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NZZ am Sonntag, 22. Januar 2012 00:00:00

«Ich habe die Nase für Fussball»

Lucien Favre verblüfft als Chefcoach von Borussia Mönchengladbach

Lucien Favre, der Schweizer Coach von Borussia Mönchengladbach. Zoom

Lucien Favre, der Schweizer Coach von Borussia Mönchengladbach. (Bild: Imago)

Trainer Lucien Favre hat mit einem klaren Konzept aus Borussia Mönchengladbach ein Erfolgsteam geformt. Der Romand kennt den Wert seiner Arbeit. Er zeigt sich selbstbewusst, ohne die Vorsicht ganz abzulegen.

Interview: Christine Steffen

NZZ am Sonntag: Herr Favre, Sie sind in Deutschland ein Star. Mit dem Sieg gegen Bayern wächst die Verehrung noch. Was bedeutet Ihnen das?

Lucien Favre: Nichts Spezielles. Das Wichtigste ist, dass wir uns in der letzten Saison vor dem Abstieg gerettet haben. In der neuen Saison wollten wir nicht gleich wieder das Messer am Hals haben. Da hat der Sieg in München im Startspiel viel geholfen, er hat Vertrauen gegeben. Seit der Partie gegen Leverkusen im Oktober spielen wir auch gut, wir haben viele Torchancen, manchmal zehn pro Spiel.

Sie loben jetzt Ihr Team. Nach dem 3:1-Sieg im Cup gegen Schalke haben Sie die Mannschaft aber sofort wieder kritisiert . . .

Ich habe nicht kritisiert, ich habe analysiert.

Sie haben gesagt, es sei eine Katastrophe gewesen.

Ich übertreibe manchmal.

Übertreiben Sie extra?

Ein wenig. Ich muss hart sein. Ich muss viel fordern. Von mir und von allen Spielern. Wir haben verdient gewonnen, aber 20 Minuten lang haben wir nicht gut gespielt.

Ist es schwierig, die Spieler am Boden zu halten?

Die Spieler sind realistisch. Vor sechs Monaten haben wir uns mit viel Mühe gerettet. Und wir spielen mit dem genau gleichen Team wie damals.

Sie sagen jeweils, hinter dem Erfolg stehe sehr viel Arbeit. Ist das alles?

Meine Spieler sind spielintelligent. Das heisst nicht unbedingt, dass sie Top-Spieler sind. Man kann Spielintelligenz haben, aber für die Bundesliga zu langsam oder technisch zu schlecht sein. Die Spielintelligenz hat mir sehr geholfen. Fehlt sie, hat ein Trainer keine Chance.

Sie verlieren im Sommer mit Marco Reus und Roman Neustädter zwei Schlüsselspieler. Wie mühsam ist es, permanent ein neues Team aufbauen zu müssen?

Ausser bei München, Dortmund, Barcelona, Real Madrid und Manchester ist es so. Heute sind die finanziellen Möglichkeiten der Klubs derart unterschiedlich; du musst einfach akzeptieren, dass das zum Geschäft gehört. Die beiden haben mich früh informiert. Sie waren ehrlich, sie sind menschlich top. Wir lieben beide: als Menschen und als Fussballer.

Sie gelten als Trainer, der Zeit braucht, um etwas aufzubauen. Trotzdem hatten Sie jetzt sehr schnell Erfolg.

Es ist ein Klischee, dass ich Zeit brauche. Ich stelle mich auf das ein, was von mir erwartet wird. Hier musste ich sofort die Mannschaft stabilisieren. Nach vier, fünf Wochen hatte ich das erreicht – mit vielen Gesprächen, einzeln und im Kollektiv, und durch viel Arbeit auf dem Platz. Und zwar durch richtige Arbeit. Ich musste schnell und präzis sein.

Trotzdem: Sie gelten eher als Aufbauer denn als Feuerwehrmann.

Ich kann beides.

Sie sind sehr selbstbewusst. Ist das neu?

Das war immer so. Aber ich habe früher nicht gesagt, dass ich gut bin.

Wieso sagen Sie es jetzt?

Weil es die Wahrheit ist.

Sie haben nach Ihrer Zeit in Berlin eineinhalb Jahre lang Pause gemacht. Was hat Ihnen diese Zeit gebracht?

