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Tagblatt Online, 26. Juni 2009 09:53:00

Rezepte gegen Krisen

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Schlägerei im Schulhaus: Die unterste Stufe der Gewalt. (Bild: Bild: Hannes Thalmann)

BERN. Lehrpersonen sollen für den Ernstfall bereit sein. Der «Krisenkompass» ist ein Leitfaden, der besonnenes Handeln in brenzligen Situationen ermöglicht.

Florian Riesen

«Unser auf heute geplante Zirkusbesuch muss leider abgesagt werden.» Oder: «Der heutige Zirkusbesuch findet im Freien statt.» Mit diesen Sätzen soll die Schulleitung über die Lautsprecher im Schulhaus die Lehrer warnen, wenn ein Amok droht. Je nach Kommando müssen die Klassen dann an einen zuvor bestimmten geschützten Raum evakuiert werden oder sich im Schulzimmer verbarrikadieren.

Solche Verhaltensregeln bei einem sich abzeichnenden Amoklauf stehen im «Krisenkompass». Der Leitfaden zur Bewältigung von Krisen im Umfeld der Schule ist gestern in Bern den Medien präsentiert worden.

«Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich tragische Ereignisse wie in Erfurt oder in Winnenden auch in der Schweiz abspielen werden.» Dieser Überzeugung ist Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH).

Zur Erinnerung: In Erfurt kam es im Jahr 2002 zum ersten Schulmassaker in Deutschland. Ein 19jähriger Gymnasiast erschoss zwölf Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizisten, bevor er sich selbst tötete. In der süddeutschen Kleinstadt Winnenden hat vor drei Monaten ein Jugendlicher an einer Realschule 15 Menschen ermordet.

«Behörden, Schulleitungen und Lehrpersonen brauchen ein Handbuch wie den <Krisenkompass>, der ihnen eine Orientierung gibt und hilft, in Krisensituationen das Richtige zu tun.» Mit diesen Worten stellte Zemp gestern das neue Handbuch vor.

St. Gallen als Vorbild

Herausgegeben hat den «Krisenkompass» der LCH in Zusammenarbeit mit dem Schulverlag Plus.

Verschiedene Experten wie Notfallpsychologen, Kriseninterventionsspezialisten und Notfallseelsorger haben daran mitgearbeitet.

Im neuen Handbuch für Krisen im Umfeld der Schulen geht es aber um mehr als den Umgang mit Amok. Die Palette der Themen ist breit und reicht von Suchterkrankungen über sexuellen Missbrauch und Suizid bis hin zu Übergriffen auf Lehrpersonen. Ein solcher Übergriff im Kanton St.

Gallen im Jahr 1999 war es auch, der in der Schweiz zum tragischen Auslöser für den professionellen Umgang mit Krisen im Umfeld der Schule wurde. Damals wurde ein Reallehrer getötet, weil er eine seiner Schülerinnen vor sexuellen Übergriffen ihres Vaters schützen wollte.

Erstes Interventionsteam

Als erster Kanton baute St. Gallen darauf ein sogenanntes Kriseninterventionsteam auf. Laut Beat W. Zemp sind noch lange nicht in allen Kantonen ähnliche Vorkehrungen getroffen worden.

Dies gelte es nun an die Hand zu nehmen. Wichtig sei überdies, dass Lehrpersonen wüssten, wann sie sich an professionelle Hilfe wenden müssten. «Der St. Galler Lehrer würde heute noch leben, hätte er den Fall an eine Kriseninterventionsgruppe abgeben können. Ein solches Team gab es damals aber nicht.»

Geleitete Schulen als Pluspunkt

Projektleiter des «Krisenkompasses» ist Christian Randegger.

Der Kriseninterventionstrainer und Notfallseelsorger aus Seuzach bei Winterthur stellt seinem Heimatkanton Zürich gute Noten aus, wenn er die Strukturen zur Bewältigung von Krisen im Umfeld der Schulen unter die Lupe nimmt. Im Kanton gebe es mehrere sogenannte Care-Teams, die dort eingriffen, wo es brenne. Als Pluspunkt wertet er, dass im Kanton Zürich die geleiteten Schulen bereits flächendeckend eingeführt sind. Diese Strukturen erlaubten ein rascheres Handeln im Krisenfall.

Für Randegger gehört der «Krisenkompass» in jedes Schulhaus. Die darin beschriebenen Notfallkonzepte müssten aber auf die lokalen Verhältnisse abgestimmt werden.





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