Freysinger, der Trump des Wallis

KANDIDATUR ⋅ Trotz umstrittener Amtsbilanz dürfte der Walliser SVP-Staatsrat Oskar Freyseinger die Wiederwahl im März locker schaffen. Was macht ihn so populär? Eine Annäherung.

17. Februar 2017, 08:29
Antonio Fumagalli

Antonio Fumagalli

 

An der Wand hängen Fotos von gealterten Rockstars. Und Werbegirlanden für billigen Schnaps. Die rund fünfzig Leute an der Bar tragen die Haare lang und die Kleidung schwarz. Es kann sich nur noch um Minuten handeln, bis das Konzert der Metal-Band beginnt. Denkt man. Der Mann, der im Pub «Le Manoir» die Bühne betritt, trägt zwar ebenfalls einen Rossschwanz, mit Anzug und Krawatte käme er für einen Hardrocker aber gar staatsmännisch daher. Es ist Oskar Freysinger, Walliser Regierungsrat, SVP-Parteivize, dreifacher Familienvater, Autor, Musiker, Querdenker und -schläger. Das Publikum strömt von der Bar in die angebaute Scheune, das Durchschnittsalter ist erstaunlich jugendlich. Neben Freysinger nehmen zwei weitere Kandidaten für die Walliser Staatsratswahlen vom März Platz (siehe Zweittext).

Thema der Podiumsdiskussion ist die Bilanz der Legislaturperiode, der Moderator ist gleichzeitig der Barbesitzer. Seine Fragetechnik beschränkt sich darauf, den Politikern das Rederecht zu erteilen. Eine Steilvorlage für den begnadeten Rhetoriker Freysinger: Er zählt diejenigen Projekte auf – etwa den neuen Justizrat, die Revision des Schulgesetzes oder die Verhandlungen um den Flughafen Sion –, welche seine «überaus erfolgreiche» Regierungstätigkeit unterstreichen sollen. Seine Frau sitzt am Rand und filmt alles mit ihrem Handy. Die Konkurrenten wirken ob des Redeschwalls eingeschüchtert. Ihr Widerspruch ist lau, aus dem Publikum kommt gar keiner. Freysinger hat hier, im Rocker-Pub von St. Maurice, ein Heimspiel. Seine Pointen kommen an, immer wieder brandet Zwischenapplaus auf. Ein Mann mit einer rot-weissen Baseballmütze sagt: «Die da draussen, die sind doch nur eifersüchtig auf ihn.» Denn draussen, zwischen Rhonekanal, Skipisten und Weinbergen, da geht es zurzeit rauh zu und her. So wie vermutlich noch nie in einem Walliser Wahlkampf. Und Freysinger ist mittendrin.

Bürgerbewegung lanciert aggressive Gegenkampagne

«Coupons-lui la queue» (Schneiden wir ihm den Schwanz ab) war die Homepage übertitelt, die vor zwei Wochen für gehörig Aufregung sorgte in der Romandie. Illustriert war die Seite mit einem abgeschnittenen Hinterkopf, an dem ein Rossschwanz hing. Auch dem uninformierten Betrachter war klar, dass hier kein Schulmädchen dargestellt wird. Wer hinter der klandestinen Aktion stecken könnte, blieb aber tagelang im Dunkeln – bis eine sechsköpfige Bürgerbewegung den Schleier lüftete. Der Slogan der Kampagne wurde mittlerweile auf «Coupons-lui la voie» (Schneiden wir ihm den Weg ab) abgeändert, der Tenor bleibt aber knallhart: «Oskar Freysinger muss weg – die letzten vier Jahre haben gezeigt, dass er als Regierungsrat schlicht nicht tragbar ist», sagt Initiant Gilles Brunner. Den aggressiven Start habe man bewusst gewählt, um aufzuzeigen, «auf welchem Niveau sich die Kampa­gne der SVP bewegt». Brunner spielt auf ein Zeitungsinserat an. Es zeigte eine weinende Mutter, die angeblich ihre Wohnung nicht mehr bezahlen kann, während der Kanton diejenigen von Migrationsfamilien subventioniere.

Das politische Establishment des Wallis stört sich am provokativen Ton der Kampagne, teilt deren Stossrichtung aber inhaltlich: «Freysinger benimmt sich wie ein talentierter Jugendlicher auf dem Schulhausplatz, mehr hat er nicht zu bieten. Für einen Staatsrat ist das zu wenig», sagt alt FDP-Bundesrat Pascal Couchepin. Auch der langjährige SP-Präsident Peter Bodenmann stellt ihm ein schlechtes Zeugnis aus: «Er rühmt sich dafür, den ‹Petit Prince› in der Schule eingeführt zu haben – das ist doch lachhaft. Seine Bilanz ist null Komma null.»

In der Tat säumt eine ganze Reihe von Krisen die Regierungstätigkeit des Bildungs- und Sicherheitsdirektors. Die wohl virulenteste musste Freysinger vergangenen Sommer aussitzen, als er sich wochenlang gegen die Entlassung seines untragbar gewordenen Chefbeamten Jean-Marie Cleusix stemmte. Der Chef der Dienststelle für Unterrichtswesen hatte seine Steuern nicht korrekt beglichen und mit unlauteren Praktiken von sich reden gemacht. Freysinger stellte ihn schliesslich vor die Türe, wollte ihm aber im Handumdrehen einen Posten am Gymnasium Oberwallis verschaffen. Nach Protesten verzichtete er darauf, fand Cleusix aber eine Stelle an der Kantonsschule von St. Maurice. Freysinger verteidigt das Vorgehen: «Es war die bestmögliche Lösung. Sie hat die Steuerzahler keinen Franken gekostet.»

