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Tagblatt Online
23. Mai 2014, 02:35 Uhr

Jugendgewalt nimmt doch nicht ab

Mehr Raub, mehr Gewalt, mehr Drogenhandel: Kriminologe Martin Killias entlarvt mit einer Studie den Rückgang der Jugendkriminalität als Mär. «Das Problem ist nicht gelöst», sagt er.

KARI KÄLIN

«Jugendliche Schläger auf dem Rückzug», titelte der «Tages-Anzeiger» im Februar 2012. «Jugendgewalt: Anzahl der Delikte hat sich halbiert», berichtete «20 Minuten» im letzten November. «Die Jugendkriminalität in der Schweiz nimmt ab», konstatierte die «Neue Zürcher Zeitung» im vergangenen März. Nachdem das Thema Jugendgewalt während Jahren die mediale Agenda bestimmt hatte und Experten über die Gründe des Phänomens debattierten, scheint sich die Lage plötzlich zu entspannen. In der Tat sank die Zahl der Jugendlichen, die eines kriminellen Aktes beschuldigt wurden, in den letzten Jahren.

Alles bestens also? «Nein», sagt Thomas Vollmer, Leiter des Ressorts Jugendschutzprogramme beim Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV). Es gebe keinen Grund, die Hände in den Schoss zu legen, sagte er gestern an einer BSV-Tagung zum Thema Jugendgewalt in Aarau. Grund zur Sorge liefert unter anderem eine Studie von Martin Killias, der als ständiger Gastprofessor für Kriminologie an der Universität St. Gallen wirkt.

Sinkende Anzeigebereitschaft

Killias und seine Assistentin Anastasiia Lukash haben im vergangenen Jahr fast 3000 Oberstufenschüler im Alter von 13 bis 16 Jahren in der ganzen Schweiz befragt. Danach verglichen sie die Ergebnisse mit einer Erhebung aus den Jahren 2006 und 1992. Killias' Befund entlarvt die Jubelmeldungen über den Rückgang der Jugendgewalt als Wunschdenken. «Wir haben starke Indizien auf einen Anstieg. Das Problem der Jugendgewalt ist nicht gelöst», sagt er. Tatsächlich, ob Velodiebstahl, Einbruch, Raub, Körperverletzung oder Drogenverkauf: In all diesen Bereichen waren die Jugendlichen im letzten Jahr deutlich krimineller als noch 2006 und 1992. So begingen zum Beispiel 2013 3,2 Prozent eine Körperverletzung, während es 2006 noch 1,2 und 1992 erst 0,5 Prozent waren.

Gemäss Befragung stieg gleichzeitig die Zahl der Opfer. 2013 gaben 27,8 Prozent der Jugendlichen an, innerhalb der letzten zwölf Monate bestohlen worden zu sein (2006: 22,6). 3,5 Prozent (2006: 2,3) wurden ausgeraubt, 4,4 Prozent (2,4) erlitten durch Gewalt eine derart schwere Verletzung, dass sie verarztet werden mussten. Die Bereitschaft, die Polizei einzuschalten, ist eher gesunken. Von den verletzten Jugendlichen erstatten 2013 nur noch 29,4 Prozent eine Anzeige (2006: 32,4 Prozent).

Mehr Gewalt wegen Cannabis

Auffällig oft ist bei jugendlichen Gewalttätern Cannabis und/oder Alkohol im Spiel. Diese Erkenntnis hat nicht nur Killias gewonnen, sondern auch Forscherkollegen, welche die exakt gleiche Untersuchung in zahlreichen anderen Ländern durchführten und durchführen. Offenbar schlagen die Kiffer nicht unter unmittelbarem Einfluss der Drogen zu. Schliesslich wirkt Cannabis eher entspannend. Erkenntnisse aus der Neurologie lassen aber vermuten, dass das Kiffen grundsätzlich zu einem Verlust der Affektkontrolle führen kann. Das bedeutet: Es braucht wenig, um einen Kiffer so zu reizen, dass er zuschlägt.

Weniger Minderjährige

Doch weshalb weisen die Zahlen des Bundesamtes für Statistik nach unten, während Killias eine Zunahme der Jugendgewalt feststellt? Der Grund ist höchstwahrscheinlich demographischer Natur. Gemäss Schätzungen von Killias ist die Zahl der Minderjährigen von 2006 bis heute um rund 30 Prozent gesunken. Dies erklärt, weshalb die Jugendkriminalität in absoluten Zahlen rückläufig ist. Relativ gesehen passiert aber das Gegenteil. Das heisst: Pro 100 Jugendliche begehen heute mehr ein Delikt als noch im Jahr 2006.



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