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Unliebsame Wahrheiten

17. Juli 2017, 05:17
Peter Grünenfelder Direktor Avenir Suisse

Anfang Juli veröffentlichte das Staatssekretariat für Wirtschaft einen umfassenden Bericht zu den Folgen von 15 Jahren Personenfreizügigkeit. Der Befund: Obwohl Schweizer Unternehmen mit konjunktu­rellen Turbulenzen und dem starken Franken zu kämpfen haben, behauptet sich die Wirtschaft im internationalen Vergleich sehr gut. Seit 2002, dem Jahr der Einführung der Personenfreizügigkeit, konnte ein starkes Beschäftigungswachstum festgestellt werden: Die Erwerbstätigkeit hat um 22 Prozent zugelegt, die Erwerbslosigkeit blieb anhaltend tief. Eine Verdrängung Einheimischer durch die Arbeitsmigration hat nicht stattgefunden, die Zuwanderer waren eine Ergänzung zu den inländischen Erwerbspersonen. Das Bruttoinlandprodukt ist real um 29 Prozent gewachsen, pro Kopf um 12 Prozent. Auch die Reallöhne, quasi die individuelle Freizügigkeitsdividende, wuchsen seit Inkrafttreten der Personenfreizügigkeit jährlich um durchschnittlich 0,8 Prozent.

Ein Faktor des wirtschaft­lichen Erfolgs ist die zunehmende Spezialisierung auf Waren und Dienstleistungen mit hoher Wertschöpfung. Damit einher geht ein steigender Bedarf nach qualifizierten Fachkräften. Dies betrifft zusehends auch KMU, die immer stärker in internationale Wertschöpfungsketten eingebunden sind. Die Beschäftigungszahl stieg daher in den vergangenen Jahren besonders stark bei den sogenannten wissensintensiven Dienstleistungsberufen, etwa in der Unternehmens- oder Rechtsberatung, in der Forschung und Entwicklung oder auch bei Architektur- und Ingenieur­büros. Da der einheimische Talentpool zahlenmässig zu klein ist, sind in diesen Branchen europäische Zuwanderer deutlich stärker vertreten als in anderen Bereichen.

Die insgesamt positiven Auswirkungen der Personenfreizügigkeit, wie sie die aktuelle wissenschaftlich fundierte Untersuchung mit einer Datenauswertung von immerhin 15 Jahren aufzeigt, hat Reaktionen ausgelöst – auch kritische. Bei den in Tonalität und inhaltlicher Stossrichtung nahezu identischen Beiträgen in den Kommentarspalten der Onlinemedien wird insinuiert, dass ältere Schweizer Arbeitnehmer ab 55 Jahren durch jüngere Zuwanderer aus dem Arbeitsmarkt gedrängt werden. Fakt ist, dass ihre Erwerbslosigkeit 2016 bei 2,6 Prozent und damit tiefer lag als in allen anderen Altersgruppen.

Ein Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmende zu fordern, ist demnach kontraproduktiv. Unliebsame Wahrheiten, passen sie nicht ins Weltbild, werden verdrängt. Doch auch mit journalistischer Druckerschwärze wird bisweilen übers Ziel hinausgeschossen. Da wird als Ursache für das Kostenwachstum im Gesundheits­wesen die Migration genannt, obwohl europäische Zuwanderer nur einen relativ geringen Anteil der Beschäftigten in diesem Sektor ausmachen und vor allem die hier ansässige Erwerbsbe­völkerung vom Beschäftigungswachstum in der Gesundheitsbranche profitiert. Nicht wahrgenommen wird zugleich, dass es uns bis heute nicht gelungen ist, die steigende Anspruchshaltung aller Bevölkerungsgruppen, einheimischer wie zugewanderter, bei der Nachfrage nach medizinischen Leistungen vernünftig zu drosseln. Das vom Prämien- und Steuerzahler zu finanzierende Kostenwachstum geht munter weiter.

Bei der Diskussion um die Personenfreizügigkeit wird verdrängt, dass die Schweizer Wirtschaft auch gut läuft, weil sie sich (noch) auf Zuzüger aus europäischen Ländern abstützen kann. Das grösste Schweizer Pharmaunternehmen beschäftigt von den hierzulande über 10 000 Angestellten weniger als einen Drittel Schweizer, über zwei Drittel sind Grenzgänger oder ausländische Staatsange­hörige mit Wohnsitz in der Schweiz. Hier zeigt sich das helvetische Paradoxon. Man ist stolz auf die führenden Unternehmen und ihre bekannten Marken, will aber nicht wahrhaben, dass es zu deren Erfolg aufgrund des begrenzten einheimischen Arbeitskräftepotenzials auch Fachkräfte aus den europäischen Ländern braucht.

Peter Grünenfelder Direktor Avenir Suisse


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