Direkte Links und Access Keys:

Neue Zürcher Zeitung, 10. Februar 2012 00:00:00

«Mindestens Blutdoping»

Späte Strafe – Jan Ullrich wird vom Sportschiedsgericht des Betrugs bezichtigt

Das Sportschiedsgericht (TAS) kennt keine Gnade mit Tour-Siegern und sperrt nach Alberto Contador den längst zurückgetretenen Jan Ullrich für zwei Jahre.

Benjamin Steffen

Ein livre d'or nach dem anderen muss umgeschrieben werden. Nachdem am Montag der mehrfache Tour-de-France-Sieger Alberto Contador vom Sportschiedsgericht (TAS) wegen Dopings rückwirkend für zwei Jahre gesperrt worden war, erhielt Jan Ullrich am Donnerstag dieselbe Strafe (gültig ab 22. August 2011).

Anders als Contador ist der Deutsche nicht mehr aktiv. Doch alle Resultate Ullrichs zwischen dem 1. Mai 2005 und dem Rücktritt knapp zwei Jahre später werden annulliert; tangiert sind die dritten Plätze an der Tour de Suisse und der Tour de France 2005 und der Tour-de-Suisse-Sieg 2006.

Keinerlei Zweifel

Die Verwerfungen gründen im Dopingskandal um den Gynäkologen Eufemiano Fuentes, dessen Netz die spanische Polizei im Frühling 2006 aushob. In der Kundenkartei fanden sich die Namen vieler prominenter Radprofis, darunter Ullrich, was zum Last-Minute-Startverbot an der Tour de France 2006 führte.

Vor das TAS kam der Fall, weil die Disziplinarkammer für Dopingfälle von Swiss Olympic das Verfahren gegen den in der Schweiz lizenzierten Ullrich Anfang 2010 eingestellt hatte; dagegen rekurrierten sowohl der Rad-Weltverband (UCI) als auch Antidoping Schweiz. Auf den Rekurs von Antidoping Schweiz trat das TAS nicht ein, weil die unabhängige Stiftung 2005 noch gar nicht existiert hatte, als Ullrich die Schweizer Lizenz für 2006 beantragte.

Damit gab das TAS eigentlich einzig der UCI recht; doch die zusammengetragenen Akten und Fakten, die Ullrich zum Verhängnis wurden, trugen massgeblich die Handschrift von Antidoping Schweiz. Laut der 24-seitigen Urteilsbegründung hegten die TAS-Richter keinerlei Zweifel an Dopingvergehen Ullrichs. Fuentes sei in Doping-Dienstleistungen involviert gewesen, schreiben sie; Hinweise bei Fuentes legten nahe, dass Ullrich ihn getroffen habe; zudem habe Ullrich dem Arzt Geld bezahlt – 2004 einen Betrag von € 25 003.20, zwei Jahre später 55 000 Euro.

Schliesslich heisst es, DNA-Analysen hätten gezeigt, dass Ullrichs Blut in Beuteln gelagert wurde, die in Fuentes' Besitz waren. Entscheidend – gleichsam als Fazit – scheint damit der Punkt 67, unter dem steht, Ullrich habe gegen den Artikel 15.2 des UCI-Reglements verstossen, indem er «mindestens Blutdoping» betrieben habe. Was zur Frage führt: Warum «mindestens»?

Diese Formulierung könnte dahingehend interpretiert werden, dass das TAS weitere Dopingvergehen nicht ausschliesst. Insider gehen davon aus, dass es sich um im Urteil nicht erwähnte Nachanalysen von Urinproben handeln könnte, die in der Anklageschrift auch enthalten waren. In besagten Proben sollen Spuren von Testosteron gefunden worden sein.

Fuentes-Kunden allüberall

Andere Dopingvergehen scheinen – gelinde gesagt – denkbar. Das in der ehemaligen DDR aufgewachsene Talent lancierte die Profikarriere, als EPO-Doping im Feld fast täglich Brot war. Seine erste Tour-de-France-Teilnahme mit Telekom beendete er 1996 als Zweiter hinter dem Teamkollegen Bjarne Riis, 1997 gewann er die Grande Boucle als erst 23-Jähriger und bisher einziger Deutscher.

Zehn Jahre später gestanden mit Bert Dietz, Christian Henn, Rolf Aldag, Erik Zabel, Udo Bölts, Brian Holm und Riis mehrere frühere Telekom-Fahrer Doping. Ullrich schwieg. Ob das TAS-Urteil das Schweigen bricht? Am Donnerstag kursierte das Gerücht, Ullrich nehme bald Stellung.

Von Ullrich stammt das Doping-Bonmot, er habe nie jemanden betrogen. Mag sein. Koldo Gil, der 2006 hinter ihm Tour-de-Suisse-Zweiter wurde, gilt auch als Fuentes-Kunde; ebenso Francisco Mancebo, der 2005 hinter Ullrich Vierter der Tour de France war. Und von Fränk Schleck, 2005 Tour-de-Suisse-Vierter, ist bekannt, dass er Fuentes 6991 Euro zahlte. Angeblich für Trainingspläne. Was Ullrich wollte, war offensichtlich viel teurer.





Leser-Kommentare:
keine


Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.

Kommentar schreiben

Bei jedem neuen Beitrag in dieser Diskussion erhalten Sie eine entsprechende Benachrichtigung.

(maximal 950 Zeichen)

* Pflichtfeld

Sie dürfen noch Zeichen als Text schreiben.

Die Redaktion sichtet die Leserkommentare und schaltet sie frei. Wir behalten uns vor, Beiträge nicht zu publizieren. Am meisten Chancen haben Kommentare, die direkt auf einen Artikel eingehen. Beiträge mit ehrverletzenden, rassistischen oder unsachlichen Äusserungen publizieren wir nicht. Der Korrespondenzweg ist ausgeschlossen.

  • Für registrierte Nutzer

  • Für nicht registrierte Nutzer

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzuschicken.

     
 



Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

tagblatt.ch / ipad

iPad und E-Paper

facebook.com / tagblatt

 ...

Anzeige: