Kein Vortritt für Fussgänger – «eine Schnapsidee»

VERKEHR ⋅ Dem Fussgänger vor dem Zebrastreifen aus Sicherheitsgründen den Vortritt nehmen: Eine entsprechende Forderung beurteilen Verkehrsexperten als Schnapsidee. Die geltende Regelung habe sich bewährt.
15. November 2017, 11:06
«Ach», sagt Daniel Graf vom Touring Club Schweiz (TCS), «die Forderung ist nicht neu und wird mit zunehmendem Alter auch nicht besser.» Graf bezieht sich auf eine Äusserung von Nationalrat Thomas Burgherr (SVP/AG): Um Fussgänger zu schützen, will ihnen der Parlamentarier Fussgängerstreifen den Vortritt nehmen. Erst auf Zeichen des Autofahrers sollen sie die Strasse queren dürfen. «Aus unserer Sicht ist dies schlicht unsinnig», so Graf. Begründung: Auf stark befahrenen Strassen käme ein Fussgänger kaum noch auf die andere Strassenseite – Fussgängerstreifen hin oder her.

Nach einer Häufung von Unfällen auf Fussgängerstreifen, wie es in den letzten Tagen wieder der Fall war, kommt nicht nur in der Politik regelmässig die Forderung nach Wiedereinführung des Handzeichens bei Fussgängerstreifen auf – wie es bis 1994 üblich war. Doch nur schon die Frage, wie ein Fussgänger mit Handgepäck und Regenschirm denn Handzeichen geben soll, zeigt, dass diese Regelung mindestens ein praktisches Problem hat. Was heute gilt, ist denn auch praktikabler.

Komme dazu, dass 1994 ein Widerspruch in den Rechtsgrundlagen behoben worden sei, sagt Pascal Regli von Fussverkehr Schweiz: Während im Strassenverkehrsgesetz nämlich seit je festgehalten ist, dass Fussgänger auf Zebrastreifen Vortritt haben, verlangte die Verkehrsregelverordnung vor 1994 ein Handzeichen des Fussgängers. Nachdem das Bundesgericht auf diesen Widerspruch hingewiesen hatte, erfolgte die Änderung und damit die Angleichung an den internationalen Standard.
 

Immer weniger Unfälle an Fussgängerstreifen

So tragisch jeder einzelne Unfall auf einem Fussgängerstreifen ist, es gibt in diesem Zusammenhang eine gute Nachricht: Laut Unfallstatistik des Bundesamts für Strassen (Astra) sind die tödlichen Unfälle auf Zebrastreifen rückläufig. Im Vergleich zu 2015 etwa sank die Zahl der Unfalltoten um 14 Prozent. Ein «Fussgängerstreifentest» des TCS im Jahr 2015 zeigte zudem auf, dass die Fussgängerpassagen in der Schweiz zum grössten Teil genügend sicher sind. Dies dank baulichen Massnahmen und genügend Licht zur Nachtzeit. Regli von Fussverkehr Schweiz stellt denn auch fest, dass die Akzeptanz von Fussgängerstreifen bei Gemeinden und Kantonen in den letzten Jahren gestiegen sei: Einrichtung und Unterhalt einer solchen Strassenquerung erschöpfe sich längst nicht mehr im Auftragen von gelber Farbe auf der Strasse. Und Graf vom TCS verweist auf die erfolgreiche Bemühungen seiner Organisation, zusammen mit Gemeinden und Kantonen noch ungenügend sichere Querungen zu sanieren.

Was auch immer unternommen wird zur Sicherheit der Fussgänger auf den für sie vorgesehenen Einrichtungen, das Überqueren einer von Motorfahrzeugen benutzten Strasse zu Fuss birgt immer auch Gefahrenpotenzial. Dies ist insbesondere in den dunklen Jahreszeiten der Fall. Entsprechende Unfälle in den letzten Tagen sind denn auch vor diesem Hintergrund zu sehen. Die Ratschläge der Verkehrsexperten zu Vermeidung von Unfällen auf Fussgängerstreifen sind seit Jahren dieselben. Fussgängern empfehlen sowohl Fussverkehr Schweiz als auch TCS, den Streifen nie überraschend zu betreten; seine Absicht mit einer klaren Körperhaltung zu signalisieren; den Streifen nur zu betreten, wenn dies gefahrlos möglich ist; Fahrzeuge auf allen Fahrstreifen zu beachten; immer mit Fehlern der anderen Verkehrsteilnehmer zu rechnen. Autofahrern wiederum wird nahegelegt, vor Fussgängerstreifen generell zum Bremsen bereit zu sein und gerade bei Dunkelheit und Regen stets auch mit «unsichtbaren Fussgängern» zu rechnen.

Gerade die mangelnde Sichtbarkeit von Fussgängern ist in der dunklen Jahreszeit ein Problem. Nur schon ein heller Regenschirm kann dabei das Problem entschärfen. Noch besser wäre, eine reflektierende Arm- oder Beinbinde. Dunkel gekleidete Fussgänger erkennt der Autofahrer zuverlässig erst ab einer Distanz von 15 bis 20 Metern. Solche mit reflektierender Kleidung oder entsprechendem Zusatz jedoch schon ab 140 Metern. (cla.)

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