Tagblatt Online, 22. April 2010 01:03:57
«Mehr Komfort kostet mehr Geld»
«Als SBB-Chef muss ich als erster aufstehen, wenn der Zug voll ist»: Andreas Meyer. (Bild: Bild: Boris Bürgisser/NLZ)
SBB-Chef Andreas Meyer glaubt, dass die Bahnkunden bereit sind, mehr fürs Billett zu bezahlen. Zur umstrittenen Verteuerung der Gemeindetageskarte verspricht er, mit den Gemeinden eine Lösung zu finden. Und er erzählt von seinem Einsatz auf einer Rangierlok.
Herr Meyer, die Bahnkunden vermissen bei den SBB Sauberkeit und Pünktlichkeit mehr denn je.
Andreas Meyer: In einem System mit täglich 900 000 Kundinnen und Kunden und Tausenden von Güterwagen kann immer einmal etwas Kleines schiefgehen. Daraus lernen wir und suchen uns zu verbessern. Was Pünktlichkeit und Sicherheit betrifft, haben wir im letzten Jahr deutlich zugelegt und ein Rekordergebnis erzielt: 88,2 Prozent unserer Kundinnen und Kunden haben ihr Ziel mit weniger als drei Minuten Verspätung erreicht.
Im Vorjahr lagen wir bei 85,4 Prozent. Aber es gibt Bereiche, in denen die Kunden mit uns nicht zufrieden sind: beim Sitzplatzangebot oder der Sauberkeit in den Bahnhöfen. Weil wir das messen und wissen, sind wir in der Lage, uns auch bei diesen Werten zu verbessern.
Sie fahren selbst oft Bahn. Was stört Sie?
Meyer: Wenn Leute ihre Kleider oder Taschen so auf die Sitze legen, dass andere sie in Spitzenzeiten um einen Platz bitten müssen.
Das zeigt doch einfach, dass die Züge heute zu eng sind.
Meyer: Das glaube ich eben gerade nicht. Natürlich haben wir in Spitzenzeiten auf gewissen Strecken Engpässe bei den Sitzplätzen. Als SBB-Chef muss ich natürlich als erster aufstehen, wenn der Zug voll ist, ob ich nun erste oder zweite Klasse fahre. Aber im vergangenen Jahr musste ich das nur ein einziges Mal tun, und zwar von Sursee nach Luzern.
Sie argumentieren viel mit Messungen und Umfragen. Richtig glauben will Ihnen die Öffentlichkeit nicht – aber Sie wollen ab Dezember 6 Prozent höhere Ticketpreise verlangen. Wie meistern Sie den Spagat?
Meyer: Das ist kein Spagat. Wir müssen gute Leistungen erbringen, und dann akzeptieren unsere Kundinnen und Kunden auch den Preis. Ich erlaube mir aber auch zu sagen, dass wir insgesamt eine sehr gute Dienstleistung erbringen. Das merkt jeder, der aus dem Ausland in die Schweiz zurückkommt.
Und jeder weiss, dass es Geld kostet, wenn man mehr Komfort mit besseren Verbindungen und mehr klimatisierten Zügen verlangt. Dass die Kunden bereit sind, mehr zu zahlen, hat übrigens gerade eine spontane Umfrage unter den Teilnehmern des Swiss-Excellence-Forums in Luzern gezeigt: Die Mehrheit wäre bereit, für gute Leistungen mehr für ihr Ticket zu bezahlen.
Der Verband öffentlicher Verkehr, in dem die SBB der gewichtigste Partner sind, wird Ende Dezember die Preise erhöhen, unter anderem für Gemeindetageskarten. Das hat die Kunden und Gemeinden verärgert. Halten Sie daran fest?
