Tagblatt Online, 24. Januar 2012 01:07:41
Doppelstöckig nach München
SBB setzen auf Doppelstockzüge. (Bild: ky/Martin Rütschi)
Statt mit Neigezügen wollen die SBB mit neuen Intercity-Doppelstockzügen von Zürich schneller nach München fahren. Der Bund setzt den SBB ein Ultimatum.
TOBIAS GAFAFER
BERN. Die SBB wollen für den internationalen Verkehr demnächst die Beschaffung von 29 Hochgeschwindigkeitszügen ausschreiben – ohne Neigetechnik. Dieser Entscheid ist auch aus Ostschweizer Sicht brisant: Bisher war geplant, von Zürich über St. Gallen nach München respektive nach Stuttgart ab 2016 Neigezüge einzusetzen, um mit schnelleren Kurvenfahrten die Fahrzeiten deutlich zu reduzieren. Diese Versprechen sind mit dem Verzicht auf neue Neigezüge, der auf anhaltende Probleme mit diesem Rollmaterial im Italienverkehr zurückzuführen ist, nicht zu halten. Deshalb prüfen die SBB Alternativen: Im Vordergrund steht, mit neuen Intercity-Doppelstockzügen für die Ost-West-Achse bis nach München und Stuttgart zu fahren. Das sagt Jeannine Pilloud, Chefin der Division Personenverkehr, auf Anfrage. Konkret würde damit einer der zwei Triebzüge, die ab 2014 von Genf nach St. Gallen zum Einsatz kommen sollen, jede zweite Stunde weiter nach München fahren. Als Novum sollen diese sich im Bau befindlichen Doppelstockzüge mit einer Wankkompensation ausgerüstet werden, die ebenfalls schnellere Kurvenfahrten erlaubt. Laut den SBB könnten damit die versprochenen Fahrpläne eingehalten werden.
Nur in Absprache mit Bern
Der Bund macht Druck. «Wir erwarten von den SBB bis im Februar eine Auslegeordnung, wie die angestrebte Fahrzeit erreicht werden kann», sagt Andreas Windlinger, Sprecher des Bundesamts für Verkehr, auf Anfrage. Die Vorgabe, die Fahrzeit zwischen Zürich und München substanziell zu reduzieren, gelte weiterhin. Änderungen an der Planung könnten wegen Verträgen mit der Deutschen Bahn nur in Absprache mit dem Bund erfolgen. Denn Bern beteiligt sich mit 50 Millionen Euro an der geplanten Elektrifizierung und am Ausbau der deutschen Strecke von Lindau bis vor München für Neigezüge.
SBB haben grosses Potenzial
Bloss: Ob die deutschen Arbeiten bis 2016 abgeschlossen sind, ist angesichts leerer Staatskassen fraglich. SBB-intern sind die Zweifel gestiegen. Zudem bleibt offen, ob die geplante Wankkompensation in Deutschland eine Zulassung erhält – und nicht weitere Arbeiten an der Strecke nötig macht. Im Verkehr nach München ist das Potenzial der Bahn gegenüber dem Flugzeug jedenfalls gross. Bereits heute verzeichnen die SBB trotz Fahrzeiten, die seit Jahrzehnten praktisch unverändert sind, grosse Zuwachsraten.
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