Ein Unternehmer bewegt die Politik

Er hat den Bundesrat zur Schaffung eines Fonds für Verdingkinder bewegt, tut Gutes mit seiner Stiftung, investiert erfolgreich in marode Unternehmen und wurde mit Immobilien schwerreich: Ein Besuch bei Guido Fluri in Cham.

21. September 2015, 02:36
DENISE LACHAT

CHAM. Ein historisches Haus im zugerischen Cham, alte Holzmöbel und Ledersessel auf Hochglanzfliesen: Guido Fluri empfängt uns in der luxuriösen Eleganz seines Büros mit dem federnden Schritt eines ehemaligen Turniertänzers und mit einem herzlichen Händedruck. Er ist perfekt gekleidet, doch seine Art ist unkompliziert. Und als nach wenigen Minuten «Bürokater» Leo auf den Tisch springt und seine neun Kilo Körpergewicht zwischen den Gesprächspartnern ausstreckt, sagt Fluri erleichtert, «ich sehe, Sie mögen Katzen, dann ist es ja gut.»

Der 49jährige Unternehmer und Investor ist Multimillionär, verbringt die Wochenenden mit der Familie auf einem riesigen Gutshof am See, wo Ponies weiden und eine Yacht vor Anker liegt – und erschrickt trotzdem manchmal, wenn er das Portemonnaie zückt. «Plötzlich denke ich, es reiche nicht.» Vermutlich würde er sich so schämen, wie er sich als Kind geschämt hat, als ihn die Mutter im Dorfladen anschreiben liess. Eines Tages beschied ihm der Besitzer, die Mutter müsse jetzt zahlen, so gehe es nicht mehr.

Verstörende Verluste

Seine Mutter war 17, als sie schwanger wurde, seinen leiblichen Vater, einen verheirateten Mann, hat er nie gekannt. Kurz nach der Geburt erkrankte die Mutter an Schizophrenie. Fluri wurde herumgeschoben, lebte unter anderem im Kinderheim Mümliswil SO, was für ihn eine schwierige Zeit war, und später auch in Matzendorf SO bei seinen Grosseltern. Doch bald schon überstürzten sich die Ereignisse: Zunächst starb der Grossvater an Krebs, dann brannte das Haus der Grosseltern ab, und kurz darauf verlor Fluri auch noch seinen Onkel Peter, «meine Identifikationsfigur», in einem Autounfall. Die Leiche des Onkels wurde im Sarg im Haus aufgebahrt, die Schlafzimmer lagen darüber. Verstört durch das Erlebte wurde der junge Fluri von Panikattacken befallen. Seine Spenglerlehre musste er wegen mangelnder schulischer Leistung abbrechen.

Vom Tankwart zum Millionär

Heute führt Fluri sein Bedürfnis nach Sicherheit, nach «einem Dach über dem Kopf», auf diese traumatischen Erlebnisse zurück. Schon mit 20 wollte er ein Haus bauen – und er baute es: Mit den 6000 Franken, die er als Tankwart an der Autobahn in Oensingen als Trinkgeld verdient hatte, und einem Bankkredit von 54 000 Franken kaufte er ein Grundstück; dank der Wertsteigerung erhielt er ein Jahr später einen Baukredit. Und mit dem Verkauf des von ihm gebauten Dreifamilienhauses verdiente er seine erste Viertelmillion.

Es sollten noch viele Millionen folgen. Fluri scheint ein untrügliches Gespür zu haben für Objekte, die es sich zu kaufen lohnt – und schwimmt dabei erfolgreich gegen den Strom. Fluri sagt über sich selbst, er sei ein Antizykliker. Mit dieser Eigenschaft hat er ein Vermögen verdient: Zunächst in der Immobilienbranche, dann in der Industrie. Jetzt ist die Modebranche an der Reihe, mit der Pasito-Gruppe und dem Luxuslabel Luvé. Was er anpackt, rentiert, und daran glaubt Fluri auch diesmal felsenfest. Er zeigt mit lebhaftem Blick auf die kecke gelbe Ursula-Andress-Tasche in seinem Büro, die an der Markenlancierung in Venedig Furore gemacht hat.

Seit Fluri zudem die Marke Miss Schweiz gekauft hat, ist er nicht selten auf Fotos an der Seite von Stars und Prominenz zu sehen. Doch er wehrt ab: Das Showbusiness sei nicht seine Passion. Darum nutzte er die Plattform der Miss Schweiz auch gleich für caritative Zwecke und ging eine Zusammenarbeit mit dem Herzspezialisten Thierry Carrel ein.

Fluri ist «kein Linker», sondern einer, der an die Werte des Unternehmertums glaubt, an Eigeninitiative, Selbstdisziplin, der gleichzeitig aber auch den Sinn des Lebens in ein einziges Wort packt: Liebe. Nächstenliebe? Der Schritt dazu ist nicht weit für Fluri, der von sich sagt, er halte sich an christlichen Werten fest. «Ich will der Gesellschaft etwas zurückgeben.»

Lobby für die Aussenseiter

2010 hat er die Guido-Fluri- Stiftung gegründet, die er mit einem Drittel des Unternehmensgewinns alimentiert. Sie engagiert sich in den drei Bereichen Schizophrenie, Hirntumore und Gewalt an Kindern. Die Stiftung spiegelt seine Biographie, denn auch bei Fluri wurde ein Tumor festgestellt. Er hält sich im Gespräch nicht lange damit auf, sondern erzählt begeistert von geglückten Operationen, Plattformen und den unzähligen Kontakten, die er selber pflegt. Fluri hat das Kinderheim in Mümliswil gekauft und darin eine nationale Gedenkstätte für Heim- und Verdingkinder eröffnet, das Projekt der historischen Aufarbeitung von Kinderheimen in der Schweiz finanziert und schliesslich eine Volksinitiative für die Opfer von Zwangsmassnahmen lanciert. Plötzlich hatten jene, die vorher keine Stimme hatten, eine Lobby hinter sich; dank des Vermögens eines Unternehmers und des Einsatzes von PR-Profis rückte das Thema ins Scheinwerferlicht. Innert Kürze waren die Unterschriften für die Initiative gesammelt, die den Bundesrat zu einem Gegenvorschlag bewegt hat. Er fällt zwar etwas bescheidener aus, nimmt aber die Kernforderung eines Anerkennungsbeitrags für die Opfer auf. Ende September läuft die Frist zur Vernehmlassung ab.

Immer wieder läuft Fluri in der Wandelhalle des Bundeshauses an skeptischen bürgerlichen Politikern auf, immer wieder versucht er es erneut. «Man muss mit Fakten überzeugen und die Tragweite des geschehenen Unrechts erklären», sagt er.

Verbesserungen bei der Kesb

Doch Fluri blickt nicht nur in die Vergangenheit zurück. So hat ihn die aktuelle Diskussion um die Kesb-Fälle dazu bewogen, gemeinsam mit der Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz im Dezember eine nationale Tagung durchzuführen. Fluri sagt: «Die Kommunikation zwischen Fachkreisen und den Betroffenen, die oftmals in verzweifelten Situationen sind, muss viel besser werden. Ich will mit meiner Stiftung einen konstruktiven Beitrag leisten.»

Und dann breitet er die Arme aus und ruft: «Und jetzt alle diese Flüchtlinge, da muss die Schweiz doch etwas tun.» Fluri selbst wird versuchen zu helfen, er weiss nur noch nicht, wann und wie. Doch man merkt, in Gedanken ist er bereits unterwegs.


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