Neue Zürcher Zeitung, 09. Februar 2012 00:00:00
Die Ästhetik der Schussfahrt
Der einstige Olympiasieger Bernhard Russi hat für die Winterspiele 2014 eine Piste geschaffen, die den Abfahrern alles abverlangt
Zwei Dutzend Abfahrten hat der Pistenarchitekt Bernhard Russi schon entworfen. Doch nur sehr selten erhielt er wie für die Winterspiele 2014 in Sotschi die Gelegenheit, an einem unberührten Berg seine Linie zu ziehen.
Remo Geisser, Krasnaya Polyana
Am Anfang war das Abenteuer. Frühling 2006, eine Helikopter schraubt sich zum Rosa Peak hoch. 20 Leute sitzen in der Kiste, die im Sturm rüttelt: Funktionäre, Techniker, Sicherheitsleute, Bergführer. Und der Pistenarchitekt Russi. Über dem Gipfel winkt der Pilot ab. «Njet!» Landen unmöglich. Russi klettert an einer Leiter in den Sturm hinaus, lässt sich fallen. So kommt es zur ersten Berührung mit dem Berg.
8. Februar 2012. Russi steht wieder dort, wo er vor fast sechs Jahren den ersten Fuss hinsetzte. In seinem Rücken duckt sich ein Starthäuschen, um ihn herum schütteln Sportler ihre Glieder. Auch sie stehen vor einem Abenteuer. Gleich werden sie erstmals die Olympiapiste von 2014 besichtigen. Sie rutschen den Berg hinunter, inspizieren das Gelände genau, memorieren jede Kurve, jede Eisfläche, jeden Buckel. Viel kommt dabei zusammen. «Es ist eine Herausforderung, alles im Kopf zu behalten», sagt Didier Cuche.
Russi stand 2006 vor einer anderen Herausforderung. Nach langem Winken und Rufen wagten zwei weitere Männer den Absprung, dann drehte der Helikopter ab. Das Grüppchen auf dem Berg hatte eine Karte, einen Kompass, ein Fläschchen Wasser und eine Taschenlampe. Über Felsen, durch Wälder und Gestrüpp ging es abwärts. Russi hängte immer wieder rote Bänder auf. So zog er die erste Linie der künftigen Abfahrt ins Gelände. Dann begann das Abenteuer erst richtig. Ein Funknetz gab es nicht, es war unmöglich, den Helikopter herbei zu lotsen. Die drei Männer schlugen sich bis ins Tal durch. Um drei Uhr nachts erreichten sie ihr Hotel. 18 Stunden waren sie unterwegs gewesen.
Die Fahrer werden im ersten Training etwas mehr als zwei Minuten brauchen. Sie rasen in dieser Zeit über eine Strecke von 3500 Metern mit einer Höhendifferenz von über 1000 Metern. Das, was Cuche sich in langen Detailstudien eingeprägt hat, kommt nun in atemberaubenden Tempo auf ihn zu: enge Kurven, ein steiles, eisiges Tal, wieder Richtungswechsel, dann kurz hintereinander drei Sprünge, die viel Mut erfordern. An einem davon stand am Morgen bei der Besichtigung Kjetil Jansrud und jauchzte. Von der Kante ging sein Blick weit, weit hinunter in die Fläche. Der Hang ist steil und gut präpariert. Wer Freude hat am Fliegen, kann die 100-Meter-Marke kratzen.
Die Linie, die Russi mit den roten Bändern an den Berg gelegt hat, wird vom Geometer vermessen und auf die Karte übertragen. Bei jeder weiteren Begehung benutzt Russi andersfarbige Bänder. Immer wieder wird die Linie korrigiert. 20-mal war Russi seit 2006 am Rosa Peak. Er formulierte Ideen, änderte Passagen, gab Aufträge an Ingenieure und Bauarbeiter. Auf dem Handy hat er eine Nummer gespeichert, die ihn mit dem Vorzimmer von Wladimir Putin verbindet. Nur einmal hat er sie gewählt. Bei blauem Himmel weigerte sich der Helikopterpilot zu fliegen. Russi zückte sein Natel und erfuhr: Putin ist am Skifahren. «Komm doch auch, Bernhard!» – «Nein», sagt Russi, «ich muss arbeiten.» Ein paar Minuten später war er in der Luft.
Das Fluggefühl können auch die Abfahrer geniessen. Vier Sprünge gibt es auf der Piste Rosa Khutor. Allerdings muss auch am Boden viel Arbeit geleistet werden. Im oberen Teil dreht der Kurs stark. Carlo Janka vergleicht das mit der ultrasteilen Face de Bellevarde in Val-d'Isère. «Man fühlt sich beschiessen und hat keine Ahnung, ob man nun gut oder schlecht unterwegs ist.» Didier Défago hat auch nicht viel Spass in den engen Kurven, meint aber, die Piste habe Potenzial. Der Kurssetzer Helmuth Schmalzl geht beim ersten Test am Olympiaberg von 2014 keine Risiken ein und kontrolliert Tempo sehr stark.
Vorsichtig ging auch Russi bei den Eingriffen am Berg vor. Er liess keine Startplattform anlegen, weil er seltene Blumen schützen wollte, nutzte die von einer Lawine gerissene Bresche, folgte wo immer möglich dem natürlichen Gelände. Und als es heikel wurde und die türkischen Bauarbeiter nicht mehr weiterwussten, flog Russi Hilfe ein. Paul Accola gestaltete mit dem Menzi Muck den Startabschnitt und wurde so zum Namensgeber des «Accola Valley». Den Türken brachte er gleich auch noch bei, wie man am Berg richtig baggert.
In sechs Jahren entstand eine Piste, der Didier Cuche das Prädikat «olympiawürdig» verleiht. Christof Innerhofer sagt: «Hier wird der Beste gewinnen.» Zwei Dutzend Strecken hat Russi gebaut, nur viermal konnte die Piste nach seinen Vorstellungen eine Linie an einen unberührten Berg legen. Ist die Rosa Khutor seine Lieblingspiste? Russi sagt: «Dass weiss ich erst, wenn sie bei guten Bedingungen rennmässig befahren worden ist.» Das Gesamtkunstwerk entsteht durch die Verschmelzung von Berg und Sportler. Es feiert die Ästhetik der perfekten Schussfahrt.
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