NZZ Online, 21. Februar 2012 13:48:00
Strafe soll sein
Witali Klitschko strebt Rematch gegen den ausfälligen Boxer Dereck Chisora an
Witali Klitschko (l.) gegen Dereck Chisora (Bild: Keystone / Kneffel)
Weil Weltmeister Witali Klitschko seinen Punktsieg gegen den Briten Dereck Chisora offenbar als unbefriedigend empfindet, ist ein Rematch plötzlich sehr wahrscheinlich. Chisora und Landsmann David Haye, die sich des Nachts eine öffentliche Prügelei geliefert hatten, geben sich nun als reuige Sünder.
wan. Zwar hat Boxweltmeister Witali Klitschko seinen Schwergewichtstitel nach Version des WBC am vergangenen Wochenende in München erfolgreich verteidigt, mit Ruhm bekleckern konnte sich der 40 Jahre alte Ukrainer im Duell gegen den während zwölf Runden marschierenden Briten Dereck Chisora allerdings nicht.
Schliesslich war ein einstimmiger Punktsieg (118:110, 118:110, 119:111) über den Herausforderer zu konstatieren – und der 44. Sieg des älteren der beiden Klitschko-Brüder in dessen 46. Profikampf.
Weil sich Chisora und dessen Landsmann David Haye, der am WM-Kampf als britischer Fernsehexperte wirkte, an der nächtlichen Pressekonferenz nach gegenseitigen Provokationen und unter Einsatz von Stativen und Glasflaschen eine handfeste Schlägerei geliefert hatten, schienen zunächst beide für die Zukunft als Duellanten nicht mehr in Frage zu kommen – zumal die Münchner Polizei ermittelt, mit offenem Ausgang.
Dass Chisora etwa lebenslang gesperrt wird, wie gemutmasst wurde, ist allerdings kaum anzunehmen, eher ist mit einem Denkzettel in Form eines zeitlich befristeten Boxverbots und einer deftigen Geldstrafe für den ungehobelten 28-Jährigen zu rechnen .
«Ich möchte ihn im Ring k.o. schlagen»
Neueste Aussagen Klitschkos lassen darauf schliessen, dass Chisora nach seiner engagierten Leistung im Ring ein Rematch zugesprochen bekommt. «Mein Verstand sagt mir, dass ich ein Rematch nicht benötige. Aber mein Ego, mein tiefes, inneres Ich sagt mir ganz deutlich, dieser Mann braucht von mir noch eine richtige Bestrafung. Ich möchte ihn im Ring k.o. schlagen. Diese Rechnung ist noch offen», sagte der 40-Jährige der deutschen Tageszeitung «Die Welt».
Das gleiche gelte für Haye, den ehemaligen Schwergewichtsweltmeister der WBA, der im Juli letzten Jahres dem jüngeren Klitschko, Wladimir, in Hamburg klar unterlag.
Chisora und Haye lassen unterdessen nichts unversucht, um den von ihnen am zurückliegenden Wochenende angerichteten Schaden zu begrenzen. Chisora entschuldigte sich in einem Statement «von ganzem Herzen» für sein Verhalten, räumte aber zugleich ein, dass es im Grunde «unentschuldbar» sei. Vorfälle hinter den Kulissen hätten ihn ausser Kontrolle geraten lassen. «Ich habe meine Familie, mein Team und vor allem den Sport, den ich liebe, enttäuscht», so Chisora.
Haye «bitter enttäuscht» von sich
Haye schrieb in einem in britischen Medien veröffentlichten Stellungnahme, dass er seit Samstag über die handfeste Auseinandersetzung mit Chisora nachgedacht und sich die unerhörte Begebenheit «mehrfach» auf der Internetplattform YouTube angeschaut habe. «Ich bin bitter enttäuscht, Teil dessen gewesen zu sein, was Samstagnacht passiert ist», sagte Haye. Und weiter: «Ich bin kein Engel - und ich habe nichts gegen etwas professionellen Trash-Talk, um das Boxen interessanter zu machen, aber in meinen 21 Jahren im Boxsport war ich niemals beteiligt an so einem oder wurde Zeuge eines solchen Aufruhrs.»
Klitschkos Trainer Fritz Sdunek sagte dem «Kölner Stadt-Anzeiger», dass er vom Sportler Chisora auch dessen disziplinierte Seite kenne. «Er ist nun mal ein schlecht erzogener Junge. Ich kenne ihn anders, als ihn mal als Sparringspartner im Camp hatte, da hat er toll mitgearbeitet. Deshalb bin ich jetzt bitter enttäuscht, wie man sich so benehmen kann.»
Flucht in den Morgenstunden
Haye will sich jedenfalls vor seinem Landsmann so gefürchtet haben, dass er unbedingt den ersten Flug nach London am frühen Sonntagmorgen habe erreichen wollen. «Nach dem Vorfall haben Adam Booth (Hayes Coach, Anm. d. Red.) und ich die Halle umgehend verlassen und sind ins Hotel zurückgefahren. Leider verkehrte in dem gleichen Hotel auch Chisora. Und nachdem er angekündigt hatte, mich erschiessen zu wollen, wollten wir so schnell wie möglich abhauen.»
Im Gegensatz zu Chisora hatte sich Haye so der Münchner Polizei entziehen können. Er, Haye, sei aber jederzeit bereit, nach Deutschland zurückzufliegen, um persönlich Angaben zu den Vorfällen zu machen, teilte Hayes Coach, Adam Booth, mit.
Gelegenheit dazu böte sich am 3. März, wenn Wladimir Klitschko den ausgefallenen WM-Kampf gegen den Franzosen Jean-Marc Mormeck in Düsseldorf nachholen wird.
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