Tagblatt Online, 12. September 2008 01:05:29
Frauen besser schützen
Opfer von Frauenhandel sollen nicht kriminalisiert werden, fordert eine Petition
Ob Opfer von Frauenhandel erkannt, betreut und geschützt oder einfach nur ausgeschafft werden, hängt vom Kanton ab. Die Kampagne gegen Frauenhandel fordert einheitliche und bessere Standards.
Barbara Spycher/Bern
Sie leben mitten unter uns. Doch ihr Schicksal bleibt meist im dunkeln: Opfer von Frauenhandel, die zur Prostitution gezwungen werden, mit Gewalt, hohen Schulden, Drohungen, nachdem sie mit falschen Versprechen aus Osteuropa, Afrika, Südamerika in die Schweiz gelockt worden sind. In den letzten Monaten hat die Kampagne «Euro 08 gegen Frauenhandel» das Thema ans Licht gezerrt – unter anderem mit aufrüttelnden Spots während der Fussball-Europameisterschaft.
Glück oder Pech
Gestern haben die Kampagnenverantwortlichen dem Bundesrat eine Petition mit über 70 000 Unterschriften übergeben. Diese fordert besseren Schutz für Opfer von Frauenhandel, mit schweizweit einheitlichen Standards: Die Kantone sollen Opfer von Frauenhandel nicht «kriminalisieren», sondern sie mit einer Aufenthaltsbewilligung schützen, ihnen eine Betreuung gewähren und die Behörden zur Weiterbildung und Kooperation mit Fachstellen verpflichten. Denn: «Ob eine betroffene Frau Schutz erhält, hängt davon ab, in welchem Kanton sie mit den Behörden in Kontakt kommt. Je nachdem hat sie Glück oder Pech», sagte Stella Jegher von Amnesty International. Das beginnt schon beim ersten Kontakt mit der Polizei, oft im Rahmen einer Razzia, bei der nach illegal anwesenden oder arbeitenden Sexarbeiterinnen gesucht wird.
Nicht unglaubwürdig
Dabei ein Opfer von Frauenhandel zu erkennen, ist nicht einfach. Häufig sind die Frauen nicht bereit, der Polizei ihre Situation darzulegen – aus Angst vor Repressalien. Zudem sind Opfer von Frauenhandel traumatisiert, was oft zu widersprüchlichen und lückenhaften Aussagen führt. Das muss eine Polizistin wissen, damit sie die Aussage nicht von vornherein als «unglaubwürdig» abtut.
St. Gallen als Vorreiter
Seit 2007 bietet deshalb das Schweizerische Polizei-Institut entsprechende Lehrgänge zum Thema Menschenhandel an. Bisher haben diese rund 50 Beamtinnen und Beamte absolviert. Erst vereinzelte Kantone – Zürich, St. Gallen und Freiburg – ziehen systematisch spezialisierte Beratungsstellen bei, um Opfer von Frauenhandel zu identifizieren.
Eine institutionalisierte Zusammenarbeit zwischen kantonalen Strafverfolgungsbehörden, Migrationsämtern und Beratungsstellen gibt es erst in neun Kantonen (unter anderem in Basel-Stadt und Baselland, Bern, St. Gallen und Zürich).
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