Traum und Albtraum in Eritrea

Menschen in Eritrea würden wie Sklaven behandelt und überlebten nur dank dem Geld aus der Diaspora, sagt Veronica Almedom von «Stop Slavery in Eritrea». Sie wirft dem Generalkonsulat vor, selber illegale Heimreisen zu organisieren.
27. Juli 2015, 02:35
Denise Lachat

Frau Almedom, Ihr Verein kämpft gegen die «Sklaverei» in Eritrea. Das klingt extrem.

Veronica Almedom: Leider ist das keine Übertreibung, sondern Realität: Der Nationaldienst in Eritrea gilt gemäss Völkerrecht als moderne Form der Sklaverei.

Im Übereinkommen zur Abschaffung der Zwangsarbeit, das übrigens von der Regierung ratifiziert worden ist, spiegelt sich die aktuelle Lage. Auf Geheiss der Einheitspartei werden die Menschen zur Arbeit gezwungen – unter Androhung von Strafe, falls sie nicht ausgeführt wird.

Was heisst das in der Praxis?

Almedom: Seit 2002 müssen alle Männer und Frauen in Eritrea während einer unbeschränkten Dauer im Nationaldienst arbeiten. Das beginnt mit dem obligatorischen Militärdienst. Achtzehnjährige werden von ihren Familien weggeholt und für ein Jahr in ein Militärcamp mitten in der Wüste verfrachtet. Die Ausbildungsmethoden sind brutal, die Hitze ist mit 50 Grad Celsius auch ohne Training unerträglich. Viele Mädchen werden als Sexsklavinnen missbraucht.

Mädchen werden ebenfalls eingezogen?

Almedom: Ja, zum Teil schon mit sechzehn. Sie sind Hunderte von Kilometern weit von ihren Familien weg und vollkommen der Willkür der Offiziere ausgeliefert. Auch die jungen Männer müssen beim kleinsten Mucks mit schlimmsten Strafen rechnen. Der «Helikopter» gehört zu den besonders grausamen: Das Opfer wird an Armen und Beinen zusammengebunden, aufgehängt und machmal mit Zuckerwasser bespritzt. Die Haut juckt, der Zucker zieht die Insekten aus der Wüste an – unmenschlich. Viele überleben das Camp nicht.

Wer dieses Jahr überlebt: was dann?

Almedom: Viele versuchen danach, aus Eritrea wegzukommen, viele versuchen es aus Angst vor dem Militärcamp schon vorher. Darum flüchten auch aus keinem anderen Land so viele unbegleitetete Minderjährige wie aus Eritrea. Wer bleibt, ist der Willkür des Regimes ausgeliefert und muss auf unbestimmte Zeit Dienst leisten.

Fünf, zehn, zwanzig Jahre?

Almedom: So lange, wie die Regierung will. Es werden sogar 70-Jährige in den Militärdienst geschickt. Die Regierung begründet es mit der Wehrbereitschaft im Falle eines Konflikts mit Äthiopien. Doch das ist ein Vorwand, um den Regierungschef, der auch Armeechef ist, an der Macht zu halten.

Und wer nicht in der Armee ist?

Almedom: Der wird dem zivilen Dienst zugeteilt. Eine kleine Minderheit darf aufs Gymnasium, eine höhere Ausbildung gibt es in Eritrea nicht mehr. Die einzige Universität in der Hauptstadt Asmara wurde 2001 geschlossen, und die unabhängigen Medien wurden verboten.

Die Regierung bestimmt, wer welchen Beruf ausübt?

Almedom: Genau. Ich kenne niemanden, der seinen Beruf wählen konnte. Der eine wird auf Geheiss der Regierung Lehrer, der andere Koch, der nächste wird auf einen Bauernhof geschickt. Und das irgendwo, kilometerweit weg von zu Hause, auch wenn jemand Familienvater ist. Die Familien werden auseinandergerissen, die Männer werden einem Departement zugeteilt. So geht auch die Struktur der Gesellschaft kaputt.

Wer bezahlt diese Arbeitnehmer?

Almedom: Der Staat.

Und wie viel zahlt der Staat?

Almedom: Umgerechnet zehn Schweizer Franken im Monat.

Lässt sich damit leben?

Almedom: Nein, das reicht nicht einmal für die Miete. Und die Lebensmittel sind enorm teuer.

Wie überleben die Menschen denn?

Almedom: Dank uns. Dank der Diaspora, die ihren Familien Geld schickt.

Ihre Eltern sind 1987 vor dem Krieg mit Äthiopien geflüchtet, Sie selber sind in Genf aufgewachsen. Woher nehmen Sie die Beweise für diese katastrophale Situation?

