NZZ Online, 02. Februar 2012 22:00:17
«Man muss realistisch bleiben»
Ambrosi Hoffmann spricht nicht mehr vom ersten Sieg – aber auch noch nicht vom Rücktritt
Ambrosi Hoffmanns kritischer Blick auf die Anzeigetafel. (Bild: Keystone / Bott)
«Mir geht es sehr gut», sagt Ambrosi Hoffmann, «mit einer Ausnahme: Auf der Piste bin ich zu langsam.» Der einstige Junioren-Abfahrtsweltmeister kommt weiter nicht vom Fleck, will die Saison aber trotzdem mit «totalem Biss» zu Ende fahren.
Stefan Oswalt, Chamonix
Die Antwort des Davosers ist ehrlich, denn der Gemütsmensch ist alles andere als ein Zyniker. Es stimmt ja wirklich: Hoffmann ist verheiratet, ein guter Vater der Söhne (3 Jahre und 6 Monate), und seine Zukunft nach dem Skirennsport zeichnet sich klar ab. «Amba» wird ins Baugeschäft seines Vaters einsteigen, in dem auch der Bruder arbeitet.
Dass im Skisport Aufwand und Ertrag seit einiger Zeit in keinem guten Verhältnis mehr stehen, ist dem 34-Jährigen bewusst. Immer wieder seien diese Saison Lichtlein aufgeleuchtet, die Besserung versprachen – «doch dann klappte es im Rennen trotzdem nicht». Mit einer guten Fahrt unter die besten zwanzig zu fahren, damit wäre er im Moment zufrieden. «Man muss realistisch bleiben», sagt er ohne Emotionen.
Am Anfang der Karriere hatte er von ganz anderen Höhenflügen geträumt. Hoffmann wurde 1996 im Ybrig Abfahrts-Junioren-Weltmeister, was den sofortigen Einstieg in den Weltcup zur Folge hatte und hohe Erwartungen weckte. Vier Jahre später jedoch folgte die Ernüchterung: Weil er sich vom Kampf mit den Besten überfordert fühlte, ging er freiwillig in den Europacup zurück, «um das Siegen zu lernen».
Was ihm dort auf Anhieb gelang, hat er im Weltcup oft durch Verletzungen zurückgeworfen in 224 Anläufen nie geschafft. Acht Podestplätze und olympische Bronze im Super-G 2006 sind die Bestmarken der Karriere. Der 3. Abfahrts-Rang 2004 in Kitzbühel und die olympische Auszeichnung von Sestriere dürften die Highlights bleiben. Vom noch erreichbaren ersten Sieg, von dem Hoffmann letzten Winter noch sprach, ist keine Rede mehr.
Der Wechsel auf neues Skimaterial sollte 2010 einen letzten Leistungsschub auslösen. Der ist bis heute ausgeblieben, jetzt will er lediglich «die Saison mit voller Konzentration zu Ende fahren». Wie Cuche mitten in der Saison den Rücktritt bekanntzugeben, könnte er sich nicht vorstellen. «Das würde mir den Biss nehmen.»
Sich von der Familie zu verabschieden, immer wieder «allen Plunder» einzupacken, falle ihm schwer, erst wenn er unterwegs sei, lasse er sich von nichts mehr ablenken. Kein Wunder, kann er sich nicht vorstellen, dereinst als Trainer weiter durch die Skiwelt zu tingeln. Aber er werde auch nach dem Rücktritt nicht zu Hause herumhocken, sondern sich ohne Kompromisse im Beruf engagieren. «Genau gleich wie in der Karriere – seit dem Anfang und bis heute.»
- Artikel empfehlen:






Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.
Kommentar schreiben