Ich hatte sie nötig. Davor hatte ich 13 Jahre am Stück als Trainer gearbeitet. Anfangs denkt man, man kann sich in drei Wochen Ferien regenerieren, aber das ist nicht der Fall. Ich habe an meinem Deutsch und meinem Englisch gearbeitet und etwas Spanisch gelernt. Jetzt bin ich mental wieder frisch, kann schneller und besser entscheiden, bin konzentrierter.

War Ihnen klar, dass Sie in die Bundesliga zurück wollen?

Unbedingt. Es ist eine der hochstehendsten Ligen in Europa. Die Stadien sind voll, Fussball ist fast eine Religion. Die Meisterschaft ist spannend. Das ist eine andere Welt als die Schweiz.

Sie sind zurzeit der einzige Schweizer Trainer in der Bundesliga. Was macht es so schwierig, hier zu bestehen?

Man muss sich bereits in der Schweiz bewiesen und Titel geholt haben. Danach muss man zeigen, dass man auch in der Bundesliga ein guter Trainer ist. Das habe ich gemacht.

Aber was macht Sie besser als andere?

Ich sage nicht, dass ich besser bin. Aber ich denke, selbst Mourinho oder Guardiola hätten hier im letzten Jahr keine bessere Arbeit geleistet. Ich habe mich auf jeder Trainerstation verbessert. Und noch einmal: Diese Pause war wichtig. Ich habe auch an vielen neuen Übungen gearbeitet. Heute lasse ich zu 98 Prozent mit dem Ball trainieren. Und ich habe die Nase für Fussball. Ich war ein Spieler, den man überall einsetzen konnte. Am liebsten spielte ich im Mittelfeld, ich konnte aber auch Stürmer oder Innenverteidiger spielen. Es war kein Problem für mich, mich schnell zu adaptieren. Das hilft mir als Trainer.

Der Druck auf die Trainer in Deutschland ist enorm. Was machen Sie, um ihm standzuhalten?

Das ist für mich eine wichtige Frage. Man muss zwischendurch abschalten, auch wenn wir sehr wenig Zeit zur Verfügung haben. Wenn ich zwei Tage frei habe, fahre ich mit meiner Frau nach Brüssel. Wir gehen ins Kino oder essen, sprechen Französisch. Ich fahre Rad, spaziere, lese. Viele Trainer können nicht abschalten. Fussball ist derart wichtig hier.

Die Bedeutung des Fussballs führt auch dazu, dass man schnell Erfolg haben muss.

Das ist vielleicht ein Problem in Deutschland. Ein Trainer ist durchschnittlich 10 bis 14 Monate in einem Verein. Dann ist er weg. So entsteht keine Kontinuität. Es wird verlangt, eine Mannschaft aufzubauen und sofort mit ihr in die Champions League zu kommen. Das geht nicht. Du brauchst eine Philosophie. Vieles ist in Deutschland positiv, aber die Geduld und die Kontinuität fehlen. Dieses System zu durchbrechen, ist schwierig. Ich möchte das nicht als Kritik verstanden wissen, aber als Wunsch für mehr Geduld.

Haben Sie das Gefühl, in Mönchengladbach habe man Geduld?

Ich weiss, dass man im Verein Kontinuität haben will. Aber man hatte hier elf Trainer in zwölf Jahren.

Das hat Sie nicht abgeschreckt?

Man muss verstehen, was ein Angebot von Mönchengladbach bedeutet. Das war ein Top-Verein, als ich jung war. Man kann es unmöglich ablehnen.

Wie erleben Sie die Stimmung in der Stadt seit dem Aufschwung?

Zum Glück gibt es Fussball in dieser Stadt. Sie ist nicht so spektakulär wie andere Städte. Darum ist Fussball so enorm wichtig. Die Leute sind stolz, aber auch realistisch. Sie wissen, wo wir vor sechs Monaten waren. Wir haben ein Wunder vollbracht. Wir müssen aufpassen.

Sie warnen und sind vorsichtig. Das ist Taktik.

Ich bin nicht vorsichtig, ich bin Realist. Ich muss mich nicht schützen, das habe ich nicht nötig. Wir müssen um jeden Punkt kämpfen, das ist die Realität.





Leser-Kommentare:
4 Beiträge

Kommentare lesen

borussenecho (22. Januar 2012, 13:00)
Favre den Verbleib schmackhaft machen! Strukturelle Verbesserungen durch einen Ralf Rangnick!

