Tagblatt Online, 22. Juli 2009 06:56:00
Hohe Erwartungen in den Imam
Der Imam soll in der Schweiz auch Seelsorger und Mittler zwischen den Kulturen sein. (Bild: Bild: ky/Dominic Favre)
Schweizer Moslems erhoffen sich von hier ausgebildeten Imamen eine bessere Anerkennung ihrer Gemeinde durch die Mehrheitsgesellschaft, sagt Ulrich Rudolph. Für Behörden hingegen sei die Mittlerfunktion zentral.
Herr Rudolph, was erwarten Moslems von «Schweizer» Imamen?
Ulrich Rudolph: Die Erwartungen sind relativ hoch. Man nimmt an, dass hier ausgebildete Imame zur Integration der Moslems und zur besseren Anerkennung der islamischen Gemeinden beitragen können. Weiter wird erwartet, dass «Schweizer» Imame den Islam der Mehrheitsgesellschaft verständlicher machen und mit anderen Religionsgemeinschaften einen Dialog führen können.
Das ist heute unmöglich, weil etwa ein türkischer Imam weder die reformierte Kirche noch den Bischof von Chur kennt.
Und in bezug auf die Jugend?
Rudolph: Es besteht die Erwartung, dass junge Moslems besser angesprochen werden können. Man darf nicht vergessen, dass die Moslems keine einheitliche Gruppe von Gläubigen sind, die täglich ihre Gebete verrichten. Wie in anderen Religionen gibt es alle Haltungen. In der Schweiz sind ungefähr 20 Prozent praktizierend.
Impliziert der Wunsch nach «Schweizer Imamen» auch die Abgrenzung gegenüber fundamentalistischen Imamen aus dem Ausland?
Rudolph: Das kommt auf die Moslems an, die befragt werden. Die Funktionäre in den islamischen Vereinen und Gemeinschaften – meist ältere Männer mit einem konservativen Islam-Bild – sehen das wahrscheinlich nicht so.
Aber viele andere Moslems – Intellektuelle, Ärzte, Gymnasiasten – sehen das auch als Abgrenzung gegenüber fundamentalistischen Imamen aus dem Ausland. Sie wünschen sich Imame, mit denen sie den Islam im Rahmen des schweizerischen Umfelds diskutieren können. Junge Moslems wollen Antworten auf konkrete ethische Fragen aus dem Alltag.
Auch mir sind schon solche Fragen gestellt worden, etwa «Darf ich einen Freund haben? Darf ich einen nichtmoslemischen Freund haben?» Das zeigt, wie drängend solche Fragen sein können.
Eine Mehrheit der Moslems hat sich dafür ausgesprochen, dass hier ausgebildete Imame die Fähigkeit zum kritischen Umgang mit Quellen und Kenntnisse des Schweizer Rechts haben sollten. Ist das ein Schritt hin zu einem «Euro-Islam»?
Rudolph: Das hat weniger mit Europa oder der Aufklärung zu tun als mit Bildung, die automatisch zu einem vielfältigeren Verständnis des Islam führt. Der Islam hat lange Zeit eine ganze Reihe von Möglichkeiten zur Interpretation angeboten. Angefangen von der Koranexegese bis zu den verschiedenen Rechtsschulen, ist er im Prinzip ein offenes System. Im Lauf seiner Geschichte hat er dann an Offenheit verloren.
Man könnte historisch wieder daran anknüpfen und fragen, warum ist es uns nicht gestattet, verschiedene Möglichkeiten der Koran-Auslegung zu nutzen, wo dies doch in klassischen Texten gang und gäbe ist. Es gibt eine ganze Reihe zeitgenössischer islamischer Denker, die das tun und deren Texte viel gelesen werden.
Und das Rechtssystem?
Rudolph: Die Frage nach dem Rechtssystem steht nicht im Vordergrund.
Es gibt hierzulande die Vermutung, dass die Moslems nur darauf warten, bis sie Teile des islamischen Rechts in der Schweiz einführen können. Dem ist nicht so. Die Anerkennung des Schweizer Rechts als Grundlage wird eigentlich nicht in Frage gestellt. Man sieht im Schweizer Recht vielmehr eine Garantie dafür, dass es gut läuft und alle die gleichen Rechte haben. Die Sharia wird – wenn überhaupt – mehr als ethische Frage diskutiert.
Das Zusammenleben junger Menschen ist zum Beispiel im Schweizer Recht minimal geregelt und ist insofern ein ethisches Problem. Die Sharia kann dann aufzeigen, was ethisch richtiges moslemisches Leben sein kann.
Die Moslems erhoffen sich von «Schweizer Imamen» eine bessere Integration, die befragten Schweizer Institutionen versprechen sich vor allem die Vermittlung von schweizerischen Werten und Normen. Sind das nicht zu grosse Erwartungen?
Rudolph: Vom Imam wird von den Befragten tatsächlich viel erwartet. In der islamischen Welt hat ein Imam ein begrenztes Wirkungsfeld als Vorbeter und Gemeindeleiter. Hier soll er zusätzlich auch Seelsorge betreiben, Kinder unterrichten, Jugendgruppen leiten, Senioren, Kranke und Häftlinge betreuen. Das Pfarrer-Bild wird sowohl von den Moslems wie von den Institutionen für Imame adaptiert. Für die Behörden ist die Mittlerfunktion des Imams zentral.
Sie erhoffen sich damit, einen Ansprechpartner zu erhalten, über den sie mit dessen Gemeinde kommunizieren können. Wenn heute etwa in der Schule ein Problem auftaucht, fehlt auf moslemischer Seite oftmals der Ansprechpartner.
Welche Art Islam-Ausbildung wird favorisiert?
Rudolph: Eine Hochschulausbildung wird von den meisten gewünscht, weil man damit ein gewisses Niveau und einen bestimmten Stellenwert verbindet und andere Religionsgemeinschaften ihre Ausbildung auch dort haben.
Gleich eine eigene Fakultät zu schaffen, ist wahrscheinlich zu hoch gegriffen. Die grundsätzliche Frage lautet: Will man eine Zusatzausbildung für bereits ausgebildete Imame oder eine Vollausbildung. Eine Zusatzausbildung würde Pädagogik, Schweizer Recht und Gesellschaft, interreligiöser Dialog und Sprache umfassen. Das hat den Vorteil, dass man das rasch umsetzen könnte und die Dozenten vorhanden wären.
Der Nachteil ist aber, dass der Kern der Ausbildung nicht hier stattfindet, die Imame also wesentlich von ihren Herkunfts-Gesellschaften geprägt wären. Die Vollausbildung würde alle Teile hier vorsehen, also neben den genannten auch die islamischen Fächer. In den islamischen Fächern wären die Dozenten dann Moslems, in den anderen aber bewusst nicht.
Interview: Philipp Hufschmid
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