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Tagblatt Online, 10. November 2008 07:32:00

«Wir haben ein Tabu gebrochen»

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Christine Bussat, Präsidentin des Vereins «Marche Blanche».

Mit wenig Geld, aber grossem Engagement verfolgen die Mitglieder von «Marche Blanche» ihr Ziel. Wer als Kind sexuell missbraucht wurde, soll als Erwachsener jederzeit die Möglichkeit haben, seinen Peiniger vor Gericht zu bringen.

Denise Lachat

NYON. Ein schwarzkonturierter Teddybär ziert die weisse Tafel neben dem Eingang zum Büro von «Marche Blanche». Das Plüschtier symbolisiert in vielen Ländern den Kampf gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern. Seit sieben Jahren führt eine kleine Gruppe von Romands diesen Kampf auch in der Schweiz.

Die Waadtländerin Christine Bussat war von einer Fernsehreportage über Kinderpornographie im Internet derart schockiert, dass sie im Frühling 2001 einen Aufruf zur Gründung eines Komitees lancierte. «Es kamen fünf Personen zum Treffen», erinnert sich die heute 37jährige Präsidentin der Vereinigung, die vom Bund ein stärkeres Engagement im Kampf gegen die Internetkriminalität forderte.

10 000 Leute demonstrierten

Schon der erste «weisse Marsch» im Oktober übertraf dann alle Erwartungen der Organisatoren: 10 000 Menschen demonstrierten in sechs Schweizer Städten, 5000 allein in Lausanne. Bussat sagt: «Wir hatten ein Tabu gebrochen. Erwachsene Menschen sprachen zum ersten Mal in ihrem Leben über ihre traumatischen Kindheitserinnerungen.»

Der Bund eröffnete daraufhin die 1999 stillgelegte Koordinationsstelle für die Bekämpfung der Internetkriminalität wieder und stockte sie von 2 auf 12 Personen auf. Seither hat die ebenso zierliche wie zähe selbständige Unternehmerin und Mutter zweier Kinder nicht mehr lockergelassen, obwohl sie eine anonyme Drohung erhielt. «Andere an ihrer Stelle wären wohl in Panik geraten», sagt Alain Zogmal, der 55jährige Jurist und Kampagnenleiter von «Marche Blanche».

Die Adresse in Nyon bleibt darum vertraulich. Auch aus einem anderen Grund: In der 37jährigen Aline Jeanneret, die beruflich für die Telefonhilfe «Die dargebotene Hand» tätig ist, hat die Vereinigung zwar eine Ansprechperson für Opfer, doch als Opferhilfeorganisation versteht sich «Marche Blanche» nicht. Vielmehr lobbyiert sie für die Verschärfung der geltenden Gesetze. «Darauf wollen wir unsere Zeit und Energie konzentrieren», erklärt Bussat.

Erfolge verbuchte «Marche Blanche» in zwei weiteren Fällen: Zum einen dürfen sich Agenten bei Ermittlungen gegen Pädophile infiltrieren, zum anderen hat ihre Forderung nach einem zehnjährigen Berufsverbot von verurteilten Tätern zu einer parlamentarischen Initiative geführt.

Die Anliegen von «Marche Blanche» fanden zunächst bei der Linken Gehör, seit die SVP die repressiven Forderungen unterstützt, habe sich dies aber geändert, bedauert Bussat. Sollte dieses Anliegen im Bundeshaus nicht durchkommen, so erwägt «Marche Blanche» die Lancierung einer Volksinitiative. «Das Volk lässt sich nicht von parteipolitischen Überlegungen leiten», glaubt Jeanneret.

Mit bescheidenen Mitteln

Diese Hoffnung knüpfen die Initianten auch an ihr Begehren, das am 30. November zur Abstimmung kommt und die Unverjährbarkeit von sexuellen Delikten an Kindern fordert. Für einen breiten Abstimmungskampf fehlt der Gruppierung zwar das Geld, und an Medienauftritten sieht man die fast ausschliesslich ehrenamtlich tätigen Initianten ebenfalls selten. Trotzdem brachte das kleine Komitee fast 120 000 Unterschriften zusammen. Die Initianten sehen darin den Beweis für eine hohe Dunkelziffer in der Schweiz. Wie viele Fälle wurden nie angezeigt? «Wir stehen vor einem echten gesellschaftlichen Problem», sagt Alain Zogmal.

Dass der Missbrauch von Kindern verjähren soll, ist für die Initianten eine unerträgliche Vorstellung. Kontakte mit Opfern haben sie davon überzeugt, dass viele erst Jahrzehnte später über das Erlebte reden können. «Dann sind sie vielleicht vierzig Jahre alt, und zunächst glaubt ihnen niemand. Da sollen sie nicht noch unter Zeitdruck stehen, um Anzeige zu erstatten», sagt Alain Zogmal. Dass Opfer neu bis zum 33. Altersjahr gegen Täter vorgehen könnten, wie dies der von Bund und Parlament ausgearbeitete Gegenvorschlag vorsieht, ist nach Ansicht der Initianten völlig unzureichend; erst ab einer Grenze von 45 Jahren hätten sie ihre Initiative allenfalls zurückgezogen.

«In Kanada geht es auch»

Dass ein Täter nach so langer Zeit schwer zu überführen sei und Opfer ein neues Trauma riskierten, weil Angeklagte mangels Beweisen freigesprochen würden, lassen sie als Argument nicht gelten. «Die Opfer kennen das Risiko eines Prozesses, und anderswo funktioniert es auch», sagen Zogmal und Bussat mit Blick auf Kanada, das keine Verjährung von Kindsmissbrauch kennt.

Und noch etwas anderes funktioniere in Kanada besser, ergänzt Aline Jeanneret. «Täter werden rasch und effizient betreut.» Darum weise Kanada eine Rückfallquote von maximal 30 Prozent auf, während es in der Schweiz bis zu 90 Prozent seien.





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