Das Kopfproblem

PSYCHE ⋅ Fast jeder Dritte leidet an einer psychischen Erkrankung. Behandeln lässt sich die Mehrheit nicht, weil sie sich schämt, zu wenig über die eigene Krankheit weiss – oder keine angemessene Betreuung findet.
07. Januar 2017, 05:38
Dominic Wirth

Dominic Wirth

Es sind Zahlen, die aufhorchen lassen: Bis zu einem Drittel der gesamten Schweizer Bevölkerung leidet pro Jahr an einer psychischen Erkrankung. Zu diesem Schluss kommen verschiedene Berichte und Studien des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Die Bandbreite der berücksichtigten Leiden ist gross. Sie geht von Suchterkrankungen über Angststörungen und Depressionen bis hin zu Wahnvorstellungen oder Autismus. Am weitesten verbreitet sind affektive Störungen wie Depressionen; allein in der Schweiz sind laut BAG über 1,3 Millionen Menschen pro Jahr betroffen.

Zwar hat die Zahl jener Menschen, die sich wegen psychischer Probleme ärztliche Hilfe holen, in den letzten Jahren zugenommen. Laut der Schweizerischen Gesundheitsbefragung stieg der Anteil zwischen 1997 und 2012 von 4,1 auf 5,4 Prozent. Noch immer lässt sich die Mehrheit der psychisch Kranken aber nicht behandeln. Das BAG geht davon aus, dass nur ein Drittel bis die Hälfte der Betroffenen auch tatsächlich eine Behandlung in Anspruch nimmt. Das liegt laut Experten vor allem daran, dass viele Leute sich für ihre Erkrankung schämen und die Reaktionen von Angehörigen, Freunden oder Arbeitskollegen fürchten. Und diese Ängste kommen nicht von ungefähr: Verschiedene Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung Vorbehalte gegenüber psychisch Erkrankten hat. Sie werden etwa als gewalttätig, gefährlich oder unberechenbar empfunden.

Oft wird die Krankheit einfach hingenommen

Daniel Bielinski ist Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Er plädiert dafür, «die Leute zu motivieren, ihre Ängste und psychischen Nöte offenzulegen». In seinen Augen werden diese zu oft einfach hingenommen, statt aktiv etwas zu unternehmen. «Das liegt auch am fehlenden Wissen», sagt Bielinski, der am Spital Emmental als Chefarzt Psychiatrie arbeitet. Er stellt fest, dass viele Bürger zu lange warten, bis sie sich in eine Behandlung begeben. «Ein Drittel der Altersheiminsassen hat Depressionen, jeder zehnte Schüler leidet an Angstzuständen. Das muss uns doch nachdenklich stimmen», sagt Bielinski. Der Wiler fordert deshalb zusätzliche Massnahmen, um die Leute für psychische Erkrankungen zu sensibilisieren. «Wir müssen die vielen unbehandelten Fälle in unsere Angebote bekommen», sagt er.

Fehlendes Wissen und Angst vor einer Stigmatisierung sind aber nicht die einzigen Gründe dafür, dass viele psychisch Kranke ohne Behandlung bleiben. Denn wer seine Krankheit erkannt und sich dazu durchgerungen hat, ärztliche Hilfe zu beanspruchen, steht vor der nächsten Herausforderung: der Suche nach der geeigneten Behandlung. Und die gestaltet sich oft mühsam. Viele Psychiater und Psychotherapeuten haben lange Wartefristen. «Der Zugang zum System ist in der Schweiz sehr schwer», sagt Thomas Idhe-Scholl, Stiftungsratspräsident von Pro Mente Sana, einer Stiftung, die sich für psychisch beeinträchtigte Menschen in der Schweiz einsetzt. Idhe-Scholl spricht von einer «Behandlungslücke», die jene betrifft, die rasch Hilfe brauchen. «Wer im System ist, wird sehr gut betreut», sagt er. Die Wartefristen seien aber «ein grosses Problem».

Psychologen wollen in die Grundversicherung

Zum Problem der Wartefristen kommen weitere Behandlungslücken. Sie betreffen laut einer neuen Studie vor allem ländliche Gebiete. Und sie betreffen in besonderem Masse Kinder und Jugendliche. Hier sprechen die Studienautoren von einer «deutlichen Unterversorgung».

Auch Yvik Adler von der Föderation der Schweizer Psychologen (FSP) konstatiert eine «Versorgungsproblematik». Sie verlangt, dass künftig auch die Leistungen von Psychologen – und nicht nur jene von Psychiatern – von der Grundversicherung abgedeckt werden. «Die Fachpersonen, die es zum Schliessen der Behandlungslücken braucht, sind vorhanden. Wir müssen nur noch das System anpassen», sagt Adler. Laut FSP würde das dem schon unter Kostendruck stehenden Gesundheitssystem jährlich 130 Millionen Franken an Zusatzkosten aufhalsen. Diese Investition, so Adler, würde sich aber an anderer Stelle auszahlen: bei den indirekten Kosten. Heute betragen diese laut ihr 5,5 Milliarden. Gemeint sind etwa Arbeitsabsenzen oder Produktivitätseinbussen, die durch psychische Erkrankungen entstehen.

Beim Bund prüft man derzeit, ob ein Systemwechsel Sinn macht. Gleichzeitig hat das BAG Anfang Jahr eine Informationsoffensive in Sachen psychische Gesundheit angestossen. Federführend ist dabei die Stiftung «Gesundheit Schweiz».


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