Zur Sache

Für Cassis ist die Türe weit offen

12. Juli 2017, 05:18

Ignazio Cassis soll Bundesrat werden. Die Tessiner FDP-Spitze setzt damit alles auf eine Karte. Zu Recht: Die Chancen, dass der Südkanton nach 18 Jahren wieder im Bundesrat vertreten ist, sind mit Cassis so gut wie seit langem nicht mehr. Der FDP-Fraktionschef bringt das politische und intellektuelle Rüstzeug für das Amt mit. Zudem spricht für ihn, dass er im Bundeshaus bestens vernetzt ist. Der Bundesrat wird durch die Bundesversammlung gewählt – und eben nicht im Tessin. Der Tessiner Finanzdirektor Christian Vitta, der ebenfalls interessiert war, gilt zwar als Polittalent. Doch er sitzt erst zwei Jahre in der Kantonsregierung und ist in Bern kaum bekannt.

Am Ziel ist Cassis aber noch nicht. Politische Gegner nehmen ihn bereits ins Visier. SP-Chef Christian Levrat fordert die FDP auf, weibliche Kandidaten vorzuschlagen. Die Geschlechterfrage dient dabei lediglich als Vorwand. Wenn sich Levrat um die Frauenvertretung sorgen würde, hätte seine Partei bei der letzten FDP-Bundesratsvakanz 2010 Karin Keller-Sutter wählen müssen. Die SP profitiert von der aktuellen Zusammensetzung der Landesregierung. Sie setzt sich bei umstrittenen Fragen wie den Prämienrabatten oft durch, obwohl CVP, FDP und SVP eine Mehrheit haben. Levrats Kalkül ist offenkundig, dass eine Kandidatin wie Isabelle Moret seiner Partei eher in die Hände spielt. Die FDP-Nationalrätin politisiert innerhalb ihrer Partei eher am linken Flügel.

Trotz derartiger Manöver verspricht die Wahl aus heutiger Sicht weniger Spannung als frühere Vakanzen. Kronfavorit Cassis bleibt bis im Herbst Zeit, um glaubhaft darzulegen, dass er in einer Kollegialregierung nicht allzu harmoniebedürftig ist und für liberale Positionen eintritt. 3


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