Arbeitgeber: Mehr Steuergelder für Kitas

VEREINBARKEIT BERUF UND FAMILIE ⋅ Der Schweizerische Arbeitgeberverband will mehr Frauen für den Arbeitsmarkt gewinnen. Er fordert einen Ausbau von Kinderkrippen und Tagesschulen. Finanzieren soll das die öffentliche Hand.
09. Oktober 2017, 08:07
Kari Kälin

Kari Kälin

Die Schweiz steuert auf einen Fachkräftemangel zu. Ihn stärker als heute mit Zuwanderung zu kompensieren, ist politisch unerwünscht. Und ausgerechnet hoch qualifizierte Arbeitnehmer tendieren zunehmend zu einem Teilzeitpensum. Wie lässt sich das sogenannt inländische Potenzial an gut ausgebildeten Arbeitskräften besser ausschöpfen?

Der Schweizerische Arbeitgeberverband setzt auf eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie – und wird sein Papier zum Thema in diesen Tagen aktualisieren. Neu fordert der Wirtschaftsverband die öffentliche Hand explizit dazu auf, mehr Geld in den Ausbau von Kinderkrippen und Tagesschulen zu investieren. «Es handelt sich um eine In-frastrukturleistung wie das Bereitstellen von Strassen oder die heute bereits bestehenden Schulen. Diese muss der Staat finanzieren, nicht die Arbeitgeber», sagt Simon Wey, stellvertretender Leiter des Ressorts Arbeitsmarkt beim Arbeitgeberverband. Die Arbeitgeber und Arbeitnehmer wiederum, so Wey, «beteiligen sich mit Unternehmens- und Einkommenssteuern an den Kosten».

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Weniger Sozialkosten dank Frühförderung

Wey verweist auf die Forschungsliteratur. Sie zeige, dass eine Förderung von Kindern im Vorschulalter und eine gute soziale Durchmischung zu mehr Chancengleichheit führe. Oder anders formuliert: Wenn Kinder aus sogenannten ­bildungsfernen Schichten in der Kindertagesstätte (Kita) mit Gspänli aus sogenannt bildungsnahen Schichten spielen, erzielen später beide bessere Schulleistungen sowie Berufsabschlüsse – und sind im Erwachsenenalter weniger von sozialen Transferleistungen abhängig. Ernst Fehr, Wirtschaftsprofessor an der Universität Zürich, fasst den Befund so zusammen: «Viele internationale Untersuchungen legen nahe, dass jeder Franken, den man in die frühkindliche Förderung von bildungsfernen Schichten ­investiert, einen gesellschaftlichen Gesamtnutzen von zwei und mehr Franken erzeugt.» Es lohne sich also für die Gesellschaft als Ganzes, diese Investition zu tätigen.

Dem Arbeitgeberverband wittert in einem Ausbau des familienexternen ­Betreuungsangebots ein Arbeitskräftepotenzial von 10000 bis 15000 Vollzeitstellen. Der Verband hofft vor allem, dass Frauen ihr Pensum aufstocken, wenn der Zusatzverdienst nicht gleich wieder durch zu hohe Kitakosten oder die Steuerprogression wegschmilzt.

Plädoyer für Teilzeitstellen und Home Office

In der Tat würden gemäss dem Bundesamt für Statistik 15 Prozent der Mütter mit Teilzeitjob gerne mehr arbeiten. Deren Erwerbsquote ist in der Schweiz im internationalen Vergleich zwar sehr hoch, die Pensen aber sind relativ tief. Und noch immer existieren grosse Geschlechterunterschiede: Acht von zehn Müttern arbeiten Teilzeit, bei den Vätern ist es nur jeder Zehnte.

Der Arbeitgeberverband sieht bezüglich Familienfreundlichkeit auch die Betriebe in der Pflicht. Wey denkt etwa an die Schaffung von Teilzeitstellen, flexiblen Arbeitszeiten oder Home Office. «Es braucht zum Beispiel Verständnis der anderen Mitarbeitenden, wenn Eltern wegen ihres kranken Kindes daheim bleiben müssen», sagt er. Um sich bei den gefragten qualifizierten Arbeitskräften als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren, liege es im ureigenen Interesse der Unternehmen, familienfreundlichere Rahmenbedingungen zu schaffen. Wey ist sich bewusst, dass es für Dienstleistungsbetriebe und grosse Unternehmen meist einfacher ist, flexible Arbeits­modelle anzubieten. Der Grund liegt auf der Hand: In der Industrie kann man ­ die Maschinen nicht von daheim aus ­bedienen. Die Präsenz am Arbeitsort ist zwingend.

Der Arbeitgeberverband nimmt innerhalb der grossen Wirtschaftsverbände eine Sonderstellung ein. Er unterstützte etwa die Pläne des Bundesrates, familienexterne Betreuungsangebote mit weiteren 100 Millionen Franken zu fördern (siehe unten). Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse und der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) lehnten das ab. Anders als der Arbeitgeberverband ortet der SGV beim Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie derzeit keinen weiteren Handlungsbedarf. Economiesuisse plädiert derweil für höhere Steuerabzüge bei den Kosten für die Fremdbetreuung der Kinder.

Das tut auch der Bundesrat im ­Rahmen der Fachkräfteinitiative. Dass steuerliche Anreize und tiefere Krippenkosten tatsächlich mehr Eltern in den Arbeitsmarkt locken, ist jedoch nicht garantiert. In einer Masterarbeit zur Wirtschaftspsychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz kommt Monika Stampfli zum Schluss, dass drei Viertel von 479 befragten Kita-Eltern ihr Pensum auch dann nicht erhöhen würden, wenn es mehr und billigere Betreuungsangebot gäbe. Da vor allem hoch qualifizierte Eltern mit überdurchschnittlichen Löhnen an der Umfrage teilgenommen haben, ist Stamplis Untersuchung nicht repräsentativ. Sie legt aber den Schluss nahe, dass sich ausgerechnet gut ausgebildete Väter und Mütter vermehrt lieber selber um die Kinder kümmern, als sie zugunsten der Karriere häufiger in die Kita zu schicken. Wenn diese dank mehr öffentlichen Geldern noch verbilligt würde, könnten sie sich ein tiefes Arbeitspensum erst recht leisten.

Schafft der Arbeitgeberverband mit seiner Forderung nach staatlicher Förderung von Betreuungsangeboten Fehlanreize? Simon Wey verweist auf die 15 Prozent der Mütter mit dem Wunsch nach einem höheren Pensum. Und sagt, dass nur jene Eltern von günstigen Krippentarifen profitieren sollten, die den gewonnenen Freiraum tatsächlich für ein höherer Arbeitspensum einsetzen.


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