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Neue Zürcher Zeitung, 20. Februar 2012 00:00:00

Berlins neuer Monarch

Otto Rehhagel offiziell als Hertha-Trainer vorgestellt

Wie beruhigend ist doch zu erfahren, dass manche Dinge im Leben konstant bleiben. Sicher, Karneval ist nicht jedes Jahr um die gleiche Zeit; und auf die Reputation des deutschen Bundespräsidenten ist kein Verlass mehr.

Stefan Osterhaus, Berlin

Wenigstens können wir auf Weihnachten zählen. Und auf Otto Rehhagel. Denn der ist immer für eine Überraschung gut. Wirklich immer. Deutscher Meister mit Bremen. Deutscher Meister mit Kaiserslautern. Europameister mit Griechenland. Und nun: Trainer in Berlin, bis zum Saisonende im Mai.

Der Boulevard atmet erleichtert auf. Die Hertha präsentiert einen Weltstar. Mehr als 100 Journalisten kamen am Sonntag, um König Otto zu hören. Der Kaffeevorrat ging schnell zur Neige, und der Neue genoss die Inszenierung. Sein Ton war staatstragend und dennoch jovial, erdverbunden, ja geradezu volkstümlich, jeder Satz wohlformuliert, und immer wieder fielen Begriffe wie Kultur und Dichtung.

Die Botschaft, die er schon am Vortag aussandte, war unmissverständlich: «Ab Sonntag bin ich das Gesetz.» Das hatte Rehhagel in einem Boulevardblatt gesagt und gleich noch erklärt, dass er Preusse sei. Im Herzen. Er sprach von einer demokratischen Diktatur. Und am Sonntag redete er von seiner Liebe zu Berlin, dieser Stadt mit ihrem «immensen kulturellen Angebot», von dem er aber keinen Gebrauch machen wolle – denn zuerst einmal gehe es um Fussball. Wer ihn hörte, der erkannte einen Mann, der seine Aufgabe als nationalen Auftrag identifiziert hat, nicht mehr, nicht weniger: Die Hauptstadt muss erstklassig bleiben.

Dabei klingt die blosse Nennung des Namens wie aus einer anderen Zeit, denn der Mann ist zum einen 73 Jahre alt und zum anderen das Gegenteil von dem, was heute als das Ideal des zeitgenössischen Fussballtrainers empfunden wird. Doch Rehhagel liess keinen Zweifel an seiner Sachkunde: «Im Fussball kenne ich mich aus.» Zudem sei völlig klar: «In drei Monaten ist Schluss.» Doch noch immer ist das Unterhaltungspotenzial des Altmeisters beträchtlich («Über Klatsch reden wir ab morgen nicht mehr»), noch immer vermag sein Selbstbewusstsein zu faszinieren. Ob er ein ähnliches Himmelfahrtskommando schon einmal übernommen habe – und ob er im Fall eines Misserfolgs um seine Reputation fürchte, fragte ihn ein Journalist. Rehhagel wog den Kopf, überlegte, fixierte den Fragesteller und sagte: «Wer soll mir denn die ganzen Titel wegnehmen, die ich alle gewonnen habe? Die können Sie mir nicht mehr wegnehmen.»





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