer so ist, hat grundsätzlich bei jedem Trainer dieser Welt gute Karten.

Solche hat auch Streit in New York. Aber für den Captain der Islanders ist die Frage, was der Coach von seinem Spiel hält, eine der geringeren Sorgen. Schwerer wiegt, dass bei den Islanders auch diese Saison die altbekannte Platte läuft: der Blues der Erfolglosigkeit.

Streit kann das nicht ändern, er kämpft mit sich selber. Nach seiner Schulterverletzung, die ihn die ganze letzte Saison gekostet hatte, ist der Weg zurück zur alten Topform beschwerlicher, als er zuerst glaubte. Im Spiel nach vorne und im Powerplay, seinen Paradedisziplinen, kommt er allmählich gut in Fahrt, aber es fallen viel zu viele Gegentore, wenn er auf dem Eis steht.

Er sagt: «Vor der Verletzung wusste ich jeweils schon auf der Fahrt ins Stadion, dass ich gut spielen werde.» Diese Selbstsicherheit muss er sich Stück für Stück mühselig neu erarbeiten. Derweil will Diaz einfach seinen Weg in der NHL fortsetzen, regelmässig spielen, noch solider werden.

Nach Streit zeigt er als zweiter Schweizer Feldspieler, dass man auch mit Mitte zwanzig noch eine Karriere in Nordamerika starten kann, die mehr als ein Intermezzo zu werden scheint. Das lockt Nachahmer an. Wie Diaz vor einem Jahr reizt es nun auch Damien Brunner, sich in der NHL zu versuchen. Brunner ist ein ganz anderer Fall. Der Flügel verkörpert offensives Spektakel in Reinkultur. Das wird spannend.





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