NZZ Online, 03. Februar 2012 22:13:00
«Wir denken an unsere Tabelle»
Der FC Sion ist nicht mehr Titelkonkurrent des FC Basel, sondern am Tabellenende klassiert
Sittens Trainer Laurent Roussey - mit grimmigem Blick in die Rückrunde. (Bild: Keystone / Campardo)
Der langwierige Justizfall um Spielerqualifikationen im FC Sion führt dazu, dass im Wallis eine virtuelle Rangliste erstellt wird. Der Super-League-Verein rückt zusammen und ortet einen potenziellen Feind.
Peter B. Birrer, Martigny
FC Sion kämpft weiterhin auf vielen Ebenen – gegen die Uefa vor dem Bundesgericht, gegen den SFV vor dem Berner Regionalgericht und am Sonntag beim FC Basel um Punkte in der Super League. Der Franzose Laurent Roussey, der Trainer Sittens, nimmt zu neun Thesen Stellung.
Š Sie haben Kopfweh, weil die Tabelle den FC Sion mit minus 5 Punkten zeigt.
Nein, das ist nicht so. Denn ich sehe dieses Klassement nicht. Ich habe das Klassement vom Ende der Vorrunde vor Augen. Der FC Sion ist Zweiter mit 31 Punkten. Nur das zählt in meinem Kopf. Alles andere interessiert mich nicht.
‹ Sie kennen niemanden, der sagt, dass das gerecht ist, was der Weltverband Fifa und der Schweizerische Fussballverband SFV getan haben.
Es geht nicht um gerecht oder ungerecht. Es geht um die Härte der Sanktion. Ich habe noch nie gehört, dass einem Klub 36 Punkte abgezogen werden. Es gab in Italien Klubs mit Minuspunkten – aber dort wurden Korruption und geschobene Spiele bestraft. Unsere Strafe ist für mich nicht fassbar. Da werden Cup-Spiele eingeschlossen, die zum zusätzlichen Minus in der Meisterschaft führen. Gleichzeitig bleiben wir im Cup. Die jeweiligen Spieler wurden auch in der U 21 eingesetzt. Dort hat alles keine Auswirkung. Ich verstehe vieles nicht.
Œ Unter solchen Umständen ist es schwierig, die Spieler zu motivieren.
Nein, nie. Alle wissen, dass wir den Meistertitel ins Wallis holen wollen. Das ist das erste Ziel. Deshalb ist unsere Geschichte, den Rückstand auf Basel aufholen zu wollen. Wir denken an unsere Tabelle mit den 31 Punkten. Die ist in der Kabine gut sichtbar. An anderes denken wir nicht. Wer das eine nicht vom anderen trennen kann, wird in Sitten in Schwierigkeiten kommen.
Der schlimmste Moment war nicht der 30. Dezember, als der SFV dem FC Sion 36 Punkte abzog. Der schlimmste Moment war der 2. September, als der europäische Verband Uefa Sitten nach dem siegreichen Play-off gegen Celtic Glasgow aus der Europa League verbannte.
Der Europacup-Rauswurf schmerzte. Ich habe viele Partien unserer Europa-League-Gruppe am Fernsehen verfolgt. Ich sah Celtic, Stade Rennes und Udinese zu und wollte wissen, ob wir hätten mithalten und weiterkommen können. Ich versuchte mir auf diesem indirekten Weg ein Bild meines Teams zu machen. Wir hätten gut abgeschnitten. Übrigens: Der schwierigste Moment für mich als Trainer war das Meisterschaftsspiel im August in Basel, als es 20 Minuten vor dem Spiel hiess, dass die betroffenen Spieler nicht eingesetzt werden können. Ich musste das den Spielern sagen, innert Minuten umdisponieren und davor angestellte Überlegungen ins Gegenteil kehren.
Ž Die Affäre FC Sion hat trotz allem etwas Bereicherndes.
Das kann eine gute Erfahrung sein – auch für den Alltag. Man muss stark bleiben, Kraft zeigen und immer wieder Überzeugungsarbeit leisten. Man muss alle mitziehen. Man muss schauen, dass die Osmose und die Kohäsion im Team Bestand haben – etwa, wenn Medien vorrechnen, dass das Team ohne die Spieler mit den Qualifikations-Diskussionen mehr Punkte holt als mit ihnen. Der Trainer muss 25 Spieler beobachten. Er muss noch genauer hinsehen und aufnehmen, wer damit wie umgeht. Gabri hatte zuerst physische Defizite. Er kämpfte sich heran und durfte in jenem Moment nicht mehr spielen, als er bereit gewesen wäre. Feindouno war sehr angeschlagen, auch Mutsch machte die Ungewissheit zu schaffen.
Die Affäre hat den Klub und das Team zusammengeschweisst.
Das Team hat sich zweifellos verbündet. Wir sagen uns, dass wir mehr verdient haben als diese Behandlung. Wir orten einen potenziellen Feind. Das meine ich jetzt in Klammern.
Einerseits bewundern Sie den Präsidenten Christian Constantin, andrerseits denken Sie auch: «Er ist verrückt.»
Nein. Er hat mir erklärt, was er hier tut. Es geht um den Gerechtigkeitssinn. Es geht um einen Kampf, in dem er auf mich zählen kann. Da investiere ich. Wir gehen in die gleiche Richtung. Das geht über den Klub, über das Wallis. Constantin ist überzeugt, es gibt keine Zweifel bei ihm. Das steckt an. Niemand im Klub hat einen Zweifel.
‘ Der Cup ist die Passion des FC Sion und das Ziel, das noch bleibt.
Das erste Ziel ist der Meistertitel, das zweite der Europacup, das dritte der Cup, der am meisten Symbolkraft hat. Auf der Walliser Fahne sind 13 Sterne. In 12 Cup-Finals gewann der FC Sion 12-mal. Der Nächste ist der 13.
’ Sie sind schon ein Jahr im Wallis. Sie bleiben mindestens noch ein zweites Jahr.
Ein Jahr ist viel, nicht wahr? Aber der Fussball, ich weiss nicht. Was gilt schon, was heute ist? Auf jeden Fall gefällt mir das Wallis, auch die Mentalität hier.
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