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NZZ Online, 09. Februar 2012 12:50:00

Silberner Bär an Igor de Camargo

Die Schauspielkünste des Favre-Schützlings verhelfen Mönchengladbachern in den Cup-Halbfinal

Igor de Camargo (l.) und Roman Hubnik kommen sich nahe. Zoom

Igor de Camargo (l.) und Roman Hubnik kommen sich nahe. (Bild: Keystone)

Pünktlich zum Start der Berliner Filmfestspiele hat der Mönchengladbacher Igor de Camargo bei Hertha BSC als Schauspieler erster Güte geglänzt und damit dem Favre-Team zum Einzug in die Cup-Halbfinals verholfen. Der Schweizer Coach findet das nicht unverdient.

Von Markus Wanderl

Angelina Jolie, Charlize Theron und Meryl Streep, aber auch Christian Bale, Clive Owen oder Antonio Banderas werden an den Internationalen Filmfestspielen in Berlin (9. bis 19.2.) unter anderem erwartet, der Schauspieler Jake Gyllenhaal besetzt in diesem Jahr einen Platz in der Jury.

Von heute an wird die Prominenz in Berlin über den roten Teppich stolzieren, und eigentlich sollte auch Mönchengladbachs brasilianisch-belgischer Fussball-Profi Igor de Camargo noch kurzfristig vom langjährigen Festspielchef Dieter Kosslick eingeladen werden, denn seine komödiantische Einlage in der Verlängerung des Cup-Spiels bei Hertha BSC Berlin am Mittwochabend taugt durchaus für den Gewinn des alljährlich an der Berlinale verliehenen Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung.

In der 102. Minute war Folgendes passiert: Nach einem weiten Pass aus dem Mittelfeld hatten sich Herthas Defensivspieler Roman Hubnik und Mönchengladbachs Offensivkraft de Camargo in ein Laufduell um den Ball begeben, das bereinigt schien, als Hertha-Goalie Thomas Kraft den Ball sicher vor den heraneilenden Berufskollegen abgefangen hatte.

Ungebührliche Annäherung

Aber Hubnik touchierte Kraft im Eifer des Gefechts, er fiel in vollem Lauf der Länge nach hin, um sich schliesslich aufzurappeln und gegen de Camargo mobil zu machen. Flugs eilte der Tscheche am (empört dreinblickenden) Goalie Kraft vorbei, baute sich vor de Camargo auf, und als sich beider Nasen berührten, fiel der Mönchengladbacher wie vom Blitz getroffen zu Boden.

Im Gegensatz zu Mönchengladbachs Coach Lucien Favre, der jene Szene später nicht kommentieren wollte, weil er sie «auf der Bank nicht gesehen» habe, erkannte Referee Felix Brych eine Tätlichkeit. Er stellte Hubnik vom Platz und entschied auf Penalty, den Filip Daems einmal mehr akkurat verwandelte. In der Verlängerung der Nachspielzeit erhöhte der für Mike Hanke eingewechselte Oscar Wendt auf 2:0, und somit standen Favres Mönchengladbacher als Cup-Halbfinalteilnehmer fest. Bereits im November hatte der Schweizer bei seiner Rückkehr nach Berlin den Bundesliga-Match mit seiner Mannschaft für sich entschieden (2:1).

Favre erkannte an, dass «Hertha in der ersten Halbzeit besser war als wir», er wollte aber in den zweiten 45 Minuten eine entscheidende Leistungssteigerung seines Teams erkannt haben, weshalb der Sieg schliesslich «nicht unverdient» ausgefallen sei.

Hertha-Coach Skibbe fassungslos

In Michael Skibbe brodelte es dagegen im Wissen, dass seit seinem Amtsantritt alle vier von ihm betreuten Spiele verloren gegangen sind. «50´000 waren im Stadion, keiner hat gesehen, was er (Brych) gesehen hat. Unfassbar», sei das. Auch Skibbe hatte die Mönchengladbacher in der zweiten Halbzeit erstarken sehen, er stellte aber vor allem die «tolle erste Halbzeit» seiner Mannschaft heraus inklusive der «zwei bis drei tollen Möglichkeiten», die sie im Gegensatz zu den Mönchengladbachern gehabt habe. Möglich, dass der Match einen anderen Verlauf genommen hätte, wenn Herthas Peter Niemeyer mit einem Schuss vom Strafraumrand nicht nur den rechten Pfosten getroffen hätte (61.). Dieser Grosschance war eine seriöse Vorarbeit des zuletzt gesperrten und schmerzlich vermissten Raffael vorausgegangen.

Während sich die Mönchengladbacher über den ersten glücklich ausgefallenen Sieg in der Ära Favre freuen durften, werden die Sorgen in Berlin grösser und grösser. Hertha-Coach Skibbe steht am Wochenende im Ligamatch in Stuttgart gehörig unter Zugzwang. Er wird dort wohl auf Fabian Lustenberger verzichten müssen. Der Schweizer, unter Herthas Ex-Coach Markus Babbel zumeist auf der Bank placiert, hat das Berliner Spiel zuletzt durchaus belebt, er wurde aber am Mittwoch vom Mönchengladbacher Tony Jantschke am Fuss getroffen und deshalb in der 60. Minute ausgewechselt.

Bleibt die Frage, wie Coach Skibbe mit ein wenig Abstand mit Hubnik umgehen wird, der seiner Mannschaft einen Bärendienst erwiesen hat, als er seine hünenhafte Gestalt als Drohkulisse zu nutzen müssen glaubte. Berlinale, hin oder her.





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