NZZ Online, 02. Februar 2012 22:11:00
Der Mann mit Kapuze
Bill Belichick steht zum siebenten Mal in der Super Bowl – anzusehen ist es dem Patriots-Coach nicht
Bill Belichick wird nichts unversucht lassen, die Schmach aus dem Jahre 2008 zu tilgen. (Bild: Reuters)
Die NFL hat die Super Bowl XLVI vom kommenden Sonntag (in der Nacht auf Montag Schweizer Zeit) auf die beschauliche Innenstadt von Indianapolis konzentriert. Im grössten Sportereignis Amerikas treffen die New England Patriots und die New York Giants aufeinander.
Christoph Fisch
Perfektionismus ist mehr als ein Schlagwort im US-Sport. John McEnroe eiferte dem perfect game in jedem Spiel nach – seine unzähligen Schiedsrichterbeleidigungen und zertrümmerten Rackets zeugen von der Unmöglichkeit dieses Unterfangens im Tennis. Im Baseball gibt es eine Statistik für alles, auch für perfect games – in 143 Jahren Major League Baseball passierte das Unmögliche 20 Mal oder in 0,005 Prozent der rund 400'000 Spiele. Im Football ist die perfect season die höchste Perfektionsstufe – in der 82-jährigen Geschichte der National Football League (NFL) schafften es bisher nur die Miami Dolphins 1972, alle Spiele zu gewinnen.
Einer perfekten Saison ganz nahe kamen 2008 die New England Patriots. Es fehlten nur 35 Sekunden zum 19. Sieg im 19. Spiel und zum Gewinn der Super Bowl. Doch ein Spielzug riss die Patriots am 3. Februar 2008 in Arizona aus den Träumen – der New Yorker Quarterback Eli Manning erreichte mit seinem 13-Yard-Pass Plaxico Burress. Touchdown. 17:14 für die Giants. Perfekt war nur die Überraschung.
Am härtesten traf die Niederlage Bill Belichick. Dem Patriots-Headcoach war der Ruf vorausgeeilt, auf alle Football-Fragen eine Antwort zu haben. Drei Titel in vier Saisons (2001/03/04) zeugten davon. Doch in Arizona fand auch der schlaue Fuchs kein Mittel, um die New Yorker Defensive zu stoppen. Die machte unerbittlich Jagd auf den Quarterback Tom Brady und limitierte die New-England-Offensive auf lausige 14 Punkte. Die eigene Offensive besorgte den Rest. Und das war nicht einmal viel.
Im Lucas Oil Stadium, der Heimstätte der Indianapolis Colts, kommt es am Sonntag zur Revanche. Vier Jahre sind im brachialen Football, in dem eine Spielerkarriere durchschnittlich nur 3,3 Jahre dauert, eine Ewigkeit. Trotzdem stehen sich im Kern die gleichen Teams wie 2008 gegenüber: die gleichen Trainer, die gleichen Quarterbacks – und vor allem spielen die Giants mit dem gleichen Defensivsystem, das in Arizona den Unterschied ausmachte.
Belichick wird nichts unversucht lassen, jene Schmach zu tilgen, sein Ehrgeiz ist so legendär wie seine Humorlosigkeit. Die Suche nach Perfektion führte ihn auch schon auf Abwege: 2007 liess er vom Spielfeldrand aus die Coachs der New York Jets und deren Handzeichen filmen. Im Football ein Kapitalverbrechen. Die NFL sprach happige Bussen aus, allein gegen Belichick 500'000 Dollar – verkraftbar für einen mit einem geschätzten Jahressalär von 7,5 Millionen.
Der bestbezahlte Coach im US-Sport kommt übrigens immer noch wie sein eigener Balljunge daher: Sein Kapuzenpulli, mitunter mit gestutzten Ärmeln, ist sein Markenzeichen, das seine notorische Zerknirschtheit unterstreicht und das er wohl auch in seiner siebenten Super Bowl tragen wird. Sieben? Zweimal stand er als Assistent im Final – mit den Giants. Ausgerechnet.
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