Sommerserie IV: Güüggäli-Zunft – Die Hüter all jener, die das Luzerner Stadtbild auf originelle Art und Weise prägen

Wohlbehütete Stadtoriginale

LUZERN. Luzerns Stadtoriginale haben es gut. Eine Zunft kümmert sich seit dreissig Jahren um sie und pflegt ihr Ansehen über den Tod hinaus.
21. Juli 2008, 01:10
ueli bachmann/LUZERN

Die Herren der Zunft kommen ganz schön ins Schwitzen. Sie helfen dem 80jährigen Floristen und alt Parlamentarier Ruedi Bürgi beim Ausräumen von Estrich und Keller. Den «Blueme-Bürgi», der die Blumen seines Geschäfts meist mit dem Velo austrug, kennt in der Stadt Luzern jeder. Er ist zwar kein «Randständiger inmitten der Öffentlichkeit», wie Originale auch schon bezeichnet worden sind, aber dennoch ein Stadtoriginal.

Bürgi kam 1975, nach einem Auftritt bei Mäni Webers «Wer gwünnt» (Thema Heinrich Heine) per Zufall zur Politik und ins Stadtparlament. Dort hat er als beredter und origineller Beschützer «wahrer Werte» und «wahrer Operettenkunst» so manchen ins Staunen versetzt, meist auch die eigenen Parteimitglieder.

Vier Gründungsmitglieder

Jetzt also wird gezügelt und muss Bürgis Hab und Gut über mehrere Stockwerke getragen werden. Das ist Knochenarbeit für die Zügelmänner, die auch nicht mehr die Jüngsten sind. Es sind Mitglieder der Güüggali-Zunft, einer aus elf Männern und einer Frau bestehenden Gruppe. Vier von ihnen, «alles Eisenbähnler», wie der 63jährige Zunftpräsident «auf Lebenszeit» Hans Pfister sagt, haben die Zunft einem fasnächtlichem An- und Einfall zur Folge am 31. Januar 1978 gegründet.

Der Name kommt von der «Usgügglete» (Fasnachtsdienstag, von «eis Güüggele» trinken, bechern) oder auch einfach von Güggali (ein Hahn ziert das Zunft-wappen) – so genau weiss das keiner mehr.

Jedenfalls wollten die vier Freunde nicht einfach eine Fasnachts-Zunft sein, sondern «etwas Richtiges» machen, was genau, war zu Beginn noch offen. Die zündende Idee gab dann Hans Pfister; er war schon immer fasziniert von den Stadtoriginalen, seither gilt das Engagement der Zunft ganz diesen Menschen, die originell und unkonventionell sind und das Luzerner Stadtbild prägen oder prägten.

Ausflüge, Feiern, Beerdigungen

Inzwischen ist die Zunft in Luzern eine feste Institution. Sie organisiert für die Stadtoriginale Ausflüge, Geburtstagsfeiern und Beerdigungen. Bekannt ist das traditionelle Weihnachts-Essen mit einem prominenten Gast, das meist unter Beobachtung der Medien stattfindet. Lädt die Zunft zu Ausflügen ein, kann sie meist auf eine grosse Gästeschar zählen. Beim letzten Ausflug Mitte Juni waren 23 der rund 30 Luzerner Stadtoriginale dabei. Zunftpräsident Pfister sagt dies mit Stolz. Und wer über ihn und seine Zunft schreiben will, muss «persönlich» antraben, damit nicht wieder «so viel Mist» zusammengeschrieben wird. Es stimme nicht, dass die Zunft bestimme, wer ein Original sei. «Wer ein Original ist, bestimmen die Leute, wir laden die Originale nur ein und sorgen uns um sie», sagt Pfister beim Gang zum Zunft-Archiv, dem wohl kleinsten Museum der Stadt.

So klein der Raum ist, so riesig ist die Sammlung. Hier finden sich Fotos, Zeitungsausschnitte, Briefe, Karten, Notizblätter, Chroniken und Requisiten aller Art: Im Original vorhanden sind Melone und Dirigentenstab des legendären «Bahnhof Jules», das «Sennechotteli» von «Zempthedöri», die Salatschüssel von «Barbatti-Wirt» Bruno Barbatti, dazu Blumen-Bürgis Ladenkasse, der Grabstein von «Ölfarb» oder der Karren von «Koffer-Hans».

Auch das Plakat «Krebs! (wählte Abkürzung in Himmel)» hat einen Ehrenplatz. Emil Manser hat es auf der Brücke zurückgelassen, als er 2004 in der Reuss abtauchte. Es war das letzte Zeichen dieses Strassenphilosophen, der mit lautem Singsang nervte, aber mit genialen Kurz-Botschaften zum Nachdenken anregte.

Ohne Pfisters Sammlung hätten die zwei Bände «Luzerner Originale» zum 10-Jahr- und zum 20-Jahr-Jubiläum der Zunft nicht entstehen können. Darin sind die Geschichten und Anekdoten vieler Luzerner Stadtoriginale liebevoll zusammengetragen. Vieles ist amüsant, nicht alles nur einfach lustig: «Oft zwingt Armut Originale zum Originellen», hat mal Stadtoriginal und Philosoph Angelo Bühler in einem Spontan-Interview auf Band festhalten lassen. Pfister spielt es im Zunft-Archiv den Besuchern ab, wenn er nach der Definition von Originalen gefragt wird. Er weiss sehr wohl um den manchmal tragischen Hintergrund. «Wir können ihr Leben nicht verändern, aber wir können ihnen in bescheidenem Rahmen Hilfe anbieten».

Finanzielle Mittel beschränkt

Dies tut die Zunft mit Einladungen zu Feiern und Ausflügen, mit wöchentlichen Besuchen im Altersheim, gelegentlich auch mit finanziellen Zuwendungen (für Brillen oder Zahnprothesen), oder dem Vermitteln von Wohnungen. Die materiellen Möglichkeiten der Zünftler aber sind bescheiden. Da legen sie heute noch lieber selber Hand an. Und sei es beim Zügeln von «Blueme-Bürgi».


Leserkommentare

Anzeige: