«Sexismus findet heute subtiler statt»

#SCHWEIZER AUFSCHREI ⋅ #SchweizerAufschrei – seit Tagen ist das Netz voll mit dem Hashtag, der Sexismus thematisiert. Journalistin Anne-Sophie Keller und Genderforscherin Franziska Schutzbach, zwei Mitinitiantinnen, fordern damit einen gesellschaftlichen Diskurs.

16. Oktober 2016, 10:24
Interview: Alexandra Pavlovic

Anne-Sophie Keller, Franziska Schutzbach, Sexismus kommt täglich vor. Aktuell im amerikanischen Wahlkampf wegen Präsidentschaftsanwärter Donald Trump. Wie haben Sie Sexismus im Alltag erlebt?

Keller: Im Berufsleben muss ich mir seit Beginn Kommentare über meinen Kleidungsstil anhören. Zum anderen fallen dumme Sprüche, wenn ich mich gut mit männlichen Kollegen verstehe. Privat sind es die Belästigungen im Ausgang und aufdringliche Blicke im Tram, die belasten.

Anne-Sophie Keller Journalistin Zoom

Anne-Sophie Keller Journalistin (PD)

Schutzbach: Ich habe meine Erfahrung getwittert: «Der Typ, der mich als 14-Jährige im Wald verfolgte und mir an die Brüste griff.»

Was war denn der Auslöser für den #SchweizerAufschrei?

Schutzbach: Es gab in diesem Sinne nicht den einen bestimmen Auslöser. Ich fände es falsch, die Aktion aus aktuellem Anlass nur auf die Aussagen von Donald Trump oder die von SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler zu beziehen. Es war vielmehr die Kombination von verschiedenen Ereignissen, die uns veranlasst hat, die Diskussion loszutreten.

Franziska Schutzbach Genderforscherin Zoom

Franziska Schutzbach Genderforscherin (PD)

Wen soll die Aktion ansprechen?

Keller: Die Aktion betrifft alle. Wir brauche politische Vorstösse genauso wie einen gesellschaftlichen Diskurs. Ein virales Medium wie Twitter bietet sich dafür geradezu an. Es ist öffentlich, und wir erreichen dort viele Personen.

Schutzbach: Wichtig ist auch, dass unsere Botschaft bei Frauen ankommt. Nicht alles, was sie erleben, darf als normal angenommen werden. Gerade bei jüngeren Frauen hat die Sensibilität gegenüber dem Thema Sexismus stark abgenommen. Viele akzeptieren Übergriffe oder abschätzige Aussagen und sagen sich: Es ist halt einfach so. Das muss sich dringend ändern.

Es gibt auch Sexismus gegenüber Männern. Wollen Sie mit Ihrer Aktion auch das thematisieren?

Keller: Wer denkt, Sexismus betreffe nur Frauen, hat das Problem nicht verstanden. Unser Ziel ist die Gleichstellungsarbeit, alle müssen profitieren. Uns ist wichtig, dass die Realität aufgezeigt wird. Und da ist es nun mal so, dass 95 Prozent der Betroffenen Frauen sind und diese hauptsächlich von Männern diskriminiert werden.

Laufen Sie aber nicht Gefahr, alle Männer in einen Topf zu werfen und sie mit sexsüchtigen Machos gleichzusetzen?

Schutzbach: Nein, es geht darum, aufzuzeigen, dass Sexismus ein gesellschaftspolitisches Problem ist, das mit ungleicher Machtverteilung zu tun hat. Wir leben in einer Kultur, die sexistisches Verhalten unterschwellig legitimiert, in der das als «etwas nicht so Schlimmes» gilt. Deshalb passieren Übergriffe auch so häufig und haben selten Konsequenzen. Es gibt eine Art gesellschaftliche Übereinkunft, Frauen eher als Objekt denn als Subjekt zu sehen.

Eine deutsche Publizistin merkt an: Ob man etwas als sexistisch oder als Kompliment auffasst, hängt auch davon ab, was man diesem Menschen gegenüber empfindet. Wie sehen Sie das?

Keller: Das mag sein. Wenn man beispielsweise einen Mann wie George Clooney begehrt, empfindet man seine anzügliche Bemerkung vielleicht als nicht so schlimm. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass Männer abschätzen können, ob ihre Avancen erwünscht sind oder nicht.

Was erhoffen Sie sich von der Aktion in der Schweiz?

Schutzbach: Dass eine Sensibilisierung stattfindet, wir Vernetzungsmöglichkeiten schaffen und Sexismus im Alltag vor allem in der Gesellschaft wieder vermehrt zum Gesprächsthema wird. Es hilft schon, wenn zum Beispiel eine Lehrerin mit ihren Schülerinnen und Schülern die Thematik diskutiert.

Welche Rückmeldungen gab es bisher?

Keller: Die Frauen zeigten Solidarität. Auch seitens der Männer gab es positives Echo, so etwa von der Plattform männer.ch. Wir haben aber auch den Gegenwind gespürt. Wie immer, gab es hässliche Reaktionen und die üblichen Ausreden von «selber schuld» bis «das kann man ja nicht ernst nehmen».

Sexismus früher und heute – was ist anders?

Keller: Der Sexismus ist heute nicht weniger aggressiv als früher. Doch er findet subtiler statt. Macht ein Mann eine anzügliche Bemerkung, heisst es heute schnell einmal: «Ach komm, war doch nur ein Witz.»


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