Wetter hat erheblichen Einfluss auf Volksabstimmungen

REGEN IST ENTSCHEIDEND ⋅ Das Wetter hat laut einer neuen Studie einen erheblichen Einfluss auf das Abstimmungsresultat. Regnet es, scheut sich der Stimmbürger vor zu starken Veränderungen.
04. August 2017, 09:13
Roger Braun

Roger Braun

Ist das Wetter schuld, dass heute in vielen Berggemeinden keine Zweitwohnungen mehr gebaut werden dürfen? Diese Frage drängt sich nach der Lektüre einer noch unveröffentlichten Studie von Basler und Luzerner Politökonomen auf. Vor gut fünf Jahren stimmte die Schweizer Stimmbevölkerung der Zweitwohnungs-Initiative mit 50,6 Prozent zu. Seither ist in Gemeinden mit einem Zweitwohnungsanteil von 20 Prozent der Bau von Ferienwohnungen untersagt. Hätte es geregnet, so argumentieren die Forscher, wäre die Initiative wohl abgelehnt worden.

Ihre Aussagen stützen die Wissenschafter mit einer Untersuchung von über 400 Volksabstimmungen in der Schweiz zwischen den Jahren 1958 und 2014. Ihr Befund: Regen stimmt die Stimmbürger vorsichtig. Bei schönem Wetter dagegen sind die Bürger bereit, Risiken einzugehen. Die Zweitwohnungs-Initiative zum Beispiel war zweifellos ein Risiko für die Zukunft vieler Bergdörfer, deren lokale Wirtschaft massgeblich vom Tourismus abhängt. Trotzdem hatte das Volk den Mut, Ja zu sagen. Wegen des schönen Wetters, das damals herrschte, sagen die Forscher nun.

Gutes Wetter erhöht Risikofreude

Das mag für überzeugte Direktdemokraten verstörend wirken. Der Schweizer Bürger, der doch mit aller Sorgfalt Vor- und Nachteile abwägt und danach ein aufgeklärtes Ja oder Nein in die Urne wirft, soll durch so etwas Banales wie das Wetter gesteuert sein? Eine solche Aussage grenzt an Landesverrat in der basisdemokratischen Schweiz.

Assistenzprofessor Lukas Schmid von der Universität Luzern legt Wert darauf, dass es den Forschern nicht darum gehe, die direkte Demokratie zu kritisieren. Im Gegenteil, er stünde der direkten Einflussnahme des Volkes sehr positiv gegenüber. «Uns geht es darum, menschliches Verhalten zu verstehen», sagt er. Dabei zeige sich, dass Emotionen auch bei Abstimmungsentscheidungen eine wichtige Rolle spielen. Für Schmid entspricht dies den Ergebnissen der psychologischen Forschung. Demnach verhalten sich schlecht gelaunte Menschen eher risikoscheu. Gut gelaunte Personen schauen hingegen positiv in die Zukunft und sind eher bereit, Risiken einzugehen. Weil bisherige Forschungsergebnisse nahelegen, dass schönes Wetter die Stimmung aufhellt, ergibt sich der geschilderte Zusammenhang: Regen begünstigt einen risikoarmen Abstimmungsausgang, trockenes Wetter hingegen die risikoreichere Alternative. Gemäss den Berechnungen der Forscher senkt verbrei­teter Regen den Ja-Anteil im Durchschnitt um etwa 1,2 Prozentpunkte.
 

Laut Studie wären folgende Abstimmungen anders gelaufen. Zoom

Laut Studie wären folgende Abstimmungen anders gelaufen.

Mit der Briefwahl nimmt der Einfluss des Regens ab

Seit 1994 die Briefwahl auf nationaler Ebene eingeführt wurde, gehen nur noch wenige Bürger an die Urne. Stattdessen stimmen inzwischen rund 85 Prozent schriftlich ab. Mit der Verbreitung der Briefwahl hat auch der Einfluss des Wetters am Abstimmungssonntag abgenommen, stellten die Wissenschafter fest. Verschwunden ist der Zusammenhang allerdings nicht, da nach wie vor ein massgebender Teil der Bevölkerung erst am Sonntag zur Urne geht.

Schmid beurteilt die Einführung der Briefwahl auch im Lichte der Studie positiv. «Es ist gut, dass nicht alle Stimmbürger am selben Tag abstimmen», sagt er. Dadurch werde der Einfluss eines rein zufälligen Regentags auf das Gesamtresultat geschwächt, was im Sinne einer sachorientierten Entscheidungsfindung sei.

Die Aussagekraft der Studie sieht er durch die Verbreitung der Briefwahl nicht geschwächt. «Unsere Studie dokumentiert, dass Regen einen signifikanten Einfluss auf das individuelle Stimmverhalten hat, sagt er. «An dieser Erkenntnis ändert sich nichts, wenn nicht mehr alle am selben Tag abstimmen.»

Studie: Rain, Emotions and Voting for the Status Quo. Autoren: Armando N. Meier, Lukas Schmid, Alois Stutzer.
 

Auch Wind und Sport­resultate haben Einfluss

Dass sachfremde Dinge Abstimmungen beeinflussen, ist in der Wissenschaft gut belegt. Demnach verleitet nicht nur der Regen die Bürger zu einem vorsichtigen Abstimmungsverhalten, sondern auch der Wind, wie eine Studie aus den USA jüngst ergab. Die Stimmbevölkerung scheint dann ein grösseres Sicherheitsbedürfnis zu haben. In den USA drängt sich für Amtsinhaber zudem der Blick auf die Resultate des lokalen Footballteams auf. Gewinnt das Collegeteam innerhalb der zehn Tage vor der Wahl ein Spiel, steigen die Chancen, wiedergewählt zu werden. (rob)


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