Neue Zürcher Zeitung, 10. Februar 2012 00:00:00
Auf Sand gebaut
Swiss Tennis träumt vor der Begegnung gegen die USA vom ersten Davis-Cup-Sieg
Die Schweizer sind in der Begegnung gegen den Rekordsieger USA Favorit. Von Roger Federer und Stanislas Wawrinka wird gegen Mard Fish, John Isner und das Duo Mike Bryan/Ryan Harrison ein Sieg erwartet. Der Blick der Schweizer geht aber weit über das erste Wochenende des Wettbewerbs hinaus.
Daniel Germann, Freiburg
Es war ein holpriger Auftakt in ein Ereignis, das zum Ausgangspunkt eines Sport-Highlights werden soll: Gut hundert Gäste und Medienleute drängten sich zur Auslosung der Davis-Cup-Begegnung zwischen der Schweiz und den USA im Auditorium eines der Werbepartner des Anlasses. Rechts vom Podium sass das Schweizer Team um Roger Federer, links davon die Amerikaner mit ihrem Leader Mardy Fish. Dazwischen thronten die Funktionäre des Tennis-Weltverbands, angeführt vom italienischen Präsidenten Francesco Ricci Bitti.
Federer, Federer, Federer
Es gab keine pompöse Kulisse wie letzten Sommer vor der Begegnung gegen Portugal im Berner Rathaus, keine geschliffenen Reden. Für etwas Glanz sorgte allenfalls Slawa Bykow bei der Auslosung der Spiel-Reihenfolge. Als der ehemalige russische Weltklasse-Eishockeyspieler zum zweiten Mal in den Topf greifen wollte, hielt ihn der Schiedsrichter Stefan Fransson zurück. Denn es gab für Bykow nichts mehr zu tun. Man hatte schlicht vergessen, ihm mitzuteilen, dass es im Davis-Cup nur einen Griff in den Topf braucht.
Wenn am Freitag Stanislas Wawrinka auf Mardy Fish und Roger Federer auf John Isner trifft, dann wird der Anlass mit mehr Leben gefüllt sein. Die 7500 Plätze im Freiburger Forum sind bis auf ein paar Dutzend Karten verkauft. Das Publikum wird einmal mehr Roger Federer feiern. Der wahrscheinlich grösste Sportler, den die Schweiz bisher gehabt hat, steht wie immer im Zentrum.
Federer soll den Schweizern den Weg in die Viertelfinals ebnen, und auch neben dem Platz reissen sich alle um ihn. Beim Galadiner am Mittwoch war er das bevorzugte Fotosujet. Distinguierte Damen streiften alle Zurückhaltung ab und mutierten zu Groupies. Der Eishockeyklub Fribourg-Gottéron fragte bei Swiss Tennis an, ob der Maestro nicht vielleicht zum Besuch in die Spielerkabine kommen könnte. Man erinnerte sich wohl, dass eine ähnliche Visite vor zwei Jahren beim SC Bern mit dem Titel geendet hatte.
Swiss Tennis blockte ab und hält seinem Star den Rücken frei. Man braucht ihn frisch. Gegen die USA – und wenn möglich auch in allfälligen weiteren Begegnungen. Federer lässt sich zwar nicht festlegen. Dass er sich bereits im Februar zur Verfügung stellt, wertet man bei Swiss Tennis aber als Bekenntnis zum Davis-Cup. Letztmals hat er 2004 in Rumänien so früh gespielt.
Federer und auch sein wichtigster Teamkollege Stanislas Wawrinka sehen in diesem Jahr eine Chance, den Davis-Cup zu gewinnen. Das hat auch damit zu tun, dass die anderen Topspieler im Olympiajahr ihre Kräfte offensichtlich schonen. Rafael Nadal hat bereits früh angekündigt, dass er 2012 auf den Davis-Cup verzichtet. Novak Djokovic und Andy Murray stehen ihren Verbänden zumindest in der ersten Runde nicht zur Verfügung.
Der Weg zum Titel bleibt auch so lang und schwierig: Im Viertelfinal (6.–8. April) wären zumindest auf dem Papier die Franzosen der logische Gegner (auswärts), im Falle einer Halbfinal-Qualifikation zeichnet sich eine Begegnung mit Titelverteidiger Spanien in der Schweiz ab. Swiss Tennis hat für den Termin im September (14.–16.) vorsorglich formelle Anfragen an das Zürcher Hallenstadion und die Palexpo-Halle in Genf gestellt.
Planen von Tag zu Tag
Die ganzen Dispositionen werden überflüssig, wenn sich Federer zurückziehen sollte. Nach seinem Scheitern im Halbfinal des Australian Open hatte der 30-jährige Basler gesagt, er plane diese Saison tageweise. Das heisst: Je mehr er gewinnt, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit, dass er den einen oder anderen Termin sausen lässt. Bereits nächste Woche wird er in Rotterdam erwartet.
Richtig anstrengend wird sein Programm aber erst im Frühjahr: Zwischen März und dem allfälligen Davis-Cup-Halbfinal ist Federer für Indian Wells, Miami, Madrid, Rom, Paris, Halle, Wimbledon, das Olympiaturnier, Toronto, Cincinnati und das US Open eingeschrieben. Dazu kommt die Davis-Cup-Viertelfinalbegegnung im April. Das ist ein geballtes Programm, das er seinem Körper kaum zumuten wird.
Vielleicht macht schon das Wochenende einen Teil dieser Überlegungen obsolet. Die Schweizer sind gegen die USA ohne den verletzten Andy Roddick zwar Favorit, aber trotzdem nicht derart im Vorteil, dass die ganze Begegnung reine Pflichterfüllung ist. Federer hat gegen Fish und Isner zwar 9 von 10 Spielen gewonnen (er verlor 2008 in Indian Wells gegen Fish), trotzdem hat er Respekt vor der Aufschlagstärke der beiden.
Der Sand soll die stärksten Schläge der beiden entschärfen. Deshalb erschraken die Verantwortlichen von Swiss Tennis, als sie realisierten, dass der extra verlegte Sandbelag durch die tiefe Luftfeuchtigkeit im Forum weit schneller ist als erwartet. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion liessen sie mehr Sand auf den Court streuen, um ihn langsamer zu machen. Wäre ja zu dumm, wenn die ganze Planung ausgerechnet am Sand scheitern würde.
- Artikel empfehlen:






Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.
Kommentar schreiben