Almedom: Die Zahlen sprechen für sich. Jeden Monat verlassen vier- bis fünftausend Eritreer ihr Land, unter ihnen sogar zwölfjährige Kinder, die alleine unterwegs sind. Viele Junge tragen die Narben der Gewalt auf ihrem Körper. Es gibt Tausende von unterirdischen Geheimgefängnissen, doch diese bekommen die europäischen Delegationen nicht zu Gesicht. Die Regierung schafft es, ihnen nur die schönen Seiten des Landes zu zeigen.

Was haben Sie selber bei Besuchen in Eritrea erlebt?

Almedom: Ich war dreimal zu Besuch bei meinen Verwandten in Eritrea und habe die Armut und die Verzweiflung der lokalen Bevölkerung ebenso gespürt wie die harte Hand der Diktatur. Im Ausgang sah ich, wie Polizisten junge Männer zur Ausweiskontrolle auf den Boden warfen und schlugen. Und ich kenne Dutzende von Familien, deren Söhne von heute auf morgen verschwunden sind. Wer wissen will, wo sie sind, riskiert, selber ins Gefängnis geworfen zu werden. Manchmal haben sie Glück und erhalten ihre Kinder lebend zurück, weil sie jemanden in der Regierung kennen. Es herrscht ein Klima der Angst.

Kürzlich gab es in Genf vor dem UNO-Gebäude eine Gegendemonstration: Da sagten Eritreer, ihr Land werde falsch dargestellt.

Almedom: Darunter waren viele ältere und nostalgische Eritreer, die die heutige Situation nicht kennen. Zudem hat das Generalkonsulat in Genf nachgeholfen und an Türen geklopft: Etliche Demonstrationsteilnehmer reisten von weither nach Genf.

Warum reisen denn Eritreer aus der Diaspora wieder in ihr Land zurück, wenn es da so gefährlich ist?

Almedom: Der Arm des Regimes reicht bis nach Europa: Über die Generalkonsulate werden die Beziehungen zu den Flüchtlingen hergestellt, denn das Regime braucht Geld. Das hat zur Folge, dass sich die Regierung halten kann – und dass die Flüchtlingskrise kein Ende nimmt. Zudem haben viele Familien der Diaspora ihre Grosseltern in Eritrea und reisen in den Ferien zu ihnen, um sich um sie zu kümmern. Ohne die Machenschaften der Generalkonsulate wäre das aber nicht möglich.

Wer von der Schweiz als Flüchtling anerkannt wird, braucht zum Reisen eine Bewilligung. In das Land, aus dem er geflohen ist, darf er nicht einmal in Notfällen zurück. Viele dieser Reisen sind also illegal?

Almedom: Absolut. Es handelt sich aber um eine kleine Minderheit; auf 30 000 Eritreer in der Schweiz kommen vielleicht 30 illegale Reisen. Die Mehrheit der Eritreer hat Angst vor einer Rückkehr ins Land.

Wie kommen die Leute denn zu ihren Reisepapieren?

Almedom: Dank des Doppelspiels des Generalkonsulats in Genf, das ihnen die Reisepapiere ausstellt. Das funktioniert auch in anderen Länder gleich. Denn: Haben die «Verräter» ihr Land einmal verlassen, sind sie Bares wert. Sie unterzeichnen einen «Letter of regret» für die Rückreise ins Land und werden so von der Polizei nicht behelligt, liefern dafür bei der Einreise aber zwei Prozent ihres Einkommens ab.

Haben Sie denn keine Angst davor, nach Eritrea zurückzukehren?

Almedom: Ich selber kann nicht mehr nach Eritrea reisen nach all dem, was ich heute öffentlich ausspreche.

2010 waren Sie zum letzten Mal in Eritrea. Da gaben Sie noch keine Interviews?

Almedom: Nein. Aber ich kann nicht länger schweigen. Mein Volk leidet unter einer humanitären Krise und setzt seine Hoffnungen in die Diaspora, damit etwas geschieht. Wer nach Eritrea reist, trifft auf freundliche, herzliche Menschen, doch das ist nur der sichtbare Teil. Über den unsichtbaren spricht kaum jemand.

Ein Land mit zwei Gesichtern?

Almedom: Sie wären begeistert von der Schönheit und der vielfältigen Landschaft Eritreas, das Land könnte eine perfekte Tourismusdestination sein und hätte auch wirtschaftliches Potenzial. Doch wenn ich heute zurückkehren würde, begäbe ich mich in ernsthafte Gefahr.


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