Tagblatt Online, 20. Januar 2012 01:05:56
Volk entscheidet über Buchpreise
Zwischen Kulturgut und Massenware: Auslage einer Thalia-Buchhandlung in Basel. Die Thalia-Gruppe zählt rund 300 Filialen im deutschsprachigen Raum. (Bild: ky/Gaëtan Bally)
Am 11. März entscheidet das Stimmvolk über die Rückkehr zur 2007 abgeschafften Buchpreisbindung. Welche Wirkung Fixpreise auf die Buchbranche und das «Kulturgut Buch» haben, darüber gehen die Meinungen auseinander.
BARBARA INGLIN
Soll für den neusten Roman des brasilianischen Erfolgsautors Paulo Coelho in der ganzen Schweiz der gleiche Preis gelten? Oder darf der Grossverteiler den Bestseller deutlich günstiger anbieten als die Dorfbuchhandlung? Darüber entscheidet das Schweizer Stimmvolk am 11. März.
Verlage für Referendum
Vor einem Jahr hatte das Parlament die Wiedereinführung der in der Deutschschweiz 2007 abgeschafften Buchpreisbindung beschlossen. Dagegen wurde das Referendum ergriffen. Im Nein-Komitee vertreten sind FDP, SVP, die Jungfreisinnigen, die Piratenpartei und Teile von CVP, GLP und Junger SVP. Auch einzelne Buchhändler und Verlage stehen hinter dem Referendum. Sagt das Stimmvolk Ja, geht es weiter wie bisher: Jeder Verkäufer entscheidet selber, wie er die Preise setzen will. Bei einem Nein dürfen die Verlage wieder Buchpreise festsetzen, an welche sich die Verkaufsstellen halten müssen. Der Preisüberwacher kann intervenieren, wenn er den Preis als «unverhältnismässig» erachtet. Grössere Rabatte wären damit nicht mehr möglich.
Eine Frage der Perspektive
Zentraler Streitpunkt ist die Frage, welche Auswirkungen die Aufhebung der Buchpreisbindung vor fünf Jahren hatte. Denn ob die Bücher günstiger oder teurer wurden, hängt von der Perspektive ab. Einzelne Bestseller sind seit 2007 massiv billiger geworden. Vor allem grosse Ladenketten können diese in grossen Mengen einkaufen und entsprechend günstig an die Kunden weitergeben. Auf der anderen Seite sind weniger bekannte Bücher teils teurer geworden.
Mit Johanna Spyris «Heidi» als Symbol für das «Kulturgut Buch» kämpft das Komitee «Ja zum Buch» gegen das Referendum. Unterstützt wird es von Buchhändlern, Autoren und Verlegern, SP, BDP, den Grünen sowie Teilen der CVP und der Grünliberalen. Ihr Hauptargument: «Bücher sind keine Turnschuhe, sondern ein Kulturgut.» Über die Buchpreisbindung werde gewährleistet, dass der Preisunterschied zwischen Bestsellern und Nischenprodukten nicht zu gross werde.
Geld für unbekannte Autoren
«Wir sind auf Gewinne von Büchern, die sich fast von selbst verkaufen, angewiesen», sagt Marianne Sax, Präsidentin des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbands (SBVV). Können Bestseller teurer verkauft werden, haben die Verlage mehr Geld übrig, um noch unbekannte Autoren zu unterstützen, so die Argumentation. Zudem komme diese Art von Förderung ganz ohne staatliche Subventionen – sprich Steuergelder – aus.
Einnahmen fliessen ins Ausland
Aus Sicht der Gegner ist das «verfehlte Kulturpolitik». Sie halten entgegen: «Über 80 Prozent der Bücher werden aus dem Ausland importiert. Ob Schweizer Autoren auch nur einen Franken mehr bekommen, ist mehr als fraglich. Viel plausibler ist, dass über 80 Prozent der Einnahmen ins Ausland abwandern», heisst es auf der Internetseite «Nein zur Buchpreisbindung».
Die Befürworter der Preisbindung wollen dagegen auch die «vielfältige Buchhandlungs-Landschaft in der Schweiz fördern und das Buchhandlungs-Sterben in Randregionen stoppen». Buchhandlungen seien nicht nur Verkaufsgeschäfte, sondern «kulturelle Tankstellen und Begegnungsorte». Mit ihrer Beratung leisteten sie einen wichtigen und für den Staat unentgeltlichen Beitrag zum Service public. Auch für Schweizer Autoren seien die unabhängigen Buchhandlungen eine wichtige Plattform, da bei den grossen Ketten hauptsächlich Bücher von bekannten Autoren ins Schaufenster kämen.
«Gefährlicher Bumerang»
Die Gegner sehen das anders: Ein fixer Buchpreis könne den unausweichlichen Strukturwandel in der Branche nicht verhindern, sondern nur verzögern. «Die Preisbindung wird sich als gefährlicher Bumerang erweisen und dem Buchmarkt Schweiz irreversibel schaden.» Denn je höher die Preise in der Schweiz seien, desto häufiger würden sich Konsumenten direkt oder per Internet im Ausland mit Büchern eindecken. Und das schade dem Schweizer Buchmarkt langfristig viel stärker.
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