Tiroler Nein strahlt in die Schweiz

OLYMPIA ⋅ Tirol will nichts wissen von Winterspielen im Jahr 2026. Das Nein zeige, dass die Slogans der Organisatoren zunehmend ­durchschaut würden, meinen die Gegner der Westschweizer Kandidatur. Die Befürworter setzen hingegen auf das Walliser Stimmvolk.
18. Oktober 2017, 09:20
Tobias Bär

Tobias Bär

Mit 53,4 Prozent hat sich die Tiroler Stimmbevölkerung am vergangenen Sonntag gegen eine Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2026 ausgesprochen. Es sind jene Spiele, für die auch eine Schweizer Kandidatur im Rennen ist. Unter dem Namen «Sion 2026» haben sich Promotoren aus mehreren Kantonen zusammengeschlossen.

Der grosse Teil der Wettkämpfe soll im Kanton Wallis stattfinden. Der Walliser CVP-Regierungsrat Christophe Darbellay drückte via Twitter denn auch seine Freude über das Nein in Tirol aus: «Bald ist der Weg frei.»

Promotoren legen Wert auf Nachhaltigkeit

Lisa Mazzone, Nationalrätin der Grünen aus Genf, wertet das Votum der Tiroler ebenfalls als positiv – wenn auch aus gänzlich anderer Optik. Mazzone ist eine überzeugte Gegnerin der Schweizer Kandidatur und sie sagt: «Das Nein in Tirol zeigt die weit verbreitete Skepsis gegenüber solchen Grossanlässen.» Eine Skepsis, die zuletzt auch in der Schweiz zum Ausdruck gekommen sei – sowohl 2013 wie auch Anfang dieses Jahres sprachen sich die Bündner gegen Winterspiele in ihrem Kanton aus.

Die Bevölkerung lasse sich immer weniger von den Versprechen und Slogans der Organisatoren verführen und sei sich immer stärker der Realität bewusst, die sich dahinter verstecke, sagt Mazzone. «Die Realität, das sind horrende Kosten und schwerwiegende Eingriffe in die Natur.» Die Promotoren von «Sion 2026» waren von Beginn bemüht, die nachhaltige Ausrichtung der Kandidatur in den Vordergrund zu stellen. «Die Nachhaltigkeit muss Teil der DNA unseres Abenteuers sein», heisst es in den Unterlagen. Das Verdikt der Tiroler Stimmbevölkerung habe keinen direkten Einfluss auf die Westschweizer Kandidatur, sagt der Berner SP-Ständerat Hans Stöckli, Vizepräsident des Kandidaturkomitees. «Es verdeutlicht aber, dass eine umfassende Information der Bevölkerung unbedingt notwendig ist.» Gerade bei den Kosten müsse maximale Transparenz hergestellt werden.

Wichtig sei zudem, dem Stimmvolk die positiven Langzeitfolgen aufzuzeigen. Stöckli und seine Mitstreiter versprechen sich vom Grossanlass unter anderem einen Impuls für die Entwicklung des Tourismus. Studien zeigen allerdings, dass der wirtschaftliche Nutzen von Olympischen Spielen oft hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Gerade mit Blick ins Wallis sei er zuversichtlich, was die Unterstützung im Volk anbelange, sagt Stöckli. Anders als die Tiroler, die sich nun zum dritten Mal gegen Olympische Spiele ausgesprochen hätten, habe es im Wallis dreimal ein Ja an der Urne gegeben – letztmals im Juni 1997, bei der Abstimmung über die Kandidatur 2006. Eine Abstimmung im Wallis ist auch bei der neuesten Schweizer Kandidatur so gut wie sicher. Der Kanton soll die Hauptlast der 180 Millionen schultern, die gemäss Berechnung der Organisatoren von den beteiligten Kantonen maximal aufgeworfen werden müssen. Ob es auch in den Partnerkantonen Waadt, Bern und Freiburg zu Urnengängen kommt, hängt gemäss Stöckli von der tatsächlichen Kostenverteilung ab. Ein Nein in einem Kanton wäre gemäss dem Komitee nicht das Ende des Projekts – die Zustimmung des Wallis mit der «Host-City» Sion ist aber zwingend.

Der Bund soll nach den Vorstellungen des Kandidaturkomitees 0,8 bis 1 Milliarde Franken beisteuern. Der Bundesrat konnte sich am vergangenen Mittwoch noch nicht zu einem Entscheid durchringen. Wahrscheinlich nimmt er bereits morgen einen neuen Anlauf. Danach wäre das Parlament an der Reihe. Eine Mitsprache des Stimmvolks ist auf nationaler Ebene nicht vorgesehen – Finanzbeschlüsse des Bundes unterstehen nicht dem Referendum.

Grüne fordern Abstimmung auf nationaler Ebene

Ausgeschlossen ist eine nationale Abstimmung allerdings nicht: National- und Ständerat könnten ein referendumsfähiges Gesetz über die Durchführung verabschieden. Genau dies fordern die Grünen um Lisa Mazzone: «Ein solcher zweiwöchiger Riesenanlass betrifft nicht nur die lokale Bevölkerung, sondern das ganze Land.» Das Geld, das in Olympia fliesse, fehle dann in anderen Bereichen, «wie zum Beispiel in der Bildung», sagt Mazzone.

Sollte «Sion 2026» sämtliche innenpolitischen Hürden überspringen, hängt am Ende alles vom Internationalen Olympischen Komitee ab. Dieses vergibt die Spiele im Oktober 2019 in Mailand. Mit einer Kandidatur liebäugeln unter anderem auch Calgary (Kanada), Salt Lake City (USA) und Sapporo (Japan).


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