Wie einst die schweizer Legende Wilhelm Tell hat Lucien Favre das Zepter bei der Borussia in die Hand genommen. Den Fohlenstall bei seiner Amtsübernahme kräftig ausgemistet und den Muff der vergangenen Jahre herausgelassen.
Dümpelte der Verein doch im provinziellen Mief zwischen erster und zweiter Liga hin und her. Ein Konzept oder gar eine klare Philosophie - nichts von dem war andeutungsweise zu sehen.
So verkaufte ihr Manager Eberl die abermalige Vertragsverlängerung des unterdurchschnittlichen Trainers Frontzeck (zuvor schon glanzlos mit Aachen und Bielefeld gescheitert) als einen Meilenstein und einen Ausdruck von Kontinuität.

Nein, Favre ist die wirkliche Stabilität im Verein! Er hat im Husarenritt die Borussia in der vergangenen Saison in nur 12 Spielen vor dem sicheren Abstieg bewahrt und den Verein vor dem Zusammenbruch und Ausverkauf des Kaders.

Nur wenn er die Freiheiten bekommt, den

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borussenecho (22. Januar 2012, 13:07)
Voraussetzung für die Fortsetzung des Erfolgsweges

Nur wenn er die Freiheiten bekommt, den Verein grundlegend umzukrempeln und ihn endlich weitgehend professionelle Strukturen verleiht, dann kann die Borussia auf seinen Verbleib hoffen.
So wie einst Cruyff bei Barcelona eine neue Ära einleitete.
Dies ist die historische Chance von Borussia Mönchengladbach und diese sollte sie in keinem Falle verpassen!

Auf gehts´ Borussia. Der Legende von einst beginnt wieder neuen Lebenshauch zu entdecken!

P.S. Man sollte einen Ralf Rangnick in den Verein mit einbinden!

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roadrunner-c (22. Januar 2012, 16:01)
Lucien Favre - ein Glücksfall für Borussia!

Lucien Favre ist ein absoluter Glücksfall für Borussia Mönchengladbach.

Mit derselben Mannschaft, die er in der vergangenen Saison vor dem Abstieg bewahrt hat, mischt er nun in ungeahnten Tabellenregionen mit.

Das Team hat seine (Spiel)Philosophie absolut verinnerlicht und setzt sie als homogenes Kollektiv auf dem Spielfeld sehr diszipliniert - mitunter sogar in Perfektion - um.

Als Fan der Borussia hoffe ich, dass er langfristig bleibt und trotz der schmerzlichen Abgänge aus der Überraschungsmannschaft dieser Saison ein Team formt, das sich dauerhaft in der oberen Tabellenhälfte der Bundesliga etabliert.

Ich bin davon überzeugt, dass die Verantwortlichen bei Borussia wissen, was sie an ihm haben und ihm die nötigen Mittel und Freiheiten zur Verfügung stellen bzw. einräumen, die er braucht, um seine Philosophie umzusetzen.

Umgekehrt dürfte es auch für ihn ein Anreiz sein, unter solchen Bedingungen sein Aufbauwerk fortzusetzen.

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borussenecho (24. Januar 2012, 20:25)
Wenn sich ein Wilhelm Tell manchmal wie ein Don Quichote fühlen muss

Es bleibt abzuwarten, ob die Vereinsführung dem neuen Kulttrainer die Freiheiten gewährt um sein angefangenes Werk nach seinen Vorstellungen fortsetzen zu können.
Momentan fällt auf, dass sie sich vorallem in seinem Glanz und Erfolg sonnen und ihn sich auf ihren Fahnen mitschreiben wollen.
Dabei war vor einem Jahr die Existenz des Vereins sehr gefährdet und es drohte der Absturz in die Zweitklassigkeit, verbunden mit dem Verlust vieler Leistungsträger.
Favre hat auch in dieser Hinsicht die Fehler aufgedeckt, längst vorhandenes Potential wurde nicht erkannt und fahrlässig damit umgegangen!
Wie ein Manager mit einem bislang dahin erfolglosen Trainer nach seiner ersten allenfalls passablen Saison gleich um zwei Jahre verlängerte obwohl der Vertrag noch ein Jahr lief, wird wohl dessen Geheimnis bleiben! War doch bei dessen zuvorigen Anstellungen nach der ersten Saison schon gleich die Luft in der nächsten aus.
Das alles wird Favre sehen!

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