Hefenhofen ist überall

LEITARTIKEL ⋅ Der Fall des Thurgauer Pferdequälers Ulrich K. rückt den Thurgau schweizweit in ein schlechtes Licht. Doch: "Der Fall Hefenhofen steht exemplarisch für die politische Kultur in vielen kleineren und mittelgrossen Kantonen", schreibt Chefredaktor Stefan Schmid in seinem Leitartikel.
12. August 2017, 05:17

Was haben der Fall Hefen­hofen, das Ausserrhoder Spitaldebakel und die bevor­stehende Wahl des freundlichen Tessiners Ignazio Cassis ­gemeinsam? Wahrscheinlich mehr, als viele denken. Doch der Reihe nach.

Der Hof des mutmasslichen Tierquälers Ulrich K. steht in Sichtweite der Hefenhofener Gemeindeverwaltung. Was hat diese über Jahre getan? Nichts. Man kann es einer kleinen Gemeindeverwaltung nicht einmal übel nehmen. Anders die Lage beim Kanton: Ulrich K. ist seit Jahren als Querulant bekannt. Wie haben die Thurgauer Behörden – namentlich Regierungsrat Walter Schönholzer und Kantonstierarzt Paul Witzig reagiert? Sie setzten auf Beschwichtigung. Auch eine Option. Nur keine gute, wie man schon früher hätte merken können. Der Ausgang ist bekannt: Die Polizei hat aufgrund des öffentlichen Drucks den Hof von Ulrich K. geräumt, die 300 Tiere sind in Sicherheit gebracht worden. Ulrich K. sitzt in einer Klinik, Gerichtsprozesse werden folgen.

Selten stand der Thurgau so negativ im schweizweiten Fokus wie in den vergangenen zehn Tagen. Vor aller Augen wurden die latenten Schwächen des an sich sympathischen Kantons am Bodensee offengelegt. Eine ungesunde Nähe zwischen (Aufsichts-)Behörden und Bürgern, eine konfliktscheue politische Konsenskultur, die jene Unauffälligen befördert, die lieber aussitzen statt handeln. Die Folge dieser sehr schweizerischen Konstellation: Latent überfordertes, vor allem aber mutloses Führungspersonal.

Bei allen lokalen Spezifitäten steht der Fall Hefenhofen exemplarisch für die politische Kultur in vielen kleineren und mittelgrossen Kantonen. Man kennt sich, man schont sich, man hilft sich gegenseitig aus der Patsche. Gehandelt wird erst, wenn Auswärtige auf Missstände aufmerksam ­machen. In Hefenhofen dreht sich alles um einen Tierquäler. Es gibt weitere Beispiele von passiven Behörden: In Appenzell Ausserrhoden etwa macht die Kantonsregierung beim Management der Spitalkrise seit Jahren eine schlechte Figur. Ein anderer Fall, gewiss. Aber ähnliche Mechanismen: Defensiv verwalten statt offensiv gestalten, lautet das freund­appenzellische Motto. Auch der st.-gallische Volkswirtschaftschef Bruno Damann ist im Streit der Toggenburger Bergbahnen bisher nicht als entschlossen handelnder Akteur aufgefallen.

Es braucht keine neuen Gesetze. Das Problem liegt beim Vollzug. In Schweizer Exekutiven sitzen primär ­Menschen, die stromlinien­förmig Karriere gemacht haben. Kreative, Mutige, Unkonventionelle schaffen den Sprung in eine Regierung nur selten. Sie sind uns suspekt. Wir bevor­zugen gmögige Verwalter, die uns nicht mit schrägen Ideen herausfordern. Kantige Figuren, Charaktere, die gelegentlich etwas riskieren, sind in der Privatwirtschaft besser auf­gehoben.

Unser Argwohn gegenüber starken Figuren ist das eine. Verstärkt wird der Hang zum Mittelmass durch ein politisches System, das Trägheit belohnt. Es braucht im Land der Checks and Balances viel Energie, um Projekte zum Fliegen zu bringen. (Zu) viele Player reden mit. Bund, Kantone, Parlamente, Parteien, Verbände, Regierungskollegen, und am Ende dürfen auch Herr und Frau Schweizer noch ihren Senf dazugeben. Nicht, dass das alles schlecht wäre. Nur darf man von einem so fein ziselierten System nicht erwarten, dass im Fall X entschlossen agiert oder generell grosse Reformen in Angriff genommen werden.

Darum, um den Bogen bis zu den Bundesratswahlen zu spannen, ist Ignazio Cassis geradezu ein idealtypischer Kandidat für einen Posten in der obersten Exekutive. Zuvorkommend, konsensorientiert, zurückhaltend. Er wird unser Land so brav verwalten, wie das Thurgauer Regierungsräte auch zu tun pflegen. Jedem Volk die Magistraten, die es verdient.

Stefan Schmid
stefan.schmid@tagblatt.ch


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