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Neue Zürcher Zeitung , 26. Januar 2011 07:00:57

Spielsucht und Manipulation

Im deutschen Wettskandal sollen Spieler hohe Summen erhalten haben

Im Februar beginnen in Bochum die Verhandlungen um den mutmasslichen Protagonisten des deutschen Fussball-Wettskandals, den Kroaten Ante Sapina. Bis zu 300 Spiele sollen manipuliert worden sein.

Stefan Osterhaus, Berlin

Ein paar Sätze können genügen, um einen ganzen Klub in Verruf zu bringen – das sagte Holger Stanislawski, der Trainer des FC St. Pauli und bezog sich auf Gerüchte, die seinem Team Bestechlichkeit in der Vergangenheit nachsagen. Ursache der Verärgerung war das Geständnis des einstigen St.-Pauli-Stürmers René Schnitzler gewesen, der erklärte, vom Niederländer Paul Rooij 100'000 Euro erhalten zu haben. Die Gegenleistung sollten fünf manipulierte Matches sein. Schnitzler, der der Spielsucht verfallen ist, will das Geld angenommen haben, doch er bestreitet jede Manipulation.

Was aber viel schwerer wog, war der Umstand, dass aus dem kriminellen Milieu rasch Stimmen laut wurden, die sagten, nicht nur Schnitzler sei für Zahlungen empfänglich gewesen: Ein Herr namens Marijo Cvrtak, der in Bochum in Untersuchungshaft sitzt und der während des laufenden Prozesses als Zeuge vernommen wurde, erklärte, dass er gesehen habe, wie Rooij versuchte, weitere Spieler zu bestechen.

Es war ruhig geworden um den Fussball-Wettskandal, den zweiten, den der deutsche Fussball innerhalb der letzten Jahre erlebt hat. 2004 hatte der Schiedsrichter Robert Hoyzer den DFB erschüttert, weil er sich von der Berliner Wett-Bruderschaft um den Kroaten Ante Sapina einkaufen liess. Hoyzer wanderte wie Sapina hinter Gitter. Doch während der einstige Schiedsrichter den reuigen Sünder gab, wurden die Ermittler bei Sapina erneut vorstellig: Der Altmeister des Wettbetrugs, der sich im Berliner Prozess als Opfer der Spielsucht darstellte und ein eindrucksvolles Psychogramm in eigener Sache lieferte, soll nicht weniger als 46 Fussballspiele verschoben haben und es im Verbund mit einem anderen getan haben: eben jenem Marijo Cvrtak, einem Landsmann Sapinas.

287-seitige Anklage

Seit Oktober wird in Bochum gegen Verdächtige im Wettskandal prozessiert. Im Februar soll die Verhandlung gegen Sapina und seinen mutmasslichen Kompagnon eröffnet werden. Das Verlesen der Klageschrift dürfte etwas Zeit beanspruchen. Die Staatsanwaltschaft hat 287 Seiten zusammengetragen.

Es gibt ja auch genug Stoff. Sapinas Auftritt im Zeugenstand, wo er über den WM-Qualifikationsmatch Liechtenstein - Finnland berichtete, ist wohl nur ein Vorgeschmack. Zwar lief nicht alles wie gewünscht beim 1:1, doch Sapina sagte: «Man hat trotzdem genau gesehen, dass der Schiedsrichter dazu beigetragen hat, dass unsere Wette gewinnt.» Bis zu 300 Spiele sind unter dem Verdacht, verschoben worden zu sein. Es geht um die 2. Liga in Deutschland, die 1. Liga in Österreich, um die Europa- und die Champions League. 270 Personen wurden mit den Geschehnissen in Verbindung gebracht. Die prominenteste von ihnen ist René Schnitzler.

Die Dimension ist eine andere als vor sechs Jahren. War der Schiedsrichter Hoyzer noch mit eher bescheidenen Beträgen und einem Flachbildschirm zu ködern, so mussten die Wettpaten bei einem wie Schnitzler tief in die Tasche greifen: 20 000 Euro pro Match. Ein gängiger Preis, wenn man den Aussagen des Verdächtigen Cvrtak Glauben schenkt. Denn der berichtet von 150 000 Euro, die die Spieler pro Partie von Rooij erhalten hätten. Es blieb demnach nicht bei einem Profi, und Cvrtak nannte den Ermittlern die Namen von fünf St.-Pauli-Spielern, die an der Manipulation eines Zweit-Liga-Spiels gegen Mainz 05 beteiligt gewesen sein sollen.

Die Geschäfte seien mit Rooij gemacht worden, der Verbindungsmann in die Mannschaft sei der Schnitzler gewesen. Die Version Cvrtaks gilt den Ermittlern nach einem Bericht des «Spiegels» nicht unbedingt als stimmig. Er widerspricht sich hier und da. Doch immerhin hat Schnitzler zugegeben, die 100 000 Euro erhalten zu haben. Den Vorwurf der Manipulation weist er zwar weit von sich, allerdings war er nach eigener Auskunft mit zwei Teamkollegen in Holland, um Rooij zu treffen. Die Betroffenen schweigen beharrlich.

Schlechte Zahlungsmoral

Nicht alle mutmasslichen Manipulationsversuche gelangen. Und in einem Punkt erteilte Rooij dem deutschen Fussball die Absolution: In der Bundesliga werde nichts verschoben. Den Grund nannte er im «Stern»: Die Zahlungsmoral unter den Bundesligaklubs sei zu gut. In den unteren Ligen komme das Geld nicht immer pünktlich – was die Empfänglichkeit deutlich erhöhe. Rooij selber scheint der Zahlungsgepflogenheiten im Wettgeschäft überdrüssig zu sein: Er wette nicht mehr auf Fussballspiele – laut eigener Aussage ist er zum Berufs-Pokerspieler geworden. Das liegt im Trend und ist mittlerweile so etwas wie ein ehrenwerter Beruf.





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