Tagblatt Online, 13. August 2009 01:03:10
Konsum trübt die Klimabilanz
Die Schweiz verursacht bis zu 2,5 Mal mehr Treibhausgase, als die nationale Statistik erfasst. Der Grund: Der hohe Konsum von Rohstoffen und Gütern, die im Ausland produziert werden. Fachleute reden von «grauen» Treibhausgasen.
HANSPETER GUGGENBÜHL
Ob wir die Wohnung heizen, ein Auto kaufen oder in die Südsee fliegen: In allen Fällen verbrauchen wir Energie, verursachen Treibhausgase und tragen damit zum Klimawandel bei. Doch statistisch werden die drei Tätigkeiten unterschiedlich registriert:
• Die direkte Heizenergie und deren Klimagase werden in der Schweiz von der Energiestatistik und vom offiziellen Treibhausgasinventar erfasst.
Dieses nationale Inventar erstellt der Bund jährlich, um zu zeigen, wie weit die Schweiz die Reduktionsziele des Klimaprotokolls von Kyoto erfüllt – oder verpasst.
• Die Energie- und Treibhausgase aus der Produktion unserer Autos hingegen schlagen sich in ausländischen Statistiken nieder, weil wir die Autos importieren. Umgekehrt belasten Ausländer unsere Treibhausgasbilanz mit, wenn sie Schweizer Exportgüter kaufen.
• Der Flug in die Südsee wird in keinem nationalen Inventar erfasst, weil das Kyoto-Protokoll die Treibhausgase des internationalen Luftverkehrs ausklammert.
«Grauer» Importüberschuss
Die drei Beispiele zeigen: Die Bevölkerung in der Schweiz verursacht im In- und Ausland mehr klimawirksame Gase, als die nationale Statistik ausweist. Denn unser Land importiert mehr energieintensive Rohstoffe und Güter, als es exportiert. Fachleute reden deshalb von einem Importüberschuss an «grauer Energie» und «grauen Treibhausgasen».
Dazu gehören auch die CO2-Emissionen von ausländischen Kohle- und Gaskraftwerken, deren Strom die Schweiz importiert (während sie CO2-freien Strom aus Wasserkraft exportiert). Wie gross aber ist diese Grauzone?
In einer internationalen Studie über den «Klima-Fussabdruck» erforschten die Norweger Edgar Hertwich und Glen Peters kürzlich, wie viele klimawirksame Gase die einzelnen Staaten im In- und Ausland verursachen – pro Kopf der Bevölkerung und Jahr.
Aufschlussreich sind nicht nur die grossen Unterschiede zwischen reichen und armen Staaten, sondern auch die Abweichungen gegenüber nationalen Klimainventaren (siehe Grafik). Das gilt speziell für kleine reiche Staaten, die über wenig Rohstoffe verfügen und viel Aussenhandel betreiben.
Schweiz in der Spitzengruppe
Für die Schweiz ermittelten Hertwich und Petersen Treibhausgase, die pro Kopf und Jahr der Wirkung von 18,4 Tonnen Kohlendioxid entsprechen.
Damit bewegt sich die Schweiz in der Spitzengruppe der Industriestaaten. Einzig die USA, Kanada, Australien sowie die reichen Kleinstaaten Luxemburg und Singapur tragen pro Kopf noch stärker zum Klimawandel bei. Erstaunlich ist: Die Menge, welche die Schweiz pro Kopf verursacht, ist 2,5 Mal so hoch wie die Menge, die das nationale Inventar innerhalb der Landesgrenzen registriert.
Wohlstand als Hauptursache
Der Hauptgrund für die Differenz: Die Bemessung der Klimagase nach Verursacherprinzip orientiert sich primär am Konsum, der in der reichen Schweiz sehr hoch ist. So stellt die Studie in allen Staaten eine hohe Korrelation zwischen Wohlstand und Klimagasmenge fest. Beim Inventar nach «Inlandprinzip» hingegen fällt die Produktion – und damit auch die weitgehend CO2-freie Schweizer Stromerzeugung – stärker ins Gewicht. Deshalb stösst die Schweiz gemäss offiziellem Inventar weniger Treibhausgase pro Kopf in die Luft als die meisten andern Industriestaaten.
Studien mit grosser Differenz
In einer nationalen Studie über «graue Treibhausgasemissionen» ermittelte die Beratungsfirma ESU-Services, dass die Schweiz pro Kopf und Jahr Klimagase im Umfang von total 12,5 Tonnen CO2-Äquivalent verursacht. Demnach erhöhen die «grauen» Klimagase die im Inland ermittelte Fracht auf den 1,7fachen Wert. Die relativ grosse Differenz zwischen den beiden Studien (1,7- bis 2,5facher Wert) sei auf methodische Unterschiede zurückzuführen, erklären auf Anfrage die Verfasser beider Studien. Der wahre Wert dürfte irgendwo dazwischen liegen.
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