Kein halbes Jahr später war er schon wieder arg unter Beschuss. Für ein Seminar sicherte er sich die Dienste des umstrittenen Buchautors Piero San Giorgio, der mehrfach durch rassistische und gewaltverherrlichende Äusserungen aufgefallen war. Als nach einer gemeinsamen Pressekonferenz ein Video auftauchte, in dem San Giorgio Behinderte verhöhnte, beendete Freysinger die Zusammenarbeit. Im Nachhinein sagt er, der Italiener habe ihn «verarscht». Dessen extremistische Gesinnung sei ihm nicht bekannt gewesen. Videoaufnahmen aus dem Jahr 2014 zeigen freilich, wie sie sich minutenlang unterhalten. Für Kritiker zeigen Vorfälle wie dieser das wahre Gesicht des Staatsrats – vordergründig ein sauberer Demokrat, im Kern ein ausgrenzender Aufwiegler mit keinerlei Berührungsängsten gegenüber Rechtsnationalisten und Hasspredigern. «Er muss sich nicht über dieses Image wundern, wenn er durch halb Nazi-Europa lungert», sagt Bodenmann und meint damit die Gastauftritte bei allerlei umstrittenen Politikern und Parteien. Die Liste reicht vom niederländischen Islamkritiker Geert Wilders (Freysinger: «Ein super Typ!») über den französischen Extremisten Pierre Cassen bis zur deutschen Rechtsaussenpartei AfD. Sie könnte endlos weitergeführt werden.

«Warum soll ich solche Einladungen nicht annehmen?»

Freysinger predigt dort jeweils das Hohelied der Schweizer Demokratie, geisselt die EU, rühmt den russischen Präsidenten Putin und warnt vor einer Islamisierung des Abendlandes. «Warum soll ich solche Einladungen nicht annehmen? Wir sind nicht in einer Diktatur, ich darf doch reden, mit wem ich will», sagt er. Überall würde er aber nicht hingehen, die FPÖ sei ihm zu radikal und die Angebote von Front-National-Chefin Marine Le Pen habe er stets ausgeschlagen («ihr Gesellschaftsprojekt ist zu etatistisch»). Dass er in der Öffentlichkeit in die braune Ecke gedrängt werde, sei «eklig», sagt Freysinger und enerviert sich. «Am Anfang habe ich mich noch vor dem Rufschaden gefürchtet, aber irgendwann hat es mir den Nuggi rausgehauen. Es kann doch nicht sein, dass ich mich einschüchtern lasse», sagt er. Die Grenzen des Rechtsstaats seien ihm heilig, er habe sie stets eingehalten.

Freysinger sieht sich als Gegenentwurf zur politischen Elite, bezeichnet sich als Guerillakämpfer gegen das Establishment. Solch plakative Aussagen stossen bei dem Teil der Bevölkerung, der sich «von denen da oben» nicht vertreten fühlt, auf fruchtbaren Boden. Das zeigt sich an den vielen Zuhörern in deutschen oder französischen Hallen, das zeigt sich im kleinen Konzertlokal im Unterwallis. Der Mann, der seit bald 30 Jahren mit der gleichen Frau zusammen ist, preist die traditionelle Familie (dass ausgerechnet sein Widersacher im Wallis, der frühere CVP-Präsident Christophe Darbellay, ein uneheliches Kind hat, habe damit nichts zu tun, sagt er), er beruft sich auf kulturelle, christliche, ja gar kantonale Werte, er grenzt ab. Einer seiner Wahlslogans lautet «Das Wallis zuerst», was natürlich von US-Präsident Donald Trump abgekupfert ist.

Freysinger fühlt sich von der Bevölkerung getragen

Ohnehin, Trump. Das übermässige Betonen der eigenen Identität, die als Show inszenierten Auftritte, das Streben nach einer konservativen Revolution, die Ablehnung von allem Fremden – der starke Mann des Wallis erinnert unweigerlich an den starken Mann Amerikas. Der Vergleich stört Freysinger nicht sonderlich. «Trump wird vom Establishment verteufelt, weil er Klartext redet. Das ist genau mein Schicksal», sagt er. In die Gilde des respektierten Politpersonals wird Freysinger nie aufsteigen, es ist ihm auch egal. Er fühlt sich von der Bevölkerung getragen und verweist immer wieder darauf, dass er vor vier Jahren als Neuling das beste Resultat aller Staatsräte machte. Auch diesmal scheint seine Wahl trotz Kritik ungefährdet. Das weiss die Bürgerbewegung «Coupons-lui la voie». Mittels Crowdfunding sammelt sie noch bis heute Geld, um allen 160000 Haushalten des Kantons eine Informationsbroschüre über Freysingers grösste «Fehlleistungen» zuzuschicken. Ihm damit den Weg abzuschneiden, bleibt unrealistisch. Das Rhonetal ist zu wenig eng.


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