Opfer bekommen bis Mitte Jahr Geld

SEXUELLE ÜBERGRIFFE ⋅ Die Bischofskonferenz macht vorwärts mit der Ausrichtung von Genugtuungsbeiträgen an die Opfer, deren Fälle verjährt sind. Die Betroffenen erhalten maximal 20000 Franken.
11. Januar 2017, 05:36
Balz Bruder

Balz Bruder

Es kommt Bewegung in die Ausrichtung von Genugtuungsbeiträgen für die «Opfer verjährter sexueller Übergriffe im kirchlichen Umfeld», wie die Aktion offiziell heisst. Nachdem die Schweizerische Bischofskonferenz (SBK) Anfang Dezember mitgeteilt hatte, dass ein mit 500 000 Franken dotierter Fonds geschaffen wird, sind die Vorarbeiten zwischenzeitlich erfolgreich abgeschlossen. Dies geht aus einem Brief des SBK-Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» hervor, der vom 20. Dezember 2016 datiert. Unterschrieben ist er von Präsident Giorgio Prestele und Sekretär Joseph M. Bonnemain.

Darin heisst es wörtlich: «Nun sind alle erforderlichen Vereinbarungen und Verträge unterschrieben.» Eine Zuger Anwaltskanzlei hat die Verwaltung des Fonds übernommen. Zudem stehen die Mitglieder der Genugtuungskommission fest. Dieser gehören «so weit möglich neu­trale Fachpersonen für Missbrauchsfälle» an sowie je eine Vertretung des Personalwesens einer Diözese, der Vereinigung der Höheren Ordensoberen der Schweiz (VOS) und einer staatskirchenrechtlichen Anstellungsbehörde. Ein inhaltlich und zeitlich bemerkenswerter Vorgang, nachdem erst Mitte des vergangenen Jahres die Richtlinien der SBK und der VOS über die Ausrichtung von Genugtuungsbeiträgen und Ende November die Vereinbarung zwischen der SBK, der VOS und der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (RKZ) unterzeichnet worden waren.

Was bedeutet dies für die 223 Opfer, die sich bis Anfang Dezember gemeldet haben? Gemäss den Ausführungen im erwähnten Schreiben können Fälle, welche die Kriterien der Richtlinien erfüllen, schon heute vorbereitet werden. Die Genugtuungskommission ihrerseits «wird nach ihrer Konstituierung die ­inhaltlichen und formalen Eckpunkte für einen Antrag zusammenstellen». In der Folge «können die Dossiers abgeschlossen und der Kommission eingereicht werden». Wie Prestele auf Anfrage ausführte, ist mit ersten Auszahlungen voraussichtlich gegen Mitte 2017 zu rechnen.

Die Genugtuung ­erfolgt dabei pauschal in Form eines einma­ligen Beitrags von höchstens 10000 Franken; in besonders schwerwiegenden Fällen kann sie maximal 20000 Franken betragen. Damit nimmt die katholische Kirche «ihre Verantwortung gegenüber den Opfern wahr» – dies im Bewusstsein, «dass es sich dabei nur um Gesten, nicht um Wiedergutmachung handelt, weil Geld den zugefügten Schaden und die erlittenen Nöte nicht beseitigen kann», wie es in den Richtlinien heisst.

Bischofskonferenz will nicht päpstlicher als der Papst sein

Hinzu kommt: Nicht jedes Opfer von sexuellen Übergriffen in der Kirche hat Anspruch auf einen Genugtuungsbeitrag. Zum einen dürfen Ansprüche von Betroffenen nicht bereits in einem staatlichen Verfahren beurteilt worden sein, zum andern müssen sie nach den Rechtsordnungen von Kirche und Staat verjährt sein. Die Ausrichtung erfolgt zudem subsidiär, das heisst nachrangig zu anderen Leistungen, die im gleichen Zusammenhang stehen. Wobei es immerhin eine Härtefallregelung gibt, wonach ausnahmsweise auch Personen in den Genuss eines Genugtuungsbeitrags kommen können, welche die Bedingungen nicht erfüllen. Und auch für den Fall, dass es sich bei den Opfern gleich­zeitig um solche fürsorgerischer Zwangsmassnahmen sowie sexueller Übergriffe in der Kirche handelt, wollen die Verantwortlichen nicht päpstlicher als der Papst sein.

Die Auseinandersetzung um verjährte sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld ist nicht neu. Mitte 2010 haben sich die Schweizer Bischöfe in Einsiedeln öffentlich zur «Mitschuld der Kirche» bekannt. Die Bischöfe versprachen dabei, «sich mit aller Kraft» dafür einzusetzen, «Missbrauch und Gewalt gegen Menschen im kirchlichen Raum zu verhindern und dort, wo dies trotzdem geschehen sollte, Opfern von Übergriffen die notwendige Hilfe zukommen zu lassen». Als Beschuldigte kommen Seelsorgende im Auftrag und mit der Missio canonica eines Bischofs, aber auch Ordensangehörige sowie kirchliche Mitarbeitende – vom Katecheten über den Sakristan bis zum Kirchenmusiker – in Frage. Die Fälle reichen bis in die 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts zurück.


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