Meyer: Das Grundproblem ist, dass der Ertrag der Tageskarte Gemeinde mit nur 6 Rappen pro Personenkilometer völlig ungenügend ist. Die Kosten der SBB liegen bei 16 Rappen pro Personenkilometer. Zudem kannibalisiert die Tageskarte Gemeinde das reguläre Tageskartensortiment. Eigentlich ist die Tageskarte Gemeinde ein Schnupperangebot, um Menschen, die ansonsten nicht viel Zug fahren, von den Vorzügen des öffentlichen Verkehrs zu überzeugen. Mittlerweile wird sie aber von eifrigen Bahnfahrern schlau als billiges Billett genutzt; mir hat der eine oder andere Geschäftsmann schon von diesem «Schnäppchen» berichtet. Darum wollen die Transportunternehmen den Preis der Karte anheben und deren Gültigkeit werktags einschränken, damit den Pendlern, die nicht ausweichen können, zu Hauptverkehrszeiten morgens mehr Sitzplätze zur Verfügung stehen. Der Verband öffentlicher Verkehr ist aber mit Gemeinde- und Städteverband am Lösungensuchen, wie wir dem ursprünglichen Sinn der Gemeindetageskarten Rechnung tragen können.
Sie haben auch vorgeschlagen, gezielt die Erstklass-Tickets zu verteuern. Wie konkret ist diese Idee?
Meyer: Wir haben beim Swiss- Excellence-Forum unter klassischen Erstklasspassagieren abstimmen lassen. Die Mehrheit wäre bereit, mehr zu zahlen für ein qualitativ gutes Angebot.
Wo ist da die Schmerzgrenze? Heute kostet ein Erstklassbillett zwei Drittel mehr als ein Zweitklassbillett.
Meyer: Das hängt stark von der Qualität des Angebots ab. Auf jeden Fall müssen wir weiter an der Differenzierung des Angebots arbeiten.
Am vergangenen Freitag präsentierten Sie die Geschäftszahlen der SBB. Ihr Lohn für 2009 betrug 982 305 Franken. Sind Sie damit zufrieden?
Meyer: Das ist ein Lohn, den der Verwaltungsrat so festgelegt hat. Wenn ich nicht zufrieden wäre, würde ich mich nicht so für das Unternehmen einsetzen.
Andere Wirtschaftskapitäne in ähnlich grossen Unternehmen verdienen aber ein Vielfaches Ihres Lohns. Ist das für Sie ein Ziel?
Meyer: Wäre das ein Ziel, würde ich nicht für die SBB arbeiten, sondern hätte andere Angebote angenommen. Wir machen bei den SBB eine spannende Arbeit, aber wir müssen für unseren Lohn auch hart arbeiten.
Sie arbeiten bei den SBB, weil es Ihnen gefällt, auch wenn Sie anderswo mehr verdienen könnten. Die Banken aber sagen, hohe Boni brauchten sie, um die besten Leute zu finden.
Meyer: Auch wir müssen die besten Leute finden. Aber dazu gehören die verschiedensten Elemente. Wer bei den SBB arbeitet, ist auch ein Bahnfan. Wir müssen aber bei Bereichen wie dem Finanzwesen oder der Informatik einen überdurchschnittlichen Aufwand leisten, um gute Leute zu finden. Trotzdem habe ich unserem Verwaltungsrat vorgeschlagen, unser Entlöhnungssystem zu überarbeiten, wobei wir Obergrenzen für Erfolgsprämien eingeführt haben. Bei jedem Unternehmen gibt es eigene Limiten.
Bei den SBB ist die Grenze ein Lohn von 1 Million Franken, die Sie knapp nicht geknackt haben. Bleibt die Grenze unangetastet?
Meyer: Das ist ein Entscheid, den der Verwaltungsrat trifft.
Sie sind zwar SBB-Chef, haben aber den Osterdienstag auf einer Rangierlok verbracht.
Meyer: Ich habe im Bahnhof Bern eine Rangiertour mitgemacht und geholfen, Abfall zu entsorgen. Ich habe dem ganzen Kader einen Fronteinsatz pro Jahr verordnet. Es ist ganz wichtig, dass der Bezug zum Bahnalltag nicht verlorengeht.
Traut sich ein Rangierlokführer, dem obersten Chef der SBB seine Meinung zu sagen?
Meyer: Oh ja. Das hat mich sogar sehr gefreut. Ich wurde empfangen mit dem Satz: «Ich weiss, wie wichtig Ihnen Sicherheit ist.» Entsprechend wurde ich während der ganzen Tour darauf hingewiesen, was ich nicht machen durfte. Einmal habe ich einen Anruf meines Sekretariats erhalten. Da wurde mir rasch gesagt, telefonieren sei in dieser Situation nicht erlaubt – weil man sonst unaufmerksam wird, wenn ein Zug kommt.
Interview: Fabian Fellmann
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